Beraterin Heidi Glück: "Wofür steht die ÖVP?“
Seit über zwei Jahrzehnten ist Heidi Glück in der Kommunikations- und Beraterbranche tätig, sieben Jahre lang war sie Sprecherin von „Schweigekanzler“ Wolfgang Schüssel. Was von ihm bleibt und warum Frauen in Führungsfunktionen sichtbar sein müssen, das erzählt sie im Innenpolitik-Podcast.
KURIER: Wann sucht jemand Ihre Hilfe, wann kämen wir auf Sie zu?
Heidi Glück: Wenn Sie mitten in einer Krise stecken – leider zumeist nicht vorher – oder Sie nehmen eine neue Funktion an und suchen jemanden, der Sie dabei begleitet. Das Problem ist oft, dass man die Krise nicht in der Anbahnungsphase erkennt, sondern erst, wenn es schon um mediale Reaktionen geht. Da sind viele schon sehr spät dran oder auch zurückhaltend – aufgrund von dringenden Empfehlungen diverser Anwälte, die im Zweifel immer sagen: Wir sagen am besten gar nichts, no comment.
Gibt es Fälle, in denen „no comment“ die Lösung ist?
Aus meiner Sicht: nein. „No comment“ hinterlässt immer den Eindruck, irgendetwas könnte doch dahinter stecken. Man kann auf jede Frage eine gut überlegte Antwort geben. Das gilt im Übrigen nicht nur für Krisensituationen, sondern generell auch für die Politik.
Was ist der größte Unterschied in der Kommunikation von Unternehmen und der Politik?
Die Politik ist mehr oder weniger immer öffentlich, sieben Tage die Woche, und Politiker sind permanent gefordert, das, was sie tun, zu erklären, transparent zu machen. Politiker sind immer in der Auslage.
Die Grazerin (Jg. 1962) war freie Journalistin, zehn Jahre lang für die Öffentlichkeitsarbeit des ORF zuständig und von 2000 bis 2007
Pressesprecherin des damaligen Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel (ÖVP). Seit 2007 ist sie Inhaberin des Kommunikationsberatungs-Unternehmens „Heidi Glück spirit & support“.
Ist es leichter oder schwieriger geworden, mit Botschaften durchzudringen?
Es ist eindeutig schwieriger geworden. Du musst noch schneller sein. Und die Folge davon ist, dass du noch weniger Zeit hast, Dinge vor- und aufzubereiten. Ich habe das Gefühl, dass sich die Politik von dieser Dynamik treiben lässt und eigentlich mutiger sein müsste. Sie müsste manchmal sagen: Wir können die Antwort heute nicht geben, wir brauchen noch einige Zeit, bis der Meinungsbildungsprozess abgeschlossen ist, und dann werden wir informieren.
Hat das nicht mehr mit Professionalität denn mit Mut zu tun? Es sind doch auch die Politiker selbst, die das Tempo vorgeben und jeden Tag etwas auf Instagram posten, was oft keinen Inhalt hat.
Da gebe ich Ihnen schon recht, aber auf der anderen Seite musst du in der Kommunikation für ein Thema erst Awareness schaffen. Gut wäre immer auch ein öffentlicher Diskurs, damit die Bevölkerung mitkriegt, was überhaupt geplant ist. Manchmal kommen die Themen aber derart im Stakkato, dass die Leute nichts mitkriegen. Wenn ich zwei Tage nicht die Nachrichten sehe oder lese, habe ich gar nicht mitbekommen, was die Regierung diese Woche beschlossen hat.
Können die Handelnden ihr Handwerk nicht?
Es geht nicht um die Quantität, sondern um die Qualität. Ich will niemandem in der Regierung unterstellen, dass er zu wenig arbeitet. Ich bin überzeugt, die kommen um sieben Uhr früh ins Büro und gehen um elf Uhr abends und machen das Beste, das sie können. Das Problem ist, dass man vieles davon nicht mitbekommt, weil eben die Priorisierung fehlt. Ich erinnere mich an die türkis-grüne Regierung, wo zum Schluss Bundeskanzler Karl Nehammer stolz war, als er Bilanz gezogen hat und auf die mehr als 1.000 beschlossenen Gesetze hingewiesen hat. Ich habe mir gedacht: Was ist bei den Leuten übrig geblieben?
Was ist übrig geblieben?
Das Klimaticket der grünen Klimaministerin Leonore Gewessler. Das ist jetzt vielleicht stark verkürzt wiedergegeben, aber: Man müsste sich zu Beginn einer Legislaturperiode überlegen, was die fünf größten Themen sind, die man erreichen will und die in Erinnerung bleiben sollen, ehe man in die nächste Wahl geht.
In der Koalition sind drei verschiedene Parteien, die sparen müssen. Welche fünf gemeinsamen Dinge sollen da überhaupt möglich sein?
Ja, es ist ein mühseliger Prozess, vor allem, wenn es drei Partner in der Regierung gibt. Das Problem, das ich derzeit sehe, ist, dass es keine klaren Profile gibt. Wofür steht die ÖVP? Wofür steht aktuell die SPÖ, wofür stehen die Neos? Die Budgetkonsolidierung kann nicht das einzig große Thema sