Weißmann: "Es hat meinen Ruf ruiniert, aber auch dem ORF massiv geschadet"
KURIER: Es sind mittlerweile mehr als 40 Tage seit dem Wochenende vergangen, an dem Sie sich aus dem ORF zurückgezogen haben. Wie oft müssen Sie an diese Stunden und Tage denken, wie sehr hat sich das in Ihr Gehirn eingebrannt?
Roland Weißmann: Im Prinzip habe ich immer einen starken Blick nach vorwärts. Auch jetzt. Ich habe mich auf die Compliance-Befragung gut vorbereitet. Wir haben jetzt in einer Pressekonferenz unsere nächsten Schritte für den Zeitpunkt skizziert, wenn die Kündigung eintrifft. Und ich bin anwaltlich gut vertreten. Das ist das eine. Das andere ist, was so etwas aus einem Menschen macht. Natürlich beschäftige ich mich intensiv damit. Ich komme auf immer mehr Details drauf. Wer hat mir wann und wo was gesagt. Das beschäftigt mich intensiv, weil es in den kommenden Verfahren eine große Rolle spielen wird. Menschlich ist es die größte Krise, die ich in meinem Leben jemals gehabt habe, das muss ich ganz offen sagen.
Wie bewältigen Sie das? Mit Sport? Mit Laufen?
Sport betreibe ich immer. Ich habe mir auch psychologische Hilfe gesucht. Warum? Weil es die größte und schwierigste Transformation in meinem Leben ist, der ich jemals ausgesetzt war. Man ist an einem Tag ein erfolgreicher Generaldirektor, am nächsten Tag räumt man im Büro seine Sachen in drei kleine Kisten. Nach 31 Jahren im ORF. Ich habe seither den ORF nicht mehr betreten, konnte mich auch nicht von meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verabschieden.
In einem Gespräch mit Medien haben Sie und Ihr Anwalt diese Woche darauf verwiesen, dass der Druck von der Führung des Stiftungsrates an besagten Tagen entscheidend war, dass Sie zurückgelegt haben.
Die Spitze des Stiftungsrates hat nicht nur Druck ausgeübt, man hat mich zum Rücktritt gezwungen. Sie haben immer gesagt, es ist auch völlig egal, ob der Vorwurf stimmt oder nicht. Ich habe die sexuelle Belästigung von Beginn an zurückgewiesen. Sie haben den Vorwurf auch gar nie untersucht. Sie haben nur gesagt, dass es ein Schaden für den ORF wäre, wenn auch nur der Vorwurf in der Öffentlichkeit bekannt wird. Im Nachhinein hat sich nun herausgestellt, dass der Vorwurf nicht stimmt.
Das Ganze soll über mehrere Tage so gegangen sein. Stimmt das?
Viel Zeit ließ man mir nicht. Sie haben mir gesagt, dass ich mich mit dem Anwalt der Frau einigen und zurücktreten muss. Das Ganze dürfe nie bekannt werden. Die intensive Phase der Gespräche war dann von Freitag bis Sonntag. Da hat es ständig geheißen, du musst zurücktreten. Es dürfe nichts öffentlich werden, es müsse Schaden vom ORF abgewendet werden. Ich bin dann zurückgetreten. Aus wichtigem Grund gemäß Paragraf 26 des Angestelltengesetzes, eben nicht freiwillig. Danach machten die Vertreter des Stiftungsrats eine 180-Grad-Wende. Dann hat es plötzlich geheißen, jetzt machen wir diesen Vorwurf öffentlich. Ein ungeprüfter Vorwurf, der – wie wir jetzt wissen – unwahr ist und dennoch veröffentlicht wurde. Diese Veröffentlichung hat meinen Ruf ruiniert aber auch dem ORF massiv geschadet. Das war den Beteiligten aber dann auf einmal egal.
Wieso ist das so gelaufen?
Wir reden hier von einer Aussendung am 9. März um 8.58 Uhr, wo der Vorwurf ungeprüft zu lesen war. Der ORF ist das größte Kommunikationsunternehmen und jetzt höre ich, dass es im ORF schon Diskussionen gibt, wer für diese Aussendung verantwortlich ist. Die Stiftungsräte, die maßgeblich daran beteiligt waren, oder ein Bereich der Geschäftsführung. Das ist absurd. Eines habe ich als Generaldirektor immer gemacht, ich habe Verantwortung übernommen. Jetzt muss man auch da Verantwortung übernehmen, alles andere ist inakzeptabel. Eigentlich erwarte ich mir eine Entschuldigung für diese unwahren Vorwürfe, die veröffentlicht worden sind.
