ÖFB-Präsident Josef Pröll: "Wir brauchen mehr Optimismus"
Das „Teamspiel“ liegt ihm: „Ich könnte als Einzelgänger nicht durch die Welt gehen“, gesteht Josef Pröll im Interview.
KURIER: Politik, Wirtschaft, Fußball. Wo gibt es einen klaren Zug zum Tor?
Josef Pröll: In allen drei – am stärksten aber im Fußball.
Wo ist es am anstrengendsten?
Neun Jahre Politik in drei verschiedenen Regierungen haben mich schon sehr gefordert. Seit 15 Jahren bin ich in der Wirtschaft, und es macht Freude. In Sachen Fußball, für den ich nun auch – für mich überraschend – arbeiten darf, hatte ich sozusagen nie den „Zug zum Tor“. Und es war gar nicht so sicher, ob es gelingt, dem damals zerstrittenen ÖFB wieder Kraft und Ruhe zu geben. Aber ein Jahr später kann man sagen: Es ist noch nicht alles, aber vieles gelungen.
Wie oft telefonieren Sie mit Teamchef Ralf Rangnick? Er gilt ja als nicht unkompliziert.
Er ist nicht kompliziert. Wir sind regelmäßig im Austausch und es gibt eine klare Aufgabenverteilung: Ich bin für die Struktur im ÖFB verantwortlich, während die sportliche Verantwortung beim Nationalteam allein in seiner Hand liegt.
Es wird stets über zu hohe Politikergehälter gemault. Verglichen mit Spitzen-Fußball sind sie lächerlich.
Meine Aufgaben habe ich nie an Geld gemessen, sonst wäre ich jetzt auch nicht ehrenamtlicher ÖFB-Aufsichtsratschef. Wenn der Fußballmarkt für die Besten eine Summe X ergibt, dann wird man die am Markt zahlen müssen. Übrigens werden auch in der Wirtschaft andere Gehälter gezahlt als in der Politik, die definitiv unterbezahlt ist.
Wie schockiert waren Sie, als klar wurde, dass Österreich bei der Fußball-WM ausgerechnet gegen Weltmeister Argentinien antreten wird? Kein Funken einer Chance!
Es ist kein Schock, sondern Freude – und eine Super-Challenge, bei der wir sehr wohl Chancen haben.
Wären Sie Kicker, auf welcher Position würden Sie sich denn sehen?
„Zentraler Sechser“ im Mittelfeld: Spielmacher, Bälle verteilen und organisieren.
Zum ausführlichen "Salon Salomon" mit ÖFB-Boss Josef Pröll
Wie sehr schmerzt es Sie als Ex-ÖVP-Finanzminister, dass Ihre Parteikollegen Karl Nehammer und Markus Brunner in der vorletzten Regierung so ein großes Defizit verursacht haben?
Man tut Ihnen da Unrecht, weil sie eine Zeit ökonomischer Katastrophen zu managen hatten: von der Pandemie bis zum Energiepreisschock nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Ja, es gibt eine dramatische Budgetsituation, aber das kann man nicht allein den damals handelnden Personen umhängen. Rückblickend ist es immer einfacher.
Was wünschen Sie sich als Top-Manager von der Regierung?
Alle haben Sehnsucht nach größeren Reformen. Daran bin auch ich schon gescheitert vor 15 Jahren – nicht zuletzt an den Herausforderungen des Föderalismus.
Sie haben eine Transparenzdatenbank ins Leben gerufen.
Und sie ist bis heute nicht in vollem Umfang einsatzfähig. Ich wollte Doppelförderungen aufspüren. Da ging es gar nicht darum, jemandem etwas wegzunehmen, sondern dem Staat Durchblick zu verschaffen.
Sie wurden im Dezember 2008, in der Finanzkrise, Finanzminister.
Ja, das war die größte Wirtschaftskrise seit den Dreißigerjahren. Den Euroministern ist es gelungen, den Euro zu stabilisieren. Dazu kam auch noch die prekäre Situation rund um die Hypo Alpe Adria, die zu verstaatlichen war, weil es sonst zu einer wirklich angespannten Lage für Österreich, den Euro und den Balkan gekommen wäre.
Die Europäische Zentralbank hat Österreich da im Grunde erpresst.
Erpressung war es nicht: Aber sie hat darauf gedrängt, für Stabilität zu sorgen. Der Grundfehler geschah davor, als Jörg Haider die Hypo Alpe Adria verkaufte, die Haftungen aber im Land blieben.
Wie sehr hat Sie das Casinos-Verfahren belastet? Es gab – mittlerweile eingestellte – Ermittlungen gegen Sie als ehemaligen Aufsichtsrat wegen der Bestellung des FP-nahen Peter Sidlo in den Vorstand.
