Politik | Inland
16.10.2018

Rechtes Blatt "Zur Zeit": Hitler "von gierigen Mächten eingekesselt"

Medienpreis für Küssel-Huldigung und Alaba-Beschimpfung? Eine Chronologie rechter Rülpser und Tabubrüche.

Die Aufregung bei SPÖ, Neos und Medien war groß: Das rechte Hausblatt Zur Zeit, herausgegeben von Andreas Mölzer und Walter Seledec, sollte einen Medienpreis bekommen. Die Ehrung für den W3-Verlag, der hinter der Wochenzeitung steht, sollte im Palais Epstein und damit in einem Außenquartier des Parlaments stattfinden. Und zwar im Rahmen des Dinghofer-Symposiums, einst von FPÖ-Politiker Martin Graf ins Leben gerufen.

Ob die Absage der Veranstaltung auch die definitive Aberkennung des Preises bedeutet, werde noch beraten, hieß es im verantwortlichen Franz-Dinghofer-Institut, dessen Präsident Graf ist.

Der Aufschrei von Opposition und diversen Zeitungen war jedenfalls auch deshalb so laut, weil Zur Zeit in der politischen und medialen Landschaft dafür bekannt ist, immer wieder rassistischen und extrem rechten Anschauungen breiten Raum zu geben. Nach der öffentlichen Kritik ließ die Dritte Nationalratspräsidentin Anneliese Kitzmüller ( FPÖ), die unter anderen zur Preisverleihung geladen hatte, das Symposium am 8. November absagen. Auf eine Anfrage des KURIER hat Kitzmüller bisher nicht reagiert.

Der KURIER dokumentiert einige besonders rasante publizistische Entgleisungen von Zur Zeit nach ganz rechts außen.

Das aktuellste Beispiel stammt aus der Ausgabe 40/2018 und sorgte nun auch für die Absage der Ehrung im Parlament. Auf zwei Seiten wird unter dem Titel „Mehr Recht, Ruhe und Ordnung im Land!“ die Vision eines faschistoiden Österreichs gezeichnet, das sich „Otto Normalverbraucher“ angeblich wünscht.

2018: Pamphlet gegen Demokratie

Erst im August war ein Text von Wolfgang Caspart, einem laut Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) ehemals führenden Funktionär im Freiheitlichen Akademikerverband, erschienen, in dem dieser „die Notwendigkeit einer Konterrevolution“ dargelegt hatte. Diese sei wegen der „gleichmacherischen Humanitätsvorstellung des 18. Jahrhunderts“ vonnöten.

Es brauche nun eine „offene und natürliche Autorität“, denn diese sei „für ein reibungsloses Zusammenleben aufrichtiger und allen Versuchen vorzuziehen, dem Volk vorzugaukeln, es könne mitreden“. Casparts Problemanalyse: Mit den modernen Demokratien sei ein „grundlegender Wandel des Rechtsbewusstseins zu Gunsten des Ochlos (Pöbels)“ erfolgt.

Nun verbleibe von der Demokratie nur mehr „ein schöner Schein“, ihre konterrevolutionäre Beseitigung würde der breiten Masse keineswegs schaden. Und, noch etwas deftiger: „Alles, was europäische Kultur zerstört und krank gemacht hat, muss selbst vernichtet werden. Die Strategie der revolutionären Zersetzung erzwingt jetzt ihren umgekehrten Einsatz gegen die Zersetzer selbst.“

2013: Küssel-Pardonierung

Im Jänner 2013 erschien unter dem Titel „Eines Rechtsstaates unwürdig“ ein Kommentar über die Verurteilung Gottfried Küssels wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung im Prozess um die Homepage alpen-donau.info. In Zur Zeit konnte man hingegen lesen, dass die Website „ein Weltbild propagierte, das inkompatibel ist mit dem herrschenden System in Österreich“. Die „Propagandadelikte“ seien viel zu streng bestraft worden, womit sich Österreich in einer Reihe mit Diktaturen wie Nordkorea oder China befinden würde.

