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Politik Inland
04/25/2020

Schlimmer als arbeitslos: Einzelkämpfer ohne Sicherheitsnetz

Das Geschäft weg, die Perspektive bestenfalls vage: Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise treffen die Kleinstunternehmen besonders hart.

von Michael Bachner

Allein die Namen und Bezeichnungen deuten schon die enorme Bandbreite der unterschiedlichen Befindlichkeiten und Probleme an: Neue Selbstständige, Kleinst-Gewerbetreibende, Gründer und Start-ups, Einpersonen-Unternehmen, Freiberufler, One-Man- oder One-Woman-Show.

Aber so viele verschiedene Namen sie auch haben mögen, den unternehmerischen Einzelkämpfern sind mindestens drei Dinge gemein, wie sich in der Corona-Krise ganz deutlich zeigt: Sie machen einen stark wachsenden Anteil der Klein- und Mittelbetriebe aus und werden daher mehr und mehr zu so etwas wie dem Rückgrat des Rückgrats der heimischen Wirtschaft. Rund die Hälfte aller Wirtschaftskammer-Mitglieder sind bereits sogenannte EPUs, also Einpersonen-Unternehmen.

Diese EPUs haben zweitens – aufgrund ihrer enormen branchenmäßigen Zersplitterung – kaum eine Lobby. Ein Unternehmensberater ist eben mit einem Licht- und Tontechniker im Veranstaltungsbereich nur schwer vergleichbar, die Yoga-Trainerin nicht mit der Catering-Anbieterin, der Rhetorik-Spezialist und Seminar-Anbieter ist wahrlich kein Hundefriseur oder selbstständiger Fotograf.

Hilfe bleibt oft aus

Und, drittens: Die EPU’s leiden unter den wirtschaftlichen Corona-Folgen besonders. Oft fehlt es an Reserven, oft gibt es noch kaum Stammkunden, oftmals wurde soeben erst gegründet oder investiert. Sprich: Das Sicherheitsnetz fehlt und Hilfe von außen gibt es nur wenig.

Nur allzu oft passen die recht komplexen Kriterien und Berechnungsmethoden der Regierungshilfspakete einfach nicht. Das wird landauf und landab lautstark beklagt. Mehrmals wurde hier zwar von Regierung und Wirtschaftskammer, die die Abwicklung über hat, nachgebessert. Das Rumoren lässt aber nicht nach, auch jetzt wieder wurden nicht wenige Unternehmen „vergessen“.

Allen voran jene, die noch Einkünfte aus Aufträgen und Projekten im Jänner oder Februar haben, daher aus dem Zwei-Milliarden-Härtefallfonds nichts bekommen – aber genau wissen, dass ihr Geschäft soeben endgültig einbricht und auch so schnell nicht wieder anspringen wird.

Zu alledem hinkt die soziale Absicherung vieler Selbstständiger jener bei den Unselbstständigen hinterher. Ein Umstand, der auch schon vor der Corona-Krise bekannt war.

Beispiel: Die freiwillige Arbeitslosenversicherung gibt es seit Jahren, genutzt wird sie de facto nicht. Auch in der verpflichtenden Krankenversicherung gibt es große Differenzen: Vom 20-prozentigen Selbstbehalt bis zum Krankengeld. Das bekommt man nur bei Krankenständen, die länger als 42 Tage dauern. Dann aber wenigstens rückwirkend ab dem 4. Tag ausbezahlt.

Für Sabine Jungwirth, Sprecherin der Grünen Wirtschaft , ist klar: „Die soziale Absicherung der Selbstständigen ist im letzten Jahrhundert stecken geblieben. Das Entstehen der Tausenden Mikro-Unternehmen ist in diesem System nicht vorgesehen.“

Anderes Beispiel: Seit Montag läuft Phase II des Härtefallfonds bei der Wirtschaftskammer. Maximal 6.000 Euro für April, Mai, Juni bekommen Anspruchsberechtigte. WIFO-Chef Christoph Badelt kann sich „nicht vorstellen“, wie ein Einpersonen-Unternehmer mit monatlich 2.000 Euro seine Fixkosten (z. B. Miete) decken soll und von dem Geld – mangels anderer Einkünfte – auch noch leben soll. Henrike Brandstötter, EPU-Sprecherin der Neos, formuliert härter. Ihrer Ansicht nach werden die Kleinstunternehmen von der Regierung „zu Almosenempfängern gestempelt“.