Neben der finanziellen Herausforderung ist so etwas auch eine psychisch sehr fordernde Situation. Es gab nach anonymen Anzeigen bei mir daheim und im Büro Hausdurchsuchungen. Nach fünf Jahren wurde alles eingestellt, ohne dass ich jemals persönlich von der Staatsanwaltschaft einvernommen wurde.
Die Prölls sind eine extrem politische Familie: Ihr Onkel Erwin war Landeshauptmann, Ihr Sohn Alexander ist Staatssekretär und Regierungskoordinator. Haben Sie je versucht, ihn davon abzuhalten?
Er hat mich gar nicht gefragt. (lacht) Alle unsere drei Kinder führen ein selbstbewusstes und selbstbestimmtes Leben. Die zwei Töchter gehen Richtung Medizin. Hätte er mich um Rat gefragt, hätte ich aufgrund meiner eigenen Erfahrung wahrscheinlich überproportional viele Bedenken angemeldet. Das wäre nicht gut gewesen. Mir macht es Spaß, zuzusehen, wie er Politik interpretiert. Bei uns daheim ist immer politisiert worden. Ich war selbst mit 33 Jahren sehr jung Minister.
Mit Ihrem Onkel haben Sie sich in Ihrer aktiven politischen Zeit nicht immer verstanden. Herrscht jetzt Friede oder streiten Sie noch?
Das Wort Streit kann ich so nicht stehen lassen. Wir hatten unterschiedliche Zugänge im Sinne von: was ist bundespolitisch notwendig – versus föderale Aufgaben und Wünsche. Diese Diskussionen sind schon manchmal härter zur Sache gegangen. Haben die uns persönlich und menschlich-familiär entzweit? Nein. Da ist viel hineininterpretiert worden. Wir treffen uns regelmäßig.
2011 haben Sie sich wegen gesundheitlicher Probleme aus der Politik zurückgezogen. War das eine Folge der politischen Belastungen?
Ja. Diese neun Jahre waren mit intensiver internationaler Tätigkeit verbunden – wir hatten 2006 ja auch den EU-Vorsitz. Ich saß ständig im Flieger und hatte dann nach einem China-Aufenthalt eine Thrombose. Politik ist schön, aber auch extrem herausfordernd – was sich zuspitzen kann, wenn man körperlich nicht gut genug auf sich achtet.
Sie sind und waren immer eher ein lockerer Typ. Ist die Politik mittlerweile humorlos geworden?
Die Politik braucht eine gute Mischung an Typen. Ich lache gern und bringe Leute gerne zusammen. Ich könnte als Einzelgänger nicht durch die Welt gehen. Humor tut einer Gesellschaft immer gut.
Auch Ihr wechselndes Gewicht haben Sie offen thematisiert. Sind Sie ein „Jojo“?
Ich habe vor 20 Jahren tatsächlich sehr stark abgenommen und konnte das – wie man sieht – nicht halten. Ich arbeite daran, dass es weniger wird. Vielleicht sorgt der Stresspegel der Weltmeisterschaft ja dafür.
Was wünschen Sie sich vom Wirtschafts- und vom Sportminister?
Ich sage ganz bewusst nicht: „mehr Geld“. Wir brauchen als Gesellschaft wieder mehr Optimismus, dann kommt automatisch mehr Geld ins Land für alle. Das muss die Politik vermitteln. Derzeit bunkern die Österreicher lieber ihr Geld auf den Konten, als zu investieren.
Wer waren Ihre Lehrmeister?
Als Kabinettschef bei Willi Molterer durfte ich viel lernen. Wolfgang Schüssel hat mich zum Minister gemacht: Ihm zuzuschauen und mit ihm zu regieren, war ein besonderes Privileg. Er war einer der besten Bundeskanzler der Zweiten Republik. Und dann (Raiffeisen-Boss) Christian Konrad, der es mir ermöglicht hat, in die Wirtschaft zu wechseln und einen Konzern zu managen. Im Sport war es Herbert Prohaska, der mich schon als Kind fasziniert und meinen Bezug zur Wiener Austria hergestellt hat. Und natürlich war Erwin Pröll verantwortlich dafür, dass ich offensichtlich immer ein offenes Ohr für den Ruf der Politik hatte.
Josef Pröll kam über den Bauernbund in die Politik, wurde Kabinettschef von Wilhelm Molterer und folgte ihm 2003 als Minister für Landwirtschaft und Umwelt nach. In der „ÖVP-Perspektivengruppe“ arbeitete er an Parteireformen, galt als Liberaler. Nach Molterers Wahlschlappe 2008 stieg Pröll zum Parteichef, Finanzminister und Vizekanzler auf, verließ die Politik aber 2011 nach einer Lungenembolie und ist nun Chef des Lebensmittelkonzerns Leipnik-Lundenburger. Im April 2025 wurde Pröll überraschend ÖFB-Präsident.
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