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05.12.2017

PIRLS-Studie: Leseleistung der Volksschüler verbesserte sich wieder

Damit wieder auf gleichem Stand wie 2006. Österreich im EU-Schnitt. Nach wie vor gilt: Je höher der Bildungsabschluss der Eltern, desto besser die Leseleistungen der Kinder.

Die bei der internationalen Vergleichsstudie PIRLS erhobene Leseleistung der österreichischen Kinder in der vierten Klasse Volksschule hat sich wieder leicht verbessert. Mit 541 Punkten liegt Österreich bei der am Dienstag veröffentlichten Studie signifikant über dem internationalen Schnitt (521) und praktisch im EU-Schnitt (540). Trotzdem gehören 16 Prozent der Kinder zu den "Risikolesern".

Die Progress in International Reading Literacy Study (PIRLS) wird alle fünf Jahre durchgeführt. Die nun präsentierten Schülerleistungen wurden im Frühjahr 2016 in 50 Staaten erhoben. Österreich nahm nach 2006 und 2011 zum dritten Mal teil - und erreichte jetzt nach einem Absacken 2011 (529 Punkte) nun praktisch wieder den Wert des ersten Teilnahmejahrs (538).

Russland, Singapur und Hongkong Top-3

An der Spitze der Rangliste liegen die Schüler aus Russland (581), Singapur (576) und Hongkong (569). Knapp dahinter kommen mit Irland (567), Finnland (566) sowie Polen und Nordirland (je 565) die besten Länder aus der EU. Österreich liegt in etwa gleichauf mit den Niederlanden, Australien, Tschechien, Kanada, Slowenien, Deutschland, Kasachstan und der Slowakei.

Jeder sechste ist "Risikoleser"

Jeder sechste Volksschüler (16 Prozent) in Österreich zählt zur sogenannten Risikogruppe (2011: 20 Prozent): Das sind Schüler, die maximal einfache Leseaufgaben lösen können. Im internationalen Schnitt macht diese Gruppe 26 Prozent der Schüler aus, in der EU 18 Prozent. In den Spitzenleser-Ländern Russland und Hongkong fallen nur sechs bzw. sieben Prozent in diese Gruppe. Umgekehrt gehören in Österreich acht Prozent der Schüler in die Gruppe der besonders leistungsstarken Leser (2011: fünf Prozent). Über alle PIRLS-Länder hinweg sind elf Prozent der Schüler Spitzenleser, der EU-Schnitt beträgt zwölf Prozent. Das bedeutet, dass Österreich an den "Rändern" der Skala jeweils eher wenig Schüler hat - es gibt also sowohl vergleichsweise wenige Spitzenschüler, aber auch weniger Risikoschüler.

Leseleistung der Zuwandererkinder gleich geblieben

Die Leseleistungen der Migrantenkinder liegen mit einem Mittelwert von 500 mehr als 50 Punkte hinter jenem einheimischer Kinder. Das entspricht nahezu zwei Lernjahren. Während die Lesekompetenz der einheimischen Kinder zwischen 2006 und 2016 statistisch signifikant gestiegen ist (von 547 auf 552 Punkte), ist jene der Zuwandererkinder praktisch gleich geblieben (von 498 auf 500 Punkte).

Nach wie vor gilt: Je höher der Bildungsabschluss der Eltern, desto besser die Leseleistungen der Kinder. Akademikerkinder erreichten im Schnitt 573 Punkte. Kinder von Eltern mit maximal Pflichtschulabschluss kamen dagegen lediglich auf 477. Diese Mittelwertdifferenz von 96 Punkten ist höher als bei der ersten PIRLS-Erhebung vor zehn Jahren (79 Punkten) und entspricht drei bis vier Lernjahren. Einschränkung: Die Gruppe der Kinder mit niedrig gebildeten Eltern ist mit rund fünf Prozent eher klein.