Wer für die Aussendung verantwortlich ist, müsste eigentlich klar sein – es stehen die beiden Stiftungsräte Lederer und Schütze als Personen für etwaige Rückfragen auf dem Papier.
Mein Ansprechpartner ist in diesem Fall aber der Österreichische Rundfunk. Der ist Medieninhaber dieser OTS-Aussendung, und irgendjemand dort muss quasi ja auf den Knopf gedrückt haben, damit die Aussendung raus geht. Und nachdem ich in besagter Nacht bis ein Uhr in der Früh verhandelt, ja fast schon gebettelt habe, weiß ich ganz genau, wer verantwortlich ist.
4. März 2026:
Die Vorsitzenden des ORF-Stiftungsrats, Heinz Lederer und Gregor Schütze, sowie die Publikumsratsvorsitzende Gabriele Zgubic-Engleder erfahren in einer Wiener Anwaltskanzlei von Vorwürfen der sexuellen Belästigung einer ORF-Mitarbeiterin gegen Generaldirektor Roland Weißmann.
Die betroffene Frau fordert u. a. seinen Rückzug.
8. März:
Weißmann tritt nach langen Verhandlungen von seiner Funktion zurück, am 9. März wird die Öffentlichkeit per Aussendung informiert. Darin enthalten sind auch die Vorwürfe sexueller Belästigung, die Weißmann bestreitet.
12. März:
Ingrid Thurnher wird vom Stiftungsrat zur vorläufigen ORF-Chefin gewählt und kündigt eine umfassende Aufarbeitung durch Compliance-Experten an.
17. März:
Weißmann teilt mit, Strafanzeige gegen mehrere Personen einzureichen. Am selben Tag meldet sich die betroffene Frau in einem Interview zu Wort und dementiert Weißmanns Darstellung einer einvernehmlichen Beziehung.
8. April:
Das Ergebnis der Compliance-Untersuchung wird bekannt: Diese kommt zum Schluss, dass keine sexuelle Belästigung im strafrechtlichen Sinn sowie im Sinne des Gleichbehandlungsgesetzes vorliege. Der ORF kündigt jedoch eine Kündigung Weißmanns wegen des „Anscheins eines unangemessenen Verhaltens“ an. Dem Vernehmen nach wurde diese am Freitag versendet, Weißmann will dagegen vorgehen.
15. April:
Der ORF-Redaktionsausschuss spricht vier Mitgliedern des Stiftungsrats das Misstrauen aus, darunter Lederer und Schütze, die seit Weißmanns Rücktritt in der Kritik stehen.
17. April:
Die Betroffene widerspricht dem Ergebnis der Compliance-Untersuchung und kündigt rechtliche Schritte gegen den ORF und Weißmann an.
Die Causa geht auf eine Beziehung mit einer ORF-Mitarbeiterin vor mehr als vier Jahren zurück. Wie schwierig ist es da, alles von damals wieder zu rekonstruieren?
Ich habe die genauen Vorwürfe sehr lange nicht gewusst. Ich bin dann im Detail erst bei meiner Compliance-Befragung damit konfrontiert worden. Natürlich habe ich am 4. März von dem mutmaßlichen Vorwurf erfahren, den ich damals zurückgewiesen habe. In der langjährigen Beziehung war von Anfang an alles einvernehmlich und wechselseitig. Das hatte ich auch von Anfang an gesagt. Ich habe dann innerhalb von 24 Stunden meine ersten Aktennotizen zusammengestellt und mich auf die Compliance-Befragung intensiv vorbereitet. Die Befragung selbst hat ja fünfeinhalb Stunden gedauert. Ich habe dort ausgesagt, wie ich alles empfunden habe. Ich habe alle Fragen beantwortet und nichts weggelassen. Das Ergebnis war, dass es eindeutig keine sexuelle Belästigung war.
Haben Sie seit dem Tag, an dem Sie erstmals mit den Vorwürfen konfrontiert worden sind, mit der besagten Frau Kontakt gehabt oder sie gar getroffen?