Und Herausgeber Mölzer schrieb in derselben Ausgabe sarkastisch: "Viel zu milde war das Urteil von neun Jahren unbedingter Haft, da müsste man doch eigentlich glatt die Todesstrafe fordern!"

2012: „Pechrabenschwarzer“ Alaba

Im Jahr 2012 erschien wiederum ein rassistischer Artikel über den „pechrabenschwarzen“ Team-Fußballer David Alaba. „Die echten Wiener unserer Tage“ würden nunmehr „so aussehen“ wie Alaba und nur noch „der Blick auf die Altersheime“ lasse erahnen, was „wirklich Österreicher“ und „echte Wiener“ gewesen seien. Der Text erschien unter dem Pseudonym „F.X. Seltsam“, das vom DÖW Andreas Mölzer selbst zugeschrieben wird. Die Redaktion widersprach, nachdem der Artikel im EU-Wahlkampf 2014 für Empörung gesorgt hatte, und gab an, „F.X. Seltsam“ sei ein Wanderpseudonym. Mölzer sei es in dem Falle nicht gewesen. Dennoch musste der heute 65-Jährige auf Druck der FPÖ-Spitze seine Kandidatur fürs EU-Parlament aufgeben.

2010: Krude Thesen zum Zweiten Weltkrieg

Im Mai 2010 konnte man in einer Buchbesprechung lesen, dass der Zweite Weltkrieg „hauptsächlich von London und Washington betrieben wurde, um ein wirtschaftlich erstarktes Deutschland noch dazu unter diktatorischer Staatsführung, zu verhindern“. Adolf Hitler sei ein „Getriebener“ gewesen, „rundum von gierigen Mächten eingekesselt“. Das Buch sei eine Entlarvung der Nachkriegspolitik, "wodurch Umerziehung gelenkte politische Aktionisten und selbstgerecht moralisierende Amtlinge eine verfälschte Wirklichkeit des Zweiten Weltkrieges mit Hilfe der Justiz durchsetzen".

Enge Bande zur FPÖ

Die Verbindungen zwischen FPÖ und Zur Zeit reichen freilich weit über Herausgeber Andreas Mölzer hinaus, wie das DÖW dem KURIER bestätigt.

Der FPÖ-Abgeordnete und Herausgeber-Sohn Wendelin Mölzer, der vorübergehend offiziell Chefredakteur gewesen war, ist zwar mittlerweile aus dem Impressum verschwunden. FPÖ-Politiker kommen aber mit wohlwollenden Interviews, Gastkommentaren und Inseraten regelmäßig in Zur Zeit vor. „Die Inserate kommen besonders gerne von EU-Abgeordneten wie Harald Vilimsky, Barbara Kappel und Georg Mayer“, sagt DÖW-Mitarbeiter Bernhard Weidinger zum KURIER. Das Selbstverständnis von Zur Zeit liege irgendwo zwischen Parteizeitung und kritischem Gewissen der FPÖ.

Weitere enge Bande zwischen Partei und Zeitung: Im Präsidentschaftswahlkampf von Norbert Hofer wurden teilweise Großauflagen gedruckt. Mit 35.534,56 Euro am Medieninhaber W3-Verlag beteiligt ist Johannes Hübner, der bis zum Vorjahr FPÖ-Nationalratsabgeordneter war. Und auch die – abgesagte – Feier mit Nationalratspräsidentin Kitzmüller beweist die Verbundenheit der FPÖ-Führung mit dem Blatt.

Distanzierung

Übrigens distanzierte sich Zur Zeit von dem faschistoiden Artikel in der vorletzten Ausgabe. Der Text sei aus Versehen ins Blatt gerutscht und eigentlich als "Brutal-Satire" gedacht gewesen. Allerdings: Der Artikel wurde den Lesern unter der Ankündigung "Bürgerwünsche: Mehr Recht und Ordnung im Land" auch auf der Titelseite empfohlen. Ohnehin ist er nur einer aus einer Reihe extrem rechter Artikel in den vergangenen Jahren. Nach Versehen sieht es jedenfalls nicht aus.