Politik | Inland
13.08.2018

ORF-Sommergespräche: Von "Missgeburt" Österreich bis Wut-Oma

Politiker können sich in dem TV-Format von ihrer privaten Seite zeigen. Das kann aber auch in die (Bade-)Hose gehen.

Die ORF-Sommergespräche gehen in ihre 36. Saison. Seit 1981 sind sie nur wegen der Nationalratswahlen 2008 und 2013 ausgefallen.

Auch in diesem Sommer versucht der ORF etwas Ungewohntes und will Österreichs Spitzenpolitiker aus der selbstauferlegten „Message Control“ locken (dem Bemühen vor allem der Bundesregierung, nur gezielte Botschaften zu senden). Erstmals seit 1992 tritt mit Hans Bürger und Nadja Bernhard ein Journalisten-Doppel an. Fixer Schauplatz ist ein Weingut in der Wachau mit Blick auf Dürnstein. Den Anfang macht am Montag Peter Pilz.

Bei der Kulisse wagte der ORF allerdings schon einmal mehr: Immerhin planschten Peter Rabl, Erfinder des TV-Formats und späterer KURIER-Chefredakteur, und der damalige FPÖ-Chef Norbert Steger im ersten Sommergespräch 1981 in einem Swimmingpool. Das Interview von ORF-Moderator Johannes Fischer mit Stegers Nachfolger Jörg Haider im August 1988 blieb hingegen nicht wegen des Orts - einer Kärntner Almhütte - in Erinnerung. Der verstorbene FPÖ-Chef bezeichnete die österreichische Nation damals als „ideologische Missgeburt“.

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1981: FPÖ-Chef Norbert Steger (li.) mit Peter Rabl beim Plaudern und Planschen.

1992: Jörg Haider mit Johannes Fischer (Mitte) und KURIER-Chefredakteur Helmut Brandstätter.

2006: Heinz-Christian Strache bei seinem zweiten "Sommergespräch", er gilt als Quotenbringer.

2009: Faymann mit Ingrid Thurnher und Regisseur Stefan Ruzowitzky.

2014: "Wut-Oma" Frieda Nagl bei der versöhnlichen Buchpräsentation mit Reinhold Mitterlehner, wenige Wochen nach dem "Sommergespräch".

2015: Frank Stronach kann bei den Wählern keine Punkte sammeln.

2018: Hans Bürger und Nadja Bernhard übernehmen.

Über die Jahre kam in dem Sommerformat die politische und die journalistische Prominenz zusammen – und geriet sich manchmal auch in die Haare. Für den ORF führten zum Beispiel Robert Hochner, Armin Wolf,  KURIER-Chefredakteur Helmut Brandstätter und Ingrid Thurnher Gespräche mit den Parteichefs.

Besonders hitzig wurde es 2005 zwischen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und Wolf. Nachdem der TV-Moderator eine Zusammenfassung des Buchs „Der Waldgang“ von Ernst Jünger auf Straches Homepage gelobt hatte, gab der Politiker zum Besten, dass Schreiben sein Hobby sei. Wolf klärte dann auf, dass die Zusammenfassung schon Jahre zuvor auf einer rechtsradikalen Homepage zu lesen gewesen war. Strache räumte daraufhin ein, auf seiner Website nicht selbst zu schreiben.

Team Stronach patzt, Team Faymann plant

Im Laufe der Jahre wuchs die Zahl der Parlamentsparteien und damit auch der Gespräche. Von 2013 bis 2017 saßen sechs Parteien im Nationalrat, neben den Neos auch das Team Stronach. Der schwerreiche Parteigründer Frank Stronach konnte die Bühne zum „Menscheln“ aber nicht recht nutzen. „Frauen sind Menschen wie wir“, entwich es dem Austro-Kanadier immer Sommer 2015.

Mit mehr Professionalität gingen die Mitarbeiter von Ex-Kanzler Werner Faymann ans Werk. Das Sommergespräch 2009 mit ORF-Moderatorin Thurnher und Oscar-Regisseur Stefan Ruzowitzky sollte auf der Bregenzer Seebühne stattfinden. In einem durchgesickerten E-Mail einer Sprecherin des SPÖ-Chefs hielt sich die Begeisterung in Grenzen („am See quaken gerne Enten“). Das Gespräch fand schließlich im Festspielhaus statt.

Manches können aber auch Politik-Profis nicht planen – dann bleibt jemand anderer aus dem Sommergespräch im Gedächtnis. So erging es 2014 Vizekanzler Reinhold Mitterlehner. ORF-Moderator Peter Resetarits konfrontierte die Spitzenpolitiker mit den O-Tönen besorgter und verärgerter Österreicher. Die Wirtin Frieda Nagl verstrickte den ÖVP-Obmann in eine wilde Diskussion über Steuern und Gesetzesschikanen – die Medienfigur der „Wut-Oma“ war geboren. Danach hatte Nagl bis zu ihrem Tod  2016 eine Kolumne in der Krone.