Etwas mehr als 300.000 Einpersonen-Unternehmen gibt es in Österreich. Nicht ganz die Hälfte aller Mitglieder in der Wirtschaftskammer sind solche Einzelkämpfer. Es handelt sich beispielsweise um selbstständige Grafiker und Webdesigner, Trainer, Coaches und Unternehmensberater bis hin zu Generalunternehmern, die vielleicht projektbezogen andere Selbstständige beschäftigen.

Nicht viel mehr als 1.000 Selbstständige dürften nach Schätzungen eine freiwillige Arbeitslosenversicherung  haben. Häufiger sind Berufsunterbrechungsversicherungen.

Nur 8.000 Tausend Euro (brutto wie netto)  beträgt das Jahresdurchschnittseinkommen von selbstständig tätigen Frauen in Österreich.

Zwei getrennte Töpfe

Das sieht Jungwirth von der Grünen Wirtschaft nicht gar so drastisch, schließlich gebe es neben dem Härtefallfonds ja auch noch den wesentlich größeren Corona-Krisenfonds, dotiert mit 15 Milliarden Euro.

Daraus würden Überbrückungskredite und am Jahresende Zuschüsse für Fixkosten und ein Ersatz für das Unternehmer-Einkommen finanziert. Aber auch Jungwirth meint: Aktuell wurde der Zeitraum bis Mitte Juni als die Corona-Monate definiert. Vom Veranstaltungsbereich bis zum Tourismus werde die Krise aber zumindest bis weit in den Sommer hinein dauern. Jungwirth: „Deshalb gibt es auch so großen Aufruhr.“

Gerald Mayer-Rohrmoser, 34, hat sich als selbstständiger Fotograf spezialisiert auf Hochzeiten, Veranstaltungen und Porträts. Der Corona-Lockdown hat seine Einnahmen um 91 Prozent reduziert. Bis inklusive September haben alle Kunden die Aufträge storniert, „und ob es im Oktober oder November weiter geht, weiß niemand“. Dennoch, sagt der Fotograf, war seine erste Reaktion auf den Lockdown: „Gesundheit geht vor.“ Er hat Lebensmittel gekauft und sich auf die Krise eingerichtet.

Seine finanziellen Lebensumstände haben sich seither dramatisch verändert: „Ich habe  null soziale Absicherung und lebe von hart Erspartem, das ich zur Seite gelegt habe, um einmal Investitionen in mein Geschäft tätigen zu können.“ Ein zweites Fangnetz ist seine Frau: „Zum Glück ist sie angestellt und nicht in Kurzarbeit.“

Die Hilfe der Regierung aus dem Härtefallfonds sei sehr undurchsichtig, „dauernd werden die Regeln geändert“. Und viele Hilfen wie Kredite oder der Aufschub von Steuern und Abgaben würden Kosten lediglich auf später verschieben. „Aber ich will nicht mit Belastungen in eine unsichere Zukunft gehen.“ Daher bezahlt er seine Kranken- und Pensionsversicherung mit Erspartem.

DK

Schaut man sich den Internetauftritt von Claudia Gamsjäger (www.himmlisch-catering.at) an, läuft einem das Wasser im Mund zusammen, so schmackhaft werden die Speisen präsentiert. Doch das sind Archiv-Aufnahmen. „Momentan ist mein Geschäft auf Null-Komma-Null herunten. Ich bin arbeitslos“, sagt die One-Woman-Show aus Wienerherberg (NÖ) südöstlich von Wien.