Mädchen mit besserer Leseleistung als Buben

Mädchen erbrachten in fast allen Staaten bessere Leseleistungen als Burschen. In Österreich fielen die Geschlechterunterschiede mit nur sechs Punkten wesentlich geringer aus als im internationalen Schnitt (18 Punkte) und im EU-Schnitt (13).

Hammerschmid erfreut über Aufwärtstrend

Erfreut über den Aufwärtstrend bei der Lesestudie PIRLS zeigte sich Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) bei der Präsentation der Ergebnisse am Dienstag. Das sei angesichts der gestiegenen Anforderungen im Bildungssystem seit der letzten Erhebung 2011 erstaunlich - insgesamt ist sie angesichts des erneuten Mittelfeldplatzes bei einer Studie aber nicht zufrieden.

Sie finde das Mittelfeld für ein Land wie Österreich "inakzeptabel", so die scheidende Ministerin. Trotzdem zeigten die Ergebnisse, dass der Trend in die richtige Richtung gehe. So habe man in den vergangenen Jahre seitens des Ministeriums und an den Pädagogischen Hochschulen (PH) zahlreiche Maßnahmen zur Frühförderung gesetzt. Darunter fallen etwa Initiativen beim Thema Deutscherwerb, von denen die Gruppe der Schüler mit Migrationshintergrund - die in der Lesestudie deutlich schwächer abgeschnitten hat - profitieren soll.

"Wir haben Tausende Pädagoginnen geschult", so die Ministerin, die jedoch darauf hinwies, dass die Auswirkungen davon vermutlich erst in einigen Jahren sichtbar würden. Das schwächere Abschneiden 2011 habe jedenfalls viel Aufmerksamkeit auf das Thema "Lesen" gelenkt. Die Erfahrungen aus dieser Auseinandersetzung seien auch in das im vergangenen Jahr verabschiedete Schulrechtspaket eingeflossen, in dem etwa der Übergang vom Kindergarten in die Volksschule geregelt wurde.

Angesichts der in Österreich relativ starken Abhängigkeit der Leseleistung der Kinder vom Bildungsniveau der Eltern pochte Hammerschmid einmal mehr auf die Stärkung der Frühförderung im Kindergarten. Die Wirkung der bereits gesetzten Maßnahmen sei noch zu bescheiden. Erneut forderte sie, dass die Agenden für Schule und Kindergärten "aus einer Hand" - nämlich vom Bildungsministerium aus - gesteuert werden sollten.

Darüber hinaus schickte Hammerschmid einen Appell an die künftige Regierung, die Ganztagsschulen "massivst" auszubauen. Die im Bildungspapier der Koalitionsverhandler von ÖVP und FPÖ angekündigten Veränderungen im Bildungsbereich würden nicht unbedingt die Leselust erhöhen: "Mit Druck und Zwang schafft man es nicht, das Interesse der Kinder am Lesen zu wecken", sagte Hammerschmid.

Einen "deutlichen Aufwärtstrend" im Vergleich zur vorigen PIRLS-Überprüfung konstatierte auch die Direktorin des Bundesinstituts für Bildungsforschung (Bifie), Claudia Schreiner. Viele Nachbarstaaten lägen in etwa in jenem Leistungsbereich, den österreichische Schüler erreichten. Es gehe aber auch anders: Denn die Entwicklung etwa in Großbritannien oder Slowenien sei über alle drei PIRLS-Studien der vergangenen zehn Jahre deutlich positiv. Leicht bergab ging es seit 2011 umgekehrt in Deutschland.

Die Unterschiede bezüglich des Bildungsniveaus der Eltern bzw. zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund seien leider tendenziell im Steigen. Auch wenn hier der Vergleich mit anderen Ländern schwierig sei, könne man sagen, dass die Schere in Österreich ein wenig stärker auseinandergehe.

Stichwort: PIRLS

Die Progress in International Reading Literacy Study (PIRLS) testet die Leseleistungen von Schülern am Ende der vierten Klasse Volksschule. Durchgeführt wird sie alle fünf Jahre von der International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA) in Boston (USA). In Österreich wickelt das Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) die Studie ab.

Insgesamt nahmen 2016 50 Staaten und elf "Benchmark-Regionen" (meist extra ausgewiesene Städte oder Provinzen von Teilnehmerländern) teil. Mit der von der OECD organisierten PISA-Studie für 15- bis 16-Jährige lassen sich die Ergebnisse nur bedingt vergleichen, da bei PIRLS neben vielen OECD-Staaten auch zahlreiche andere Staaten wie etwa Ägypten, Aserbaidschan, Bahrain, Iran, Kuwait, Iran, Marokko, Südafrika oder Trinidad und Tobago mitmachen.

In Österreich wurde für PIRLS im April und Mai 2016 eine Stichprobe von knapp 4.500 Schülern aus ca. 150 zufällig ausgewählten Schulen getestet. Die Kinder mussten Informationstexte und literarische Texte lesen und anschließend dazu Fragen beantworten. Dafür standen ihnen 80 Minuten zur Verfügung. Per Fragebogen wurden außerdem Hintergrundinformationen erhoben, von denen angenommen wird, dass sie mit der Lesekompetenz in Verbindung stehen (z. B. sozialer Hintergrund, Lesegewohnheiten, Unterrichtsstrategien, schulisches Umfeld). Die Daten einzelner Schüler bzw. Schulen wurden nicht ausgewertet.

Nicht teilnahmeberechtigt waren außerordentliche Schüler sowie unter bestimmten Voraussetzungen Schüler mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen. Das waren in Österreich etwa fünf Prozent.

PIRLS auf einen Blick

Im Folgenden die wichtigsten Ergebnisse der heute, Dienstag, präsentierten internationalen Bildungsvergleichsstudie PIRLS 2016 (Progress in International Literacy Study), bei der Volksschüler am Ende der 4. Klasse getestet wurden.

BEISPIELAUFGABEN: Diese sind unter www.bifie.at abrufbar.

ENTWICKLUNG: Österreich hat bei PIRLS eine Art Wellental durchlaufen. Der Mittelwert der österreichischen Schüler bei der aktuellen Studie liegt bei 541 Punkten und damit praktisch auf dem Wert von 2006 (538). 2011 gab es einen Knick nach unten (529).

FAMILIE: Je höher der Bildungsabschluss der Eltern, desto besser die Leseleistungen der Kinder: Schüler, die zumindest einen Elternteil mit Hochschulabschluss haben, erreichten im Schnitt 573 Punkte. Kinder von Eltern mit maximal Pflichtschulabschluss kamen dagegen lediglich auf 477 Punkte. Diese Mittelwertdifferenz von 96 Punkten ist höher als bei der ersten PIRLS-Erhebung vor zehn Jahren (79 Punkten) und entspricht drei bis vier Lernjahren. Einschränkung: Die Gruppe der Kinder mit niedrig gebildeten Eltern ist mit rund fünf Prozent eher klein.

FLÜCHTLINGSKINDER: Diese wurden bei PIRLS 2016 praktisch nicht erfasst. Laut PIRLS-Reglement sind Kinder, die zum Testzeitpunkt im Frühjahr 2016 keine ausreichenden Kenntnisse der Testsprache haben, von der Teilnahme ausgeschlossen. Wer ab Sommer 2015 nach Österreich kam, fällt im Regelfall unter diese Gruppe.

GESAMTERGEBNIS: Die österreichischen Kinder liegen mit einem Mittelwert von 541 Punkten signifikant über dem Schnitt aller Teilnehmerländer (521) und praktisch genau im EU-Schnitt (540). Weltweit betrachtet zeigen Schüler aus Russland (581), Singapur (576) und Hongkong (569) die höchste Leseleistungen. Knapp dahinter kommen mit Irland (567), Finnland (566) sowie Polen und Nordirland (je 565) die besten Länder aus der EU.

