Mathematiker Taschner: „Konservatives Denken ist wichtig“
Der habilitierte Mathematiker Rudolf Taschner bemüht sich seit Jahrzehnten darum, sein Fach populär zu machen.
KURIER: Warum haben Sie sich als anerkannter Wissenschafter die Politik angetan? 2017 wurden Sie in den Nationalrat geholt.
Rudolf Taschner: Ich bereue es nicht. Wenn man so eine Anfrage bekommt, sollte man nicht kneifen. Ich würde jedem und jeder mit einer gewissen Lebenserfahrung raten, sich in die Politik einzubringen.
Würden Sie sagen, Sie sind ein strammer Konservativer?
Stramm bin ich nicht. Ich habe auch Schwierigkeiten mit solchen Einteilungen. Tatsächlich halte ich von Tradition viel. Der Philosoph Rüdiger Safranski hat einmal gesagt: Der Konservative hinterfragt Veränderung. Wenn das Neue gut ist, sollte man es übernehmen. Der wahre Konservative steht an der Spitze des Fortschritts, meinte einst der ehemalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß.
Nationalratsdebatten sind aber oft gar nicht gescheit.
Ich will keine Noten verteilen, aber es ist nicht so schlimm. Das Parlament ist der Spiegel der Bevölkerung.
Der Senat der Uni Wien hat Ihnen trotz unbestrittener Verdienste um die Mathematik das Goldene Doktordiplom verweigert. Grund war eine Nationalratsrede, in der Sie die Förderung von „Gender- und Postcolonial-Studies“ durch den Wissenschaftsfonds kritisiert haben. War das, glauben Sie, wirklich der einzige Grund?
Das weiß ich nicht. Ich fand die Entscheidung bedauerlich. Andererseits wurde damit eine wichtige Diskussion angestoßen. Ich halte es für völlig absurd, dass eine politische Rede im Nationalrat den Ruf als Wissenschaftler beschädigen kann. Es ist die Entscheidung der Politik, das heißt der Bevölkerung, wie Fördergelder vergeben werden.
Der Ex-SP-Stadtrat und Musikuni-Rektor Mailath-Pokorny bezeichnete Sie damals als Anti-Aufklärer.
Dann weiß er entweder nicht, wie ich denke, oder er weiß nicht, was Aufklärung ist.
Haben Sie nach der umstrittenen Senatsentscheidung Zustimmung bekommen?
Ja, außerordentlich viel. Und die Universität hat mich im Herbst für einen Vortrag über Mathematik, Öffentlichkeit und Politik eingeladen. Die Frage bleibt, ob ein Senat jemandem die intellektuelle Redlichkeit absprechen kann.
Zum ausführlichen "Salon Salomon" mit Rudolf Taschner
Sind Sie nicht manchmal doch übers Ziel hinausgeschossen – etwa in der Klimapolitik? Da hat man Sie als „Verharmloser“ kritisiert.
Ich habe vor zehn Jahren in einer Kolumne sozusagen pointiert quergedacht. Da habe ich Vorschläge kritisiert, die mit dem Klimawandel, den ich nicht bestreite, eigentlich nichts zu tun haben: etwa die Forderung, Askese zu üben. Sprich: Man passt die Lösungen an die eigene Ideologie an.
Sie schlugen vor, dass Österreich mit einem Wüstenstaat kooperiert, wo Sonnenstrom erzeugt werden kann, der zum Beispiel in Wasserstoff umgewandelt wird.
Das wäre ausgesprochen vernünftig. Die Sonnenenergie einer Fläche von 400 mal 400 Kilometer in der Wüste könnte den Energiebedarf der gesamten Erde decken.
Dafür braucht es aber Speicher und Leitungen.
Besser wäre es, diese Sonnenergie in einen Stoff zu verwandeln, etwa in Methanol oder Ammoniak. Abgesehen davon gibt es eine neue und bessere Generation an Kernkraftwerken. Man muss alle Möglichkeiten betrachten. Allein die Künstliche Intelligenz verursacht gigantischen neuen Energiebedarf.
Die „links-grüne Hegemonie“ ende gerade, sagten Sie kürzlich. Woran glauben Sie das zu erkennen?
Ein Denksystem geht an inneren Widersprüchen zugrunde: So etwas wie „Queers for Palestine“ verstehe ich einfach nicht. Das langsame Sterben dieser Ideologie könnte natürlich dazu führen, dass alte, mir auch nicht sympathische Ideologien wieder hochkommen.