Vor ein paar Jahren hat sie groß investiert, ihren Vertriebsjob aufgegeben und sich ins Catering gestürzt.  Ihr Hauptgeschäft macht sie zu zwei Drittel mit Firmen-Schulungen und zu einem Drittel mit privaten Feiern und Hochzeiten. Beides gibt es derzeit nicht. Gamsjäger sagt: „Ich glaube kaum, dass das Geschäft im Juni, Juli  wieder anspringt. Ich hab schon Absagen bis in den August.“

Momentan lebt die Unternehmerin mit vierjährigem Sohn von Rücklagen, die sie für spätere Steuerzahlungen angelegt hat.  Ihr Lebensgefährte hat seine Arbeit verloren, aus dem Härtefallfonds hat sie nur 500 Euro bekommen. Auch jetzt in Phase II „rechne ich nicht mit viel“.  

Aber: Gamsjäger will keinesfalls in die weitverbreitete Jammerei einstimmen: „Ich versuche, aus der wirtschaftlich schlechten Zeit, emotional das Beste zu machen.“

miba

Wer mit Ingrid Amon spricht, ahnt sofort, dass es sich bei ihr um eine Frau, mit einer ganz besonderen Stimme handelt. Die frühere Radio-Moderatorin ist eine bekannte Stimm- und Sprech-Expertin und lebte – bis zur Corona-Krise – von Seminaren, Vorträgen, Coachings usw.

Jetzt herrscht geschäftlich Flaute und die Powerfrau aus Bludenz, die seit 1985 in Wien lebt, leiht nun den vielen frustrierten Freiberuflern etwa auf Facebook ihre Stimme. Sprich, sie lobbyiert ein wenig für ihre Anliegen und hofft, dass die Regierung „endlich erkennt, dass die Kleinsten eine tragende Säule der Wirtschaft sind und nicht nur Bittsteller sein dürfen.“

Coaches, Vortragende, wie überhaupt Menschen aus dem Veranstaltungsgeschäft, bekämen ihre Honorare sehr oft erst zwei Monate später bezahlt. Das sei völlig üblich. Da gebe es also im März und April vielfach noch Einkünfte aus dem Jänner und Februar.  Amon: „Das heißt, der Lockdown trifft sie nur später, sie bekommen jetzt nichts aus dem Härtefallfonds. Für viele Menschen fangen die Probleme deshalb jetzt erst an.“

Freiberufler, die sich das leisten konnten, hätten außerdem sehr oft Berufsunterbrechungsversicherungen abgeschlossen. Diese wollen jetzt nicht auszahlen, Klagen seien unterwegs. Helfen könnte nur eine Klarstellung der Regierung.  

miba

Der kommende Sonntag wäre – ohne Corona-Krise – für Kathrin Bielowski eigentlich ein Feiertag gewesen. Da jährt sich die Eröffnung ihres  Yogastudios in der Innsbrucker Innenstadt zum vierten Mal. „Heuer hätte ich nach all den Anfangsinvestitionen zu verdienen begonnen“, sagt die 40-Jährige.

Im „Raum am Museum“ gibt Bielowski selbst Yogastunden, vermietet aber auch Kurs- und Therapieräume. Doch seit 15. März ist damit Schluss. Nach Ostern wären die neuen Kurse gestartet. Stattdessen sind die Einnahmen auf null gefallen. 

Wann und ob Yoga wieder in Gruppen unterrichtet werden kann, ist völlig unklar. „Über Indoorsportarten wurde bislang noch nichts gesagt. Ich denke, dass wir dort am ehesten reinfallen. Aber ich kriege von nirgendwo Infos.“ Die Annahme, dass vielleicht pro Kursteilnehmer 20 Quadratmeter bereitgestellt werden müssen, ist auch nicht rosig. „Dann könnte ich nur zwei statt bislang zwölf Leute unterrichten. Das rechnet sich nicht“, sagt die Innsbruckerin. „Und Yoga mit Mundschutz wäre absurd.“  

Aus dem Härtefallfonds hat Bielowski 1000 Euro bekommen, ihr Vermieter kulanter Weisen auf zwei Mieten verzichtet. Alle anderen Fixkosten laufen aber weiter. Und ewig kann das so nicht weitergehen. Der Lebenspartner der zweifachen Mutter ist zudem  in Kurzarbeit.

Ciwi

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