Politik | Inland
04.07.2017

"Diese Transformation muss keiner fürchten"

Zukunft der Umwelt: Nachhaltig Leben verlangt eine Abkehr von jenem Wachstumsmodell, das seit den 1950er-Jahren als Maß aller Dinge gilt.

Verena Winiwarter sagt Sätze wie: "Wir leben in einem Zeitalter heimtückischer Probleme, für die es keine einfachen Lösungen gibt." Und: "Politikern wird eigentlich das Unmögliche abverlangt." Oder: "Die Probleme sind verbunden und steigern sich gegenseitig noch. Dazu kommt, dass auch die Insel der Seligen in einem global vernetzten Meer liegt. Die Politik ist gefragt, das ökologisch Sinnvolle zu fördern."

Zur Person: Verena Winiwarter

Die Umwelthistorikerin, Technikerin und Wissenschafterin des Jahres 2013 von der Uni Klagenfurt definiert ihr Fachgebiet als „Lehre von den Nebenwirkungen menschlichen Handelns in der Natur“. Die Wahrnehmung dieses Handelns sei durch die langen Latenzzeiten der Auswirkungen schwierig. Dementsprechend wichtig sei es, „Beipackzettel“ für dieses Handeln zu entwickeln, um die Folgen für kommende Generationen verständlich zu machen.

KURIER: Frau Professor, Stephen Hawking ist sich sicher, dass die Erde in 100 Jahren in Folge von Klimawandel und Überbevölkerung unbewohnbar ist. Ist das übertrieben?

Verena Winiwarter: Das wäre keine große Überraschung. Der Club of Rome hat bereits 1972 für das Jahr 2030 eine krisenhafte Entwicklung vorhergesagt, sollte sich nichts ändern. Die Zahlen zeigen, dass wir ziemlich genau auf dieses Szenario zusteuern. So umweltschädlich, wie wir uns heute verhalten, waren wir noch nie. Es wäre besser, wenn wir uns darum bemühen, die Erde nicht unbewohnbar zu machen.

Was muss man ändern?

Energie spart ein, wer öffentlichen Verkehr ausbaut und Radfahrern gute Infrastruktur bietet, wer in Sonnenenergie investiert und kreislaufwirtschaftlich arbeitet. Energie spart ein, wer durch geeignete Raumordnung für kluge Nutzung statt Zubetonieren sorgt. Das führt konsequenterweise weg von der Art Wirtschaftswachstum, das in seltener politischer Einigkeit allen Parteien unverzichtbar scheint. Nachhaltig leben, heißt weniger Zeug zu besitzen, weniger Produkte zu kaufen, weniger Müll zu produzieren. Weniger ist zwar durchaus mehr an Lebensqualität, verlangt aber eine Abkehr von jenem Wachstumsmodell, das seit Mitte 1950 für eine Wahrheit gehalten wird, statt für ein Modell.

An dieser Stelle kommt das obligate "Aber": Das kostet doch Arbeitsplätze...

Daten der Europäischen Umweltagentur machen deutlich: Das Eindämmen der Emissionen ist nicht schädlich für das Wirtschaftswachstum, ganz im Gegenteil. Seit 1990 ist das EU-Bruttoinlandsprodukt um 50 % gewachsen, während die Treibhausgase um 23 % gefallen sind. Diese Transformation muss keiner fürchten! Unter den richtigen politischen Bedingungen lohnen sich Investitionen im Umweltbereich, so werden "Green Jobs" geschaffen und umweltfreundliche Produkte und Dienstleistungen verfügbar. Ökologische Ökonomie bietet längst Gegenmodelle.

Derzeit ist aber noch unser Lebensstil das größte Problem?

Ich würde da sehr vorsichtig sein. Lebensstil ist etwas, das wir dem Einzelnen, dem Konsumenten, zurechnen. So als hätten wir es in der Hand, wie unser Lebensstil ausschaut. Das ist aber nicht ganz so: Sie können Ihren persönlichen ökologischen Fußabdruck ganz schwer halbieren, solange Sie auf die Infrastruktur angewiesen sind, die Ihnen in Österreich vorgesetzt wird. Sie sind auf industriell hergestellte Nahrung angewiesen, müssen irgendwie Geld verdienen, mit dem Auto zur Arbeit fahren. Aussteigen ist kein massentaugliches Modell.

Was wäre massentauglich, was könnten wir tun?

Das Wort Lebensstil vermeiden und erkennen, dass es um das Wirtschaftssystem geht – um ein auf Wachstum und Energieverbrauch angelegtes Wirtschaftssystem, in dem wir als Produzenten und Konsumenten mitspielen. Jeder braucht einen Arbeitsplatz, um am Leben teilzuhaben. In diesem Moment haben Sie mitsamt Ihrem Lebensstil verloren. Und da putzt sich die Industrie ein bisschen ab, indem sie sagt: Euer Lebensstil ist schuld.