GESCHLECHTERVERGLEICH: Mädchen erbringen sowohl international als auch in Österreich bessere Leseleistungen. Der Vorsprung der Mädchen fällt dabei in Österreich mit sechs Punkten wesentlich geringer aus als im internationalen Schnitt (18 Punkte) und im EU-Schnitt (13). Besonders hohe Geschlechterunterschiede finden sich in den arabischen Staaten bzw. in Europa in Finnland (22) und Norwegen (21).

LEISTUNGSSCHWACHE SCHÜLER: In Österreich fällt rund jeder sechste Volksschüler (16 Prozent) in die Gruppe der Risikoschüler, die maximal einfache Leseaufgaben lösen können. Im internationalen Schnitt macht diese Gruppe 26 Prozent der Schüler aus, in der EU 18 Prozent. In den Spitzenleser-Ländern Russland und Hongkong fallen jedoch nur sechs bzw. sieben Prozent in diese Gruppe, in Finnland sind es neun Prozent.

LEISTUNGSSTARKE SCHÜLER: In Österreich fallen beim Lesen acht Prozent der Schüler in die Gruppe der besonders Leistungsstarken. Über alle PIRLS-Länder hinweg beträgt die Gruppe der Spitzenleser elf Prozent, der EU-Schnitt beträgt zwölf Prozent. Anteile von mehr als 20 Prozent sehr guter Leser verzeichnen Russland, Irland, England, Nordirland und Polen.

LESEFREUDE: Die österreichischen Kinder lesen durchschnittlich gern, vergleichsweise häufig außerhalb der Schule und haben ein hohes Vertrauen in ihre Lesefähigkeiten.

MEHRSPRACHIGKEIT: In Österreich liegt der Anteil der Kinder, die daheim nie oder nur manchmal die Unterrichtssprache sprechen, bei 19 Prozent. Damit liegt es im EU-Vergleich im vorderen Mittelfeld - Werte über 20 Prozent verzeichnen Malta (31 Prozent), Spanien (29 Prozent) sowie Belgien (rund 23 Prozent). Knapp hinter Österreich befinden sich die Niederlande, Bulgarien und Deutschland (je 17 Prozent), Italien, England und Frankreich (je 16 Prozent). Besonders wenige mehrsprachige Kinder verzeichnen Ungarn (zwei Prozent), Polen (vier Prozent) und Nordirland (sechs Prozent). In allen EU-Ländern liegen die einsprachigen Kinder bei den Leseleistungen vor den mehrsprachigen Kindern - die Mittelwertdifferenz schwankt aber stark und liegt etwa in England (zehn Punkte) besonders niedrig. In Österreich ist sie mit 50 Punkten recht hoch, noch höher ist der Unterschied in Bulgarien (80) und der Slowakei (73).

MIGRANTEN: Die Leistungskluft zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund ist in Österreich groß und beträgt 51 Punkte. Im Zehn-Jahres-Vergleich ist die Leseleistung der einheimischen Kinder signifikant gestiegen und jene von Zuwandererkindern etwa gleich geblieben. Der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund ist seither von 17 auf 21 Prozent angewachsen. Ein internationaler Vergleich liegt nicht vor, da in den anderen Ländern der Migrationshintergrund oft nicht erhoben wurde.

STICHPROBE: In Österreich wurden 4.360 Schüler der vierten Volksschulklasse getestet - das sind ungefähr fünf Prozent der 82.000 Schüler dieser Schulstufe. Ausgeschlossen waren außerordentliche Schüler bzw. Schüler mit bestimmten körperlichen bzw. geistigen Beeinträchtigungen.

TEILNEHMERLÄNDER: Insgesamt nahmen 50 Länder an PIRLS teil sowie elf sogenannte "Benchmark-Regionen" (meist Regionen in einem Teilnehmerland mit Extra-Auswertung wie z. B. Quebec oder Ontario in Kanada). Die Spanne reichte dabei von 24 Staaten aus der EU über zahlreiche arabische Länder bis zu Russland, Aserbaidschan, Kasachstan und die USA, Kanada, Australien, Neuseeland und Trinidad/Tobago.