Das Pendel schwingt gerade Richtung Rechtspopulismus aus.
Man weiß nicht, welche Monster so eine Zwischenzeit gebiert. Da ist konservatives Denken wichtig: Dass man sich der Wurzeln besinnt. Und dass man auch weiß, dass der Mensch aus krummem Holz gebaut ist. Manche Ideologien versuchen, ein Paradies zu erzeugen. Dafür brauchen sie den neuen Menschen, den sie sich erziehen. Ich bin sehr skeptisch gegenüber Modellen, die am Reißbrett entstehen. Das neue Paradies ist meistens die Hölle.
Gibt es denn genügend Leute mit dem reflektierten Konservatismus, den Sie meinen, in der ÖVP?
Es wird schon einige geben. Das Interessanteste in der Politik sind ja nicht die öffentlichen Reden, sondern die Gespräche dazwischen.
Man hat schon das Gefühl, dass das Christlich-Wertkonservative in der ÖVP verschwindet. Dann müssen wir uns eben um die Erhaltung bemühen. In internen Diskussionen gibt es diese Rückbesinnung. Ein Baum steht nur gut, wenn er starke Wurzeln hat. Wenn man so lange regiert, muss man so viele Kompromisse schließen, dass man schließlich vergisst, wovon man eigentlich ausgegangen ist.
Sebastian Kurz hat Sie in die Politik geholt. Inzwischen ist er mancherorts zum Feindbild geworden. Legt sich dieser Schatten auch auf Sie?
Ich denke, da muss man eine gewisse Gleichmut bewahren.
Mathematik gilt als Angstfach. Sie haben immer versucht, sie populär zu machen. Was kann man noch tun dafür?
Meine Frau und ich wollten im math.space Mathematik als kulturelle Errungenschaft vorführen. Mathematik hat Fortschritt erzeugt. Newton und Galilei haben gezeigt, was Mechanik zu leisten imstande ist. Schon Archimedes hätte das gewusst, aber die Leute haben nicht auf ihn gehört. Weil sie Sklaven hatten, waren sie gegen die Maschinen. Erst das Ende der Sklaverei hat das verändert. Ich möchte nicht in der Römerzeit leben, wo man schon bei Zahnschmerzen die größten Ängste haben musste. Außerdem ist Mathematik schön (zeigt auf das mitgebrachte Objekt).
Was sagen Sie auf die Frage, wozu Mathematik gut sei?
Darauf hat der große Physiker Michael Faraday einmal die Gegenfrage gestellt: „Wozu sind Babys gut?“
Sie haben jahrelang im Theresianum je eine Klasse in Mathematik unterrichtet. Stimmt es, dass das der Dank dafür war, dass Sie dort als Waisenkind aufwuchsen? Das ist richtig. Mein Vater starb bei einem Unfall, als ich acht Jahre alt war. Daraufhin schickte mich meine Mutter auf Anraten eines Freundes ins Theresianum. Als ich dort in der ersten Klasse war, starb auch sie an einer Krankheit. Ich war zehn. Daher bin ich dort im Internat aufgewachsen. Das Theresianum hat mich geprägt. Es gab unangenehme, aber auch großartige Lehrer. Der beste, den ich hatte, war ein toller Chemiker. Aber in Wirklichkeit war er Dichter und konnte glänzend Geige spielen. Jede Klasse sollte mindestens so eine tolle Lehrerpersönlichkeit haben.
Waren Sie nicht wahnsinnig einsam?
Ja, ich war ziemlich allein und bin sozusagen ein Einspänner geworden.
Dennoch haben Sie später eine Familie gegründet.
Dazu hat mich meine Frau verführt. Ich weiß nicht, ob ich mich getraut hätte, Kinder zu bekommen, aber ihr war das wichtig. Und das ist ja die Zukunft. Der Vorgeschmack des Himmels ist, wenn man die Kinder sieht.
Autor, Forscher, Lehrer, Politiker:
Rudolf Taschner unterrichtete an der Technischen Universität Wien, veröffentlichte etliche Bücher. 2004 wurde er „Wissenschaftler des Jahres“. 2003 bis 2017 betrieb er das Projekt „math.space“ im Museumsquartier, danach zog er für die ÖVP in den Nationalrat ein.
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