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Was ist wirklich schuld und zu tun?

Ohne einen gestaltenden Staat geht es sicher nicht. Die UN hat 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals) formuliert. Das sind Wegweiser auf wissenschaftlicher Basis.

Anmerkung: Am 25. September 2015 haben die 193 UN-Mitgliedsstaaten 17 globale Nachhaltigkeitsziele, die so genannten SDG (Sustainable Development Goals), beschlossen. Sie sollen Frieden und Wohlstand für alle Menschen sichern – und Umwelt und Klima schützen. Die Ziele in Stichworten: 1. Armut beenden, 2. Hunger beenden, 3. Gesundheit, Wohlergehen, 4. Hochwertige Bildung, 5. Geschlechter gleichstellen, 6. Sauberes Wasser und Sanitärversorgung, 7. Bezahlbare und saubere Energie, 8. Menschenwürdige Arbeit und nachhaltiges Wirtschaftswachstum, 9. Industrie, Innovation und Infrastruktur, 10. Ungleichheit verringern, 11. Nachhaltige Städte und Gemeinden, 12. Verantwortungsvolle(r) Konsum und Produktion, 13. Klima schützen, 14. Ozeane erhalten und nachhaltig nutzen, 15. Landökosysteme schützen und nachhaltig bewirtschaften, 16. Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen, 17. Partnerschaften zur Erreichung der Ziele. Hintergrund: www.unis.unvienna.org/unis/de/topics/sustainable_development_goals.html

Die Ziele 10 und 12 haben die entscheidenden Hebelwirkungen, sagen Systemwissenschaftler, die sich die Beziehungen der Ziele untereinander angeschaut haben: "Ungleichheit vermindern" und "Verantwortliche Produktion und Konsum" muss man jedenfalls angehen, damit man die anderen erreichen kann. Das Ausmaß an Ungleichheit, das in unserem Staat gegeben ist, fällt weder vom Himmel, noch ist es gottgegeben. Es ist eine Folge politischer Entscheidungen. Also ist das Verringern von Ungleichheit ebenfalls eine Folge politischer Entscheidungen.

Was müsste die österreichische Politik tun, um diese 17 Ziele zu befördern?

Sie als Grundlage jeglichen politischen Handelns definieren. Wenn Österreich seine gesamte Förderpolitik auf Basis der 17 Nachhaltigkeitsziele evaluieren würde, und nichts mehr fördern würde, was da nicht hineinpasst, dann wäre schon viel passiert. Wirklich effizient sind Strukturmaßnahmen, Raumordnungspolitik, öffentlicher Verkehr. Das sind nicht die Dinge, die normalerweise unter Umweltpolitik fallen. – Wer weiterhin den Ausbau von Sechser-Sesselliften und Beschneiungsanlagen fördert, kriegt sie auch weiterhin. Inzwischen machen Politiker aber lieber Bewusstseinsbildungsmaßnahmen, denn die sind billig und schlecht kontrollierbar. Und am Ende sind die Konsumenten schuld, deren Bewusstsein man um Geld gebildet hat und die trotzdem nicht das Richtige tun.

Kann Österreich bei diesen globalen Problemen überhaupt etwas bewegen?

Ich glaube, es ist keine Frage der Größe, ob man Pionier ist oder nicht. Und Österreich hat gute Karten: Wir haben viel Wasser, viel Biomasse, sind nicht von Verwüstung bedroht. Aber wegen des Klimawandels bricht uns der Permafrost in den Alpen weg, und da sollten wir hinschauen. Der Wintertourismus ist am Ende. Je später man das zugibt, desto schwieriger wird es für die Leute in diesen Regionen, sich eine gute Zukunft zu erarbeiten.

Andererseits hätte Österreich ganz viele Chancen im Green-Job-Bereich. Wir sind kein großes, rohstoffreiches Land, wir können eigentlich nur mit intelligenten Produkten gewinnen, die – oft aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt – zum Beispiel Stahl einsparen helfen.

Aber tun wir das alles nicht längst?

Leider nein. Nur ein Beispiel: Weniger als fünf Prozent des in Österreich veranlagten Vermögens ist ethisch und nachhaltig veranlagt. Da ist ganz, ganz viel zu tun. Österreich, das Umweltmusterland der 1980er-Jahre, ist zum Nachzügler geworden, muss Strafen zahlen, weil wir internationale Abkommen nicht einhalten. Es ist nicht einzusehen, warum wir vom Musterland zum Schlusslicht werden müssen.