Nein.
Als die Vorwürfe publik geworden sind, wurde sofort über eine mögliche Intrige diskutiert, die hinter all dem stecken könne. Haben Sie das Gefühl, dass diese Aktionen gesteuert waren?
Natürlich macht man sich seine Gedanken darüber. Ich sage aber ganz offen, es gibt diesbezüglich eine Strafanzeige von mir. Die muss jetzt aufgearbeitet werden. Ich werde mich an dieser Schmutzwäsche aber nicht beteiligen. Manche Dinge werden in der Öffentlichkeit kolportiert, da kann sich jeder seinen Reim darauf machen. Persönlich erfahre auch immer mehr rund um diese Geschichte. Überraschend ist dabei für mich, dass schon sehr viele Personen im Vorfeld davon gewusst haben, bevor ich mit den Vorwürfen konfrontiert worden war. Offensichtlich hat man das schon länger vorbereitet gehabt. Aber damit sollen sich die Gerichte beschäftigen.
Im Zusammenhang mit einer möglichen Intrige wurde der Name von ORF-Manager Pius Strobl genannt. Der Grund soll ein Pensionsvertrag um rund 2,4 Millionen Euro sein, den Sie nicht umsetzen wollten.
An diesen Diskussionen beteilige ich mich nicht. Da vertraue ich auf die österreichische Justiz. Darüber hinaus ist bekannt, dass es mit Pius Strobl eine Auseinandersetzung gegeben hat rund um seinen Pensionsvertrag, den ich ihm nicht zuerkannt habe. Meine Nachfolgerin und potenzielle Interims-Generaldirektorin Ingrid Thurnher hat sich den Akt auch angeschaut und so entschieden, wie ich es getan hatte.
Das Ergebnis der Compliance-Befragung war, dass es keine sexuelle Belästigung gegeben hatte. Gleichzeitig wurde Ihre Kündigung verkündet, weil es sich um ein für einen Generaldirektor mögliches unangemessenes Verhalten gehandelt habe. Wie sehen Sie das?
Für mich ist das Ergebnis der unabhängigen Compliance-Stelle entscheidend, dass es zu keiner sexuellen Belästigung gekommen ist. Ich kenne die Aussage, dass ich gekündigt worden bin. Bis heute habe ich diese Kündigung noch immer nicht schriftlich zugestellt bekommen. Wenn sie da ist, werde ich sie anfechten.
Sie haben sehr lange mit Ingrid Thurnher zusammengearbeitet. Sind Sie jetzt enttäuscht, dass sie so gehandelt hat? Immerhin mussten Sie Ihre Kündigung aus den Medien erfahren.
Ich habe Ingrid Thurnher vor vier Jahren als Hörfunkdirektorin vorgeschlagen. Jetzt gehen wir möglicherweise in eine gerichtliche Auseinandersetzung, wo wir natürlich unterschiedliche Positionen beziehen. Darüber hinaus war ich 31 Jahre beim ORF – ich bin es derzeit eigentlich immer noch –, insofern wünsche ich ihr für die großen Herausforderungen alles Gute. In einer gerichtlichen Auseinandersetzung macht es überhaupt keinen Sinn, sich von Emotionen leiten zu lassen. Im Gegenteil, da geht es um Ratio.
Ingrid Thurnhers Herausforderungen sind tatsächlich groß, weil der ORF befindet sich in einer seiner größten Krisen.
Ich habe in der Nacht von 8. auf den 9. März den Stiftungsräten immer gesagt: Macht diese Aussendung mit den ungeprüften Vorwürfen nicht. Einerseits, um Schaden von mir abzuwenden, andererseits auch, um Schaden vom ORF abzuwenden. Das war auch den Verantwortlichen bewusst. Der ORF ist dadurch in eine seiner größten Krisen der vergangenen 20 bis 30 Jahre geschlittert.
Seit dem Beginn der besagten Affäre Anfang März kommt der ORF nicht mehr aus den negativen Schlagzeilen.
Das Vorgehen des Stiftungsrats in meinem Fall hat einen regelrechten Flächenbrand ausgelöst. Irgendwer hat immer mit irgendwem eine Rechnung offen.
Sie sind mit Ihrem Anwalt in die Offensive gegangen. Im Raum stehen Forderungen von bis zu vier Millionen Euro, die Sie auf gerichtlichem Weg einklagen wollen. Da geht es nicht nur um die Kündigung, da geht es auch darum, dass Sie gute Chancen gehabt hätten, wieder Generaldirektor zu werden. Ist das insgesamt nicht ein bisschen weit gegriffen?
Wenn man auf die vergangenen vier Jahre zurückblickt, kann ich mit meiner Arbeit sehr zufrieden sein. Es sicher nicht alles optimal gelaufen, aber insgesamt haben wir den ORF gut weitergebracht. Wir haben die Finanzierung neu geregelt, wir haben die Digitalisierung auf neue Beine gestellt. Der ORF war bis vor einem Monat das Unternehmen, dem am meisten vertraut wird. Ich hoffe, dass das auch in Zukunft so ist. Insgesamt ist jedenfalls viel weitergegangen. Deswegen wären meine Chancen für eine zweite Amtszeit sehr gut gewesen. Entsprechende Signale habe ich auch erhalten.
Nach dem Compliance-Bericht können Sie sich ja noch immer wieder bewerben.
Ich habe gerade die sechs härtesten Wochen meines Lebens hinter mir. Ich habe mich vor wenigen Tagen mit der Compliance-Befragung auseinandersetzen müssen. Jetzt müssen die nächsten rechtlichen Schritte abgearbeitet werden. Das heißt, die Frage stellt sich derzeit nicht. Aber ja, es ist ja noch ein bisschen Zeit.
Noch einmal zum Vorwurf des unangemessenen Verhaltens. Muss da nicht für einen Generaldirektor die Latte höher gelegt werden?
Ich bin da der falsche Ansprechpartner. Aber ich habe gelernt, dass gemäß dem österreichischen Arbeitsrecht zu prüfen gilt, ob eine Pflichtverletzung, eine sexuelle Belästigung vorliegt. Das ist zu 100 Prozent so ausgegangen, ich habe niemanden sexuell belästigt. Das heißt: Das, was wir gehabt haben, war über Jahre eine private Kommunikation im höchstpersönlichen Lebensbereich. Und alles andere gibt es nicht. Es gibt im Arbeitsrecht den Anschein eines unangemessenen privaten Verhaltens nicht.
Wenn man von einem Tag auf den anderen aus seinem Job herausgerissen wird, wenn man nicht mehr auf den Küniglberg fahren kann, mit welchen Leuten hat man da dann noch Kontakt?
Es hat mir schon Kraft gegeben, dass mich sehr viele aus dem ORF angerufen haben. Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter, Bekannte und Freunde. Als Generaldirektor des ORF ist man immer von vielen Menschen umgeben, die meist Anliegen haben. Wenn dann so etwas passiert, lernt man die wahren Freunde kennen. Ich bin froh, dass es mehr Menschen gibt, die zu mir stehen und sich zu mir bekennen, als ich letztendlich erwartet habe.
Grundsätzlich zum ORF. Jetzt wird von allen Seiten für den Herbst eine große Reform gefordert. Was ist Ihrer Meinung nach das Wichtigste, was jetzt im ORF gemacht werden müsste?
Ich glaube, ich bin nicht der Berufene, der jetzt über die Zukunft des ORF reden sollte.
Dann reden wir über Ihre persönliche Zukunft. Haben Sie sich schon Gedanken gemacht, was Sie jetzt angehen möchten?
Am Ende bin ich ein sehr strategischer Mensch, das war ich immer. Ich schaue mir eine Herausforderung bzw. ein Problem an und überlege mir dann eine Strategie. Die setze ich dann um. Derzeit bin ich mit der Aufarbeitung der Geschichte beschäftigt, auf der juristischen und auf der arbeitsrechtlichen Seite. Aber es geht auch um meine persönliche Seite, man darf sich als Mensch nicht verlieren, man muss damit richtig umgehen. Dazu gebe ich mir auch die entsprechende Zeit, weil 31 Jahre ORF lassen sich nicht von heute auf morgen so einfach beenden. Wie lange das dauert, ob drei oder sechs Monate, das kann man nicht sagen.
Und was passiert danach?
Dann werde ich das machen, was ich die vergangenen 31 Jahre gemacht habe: Mit Leidenschaft in einem Job aufgehen, mich selbst verwirklichen und irgendetwas Positives beitragen.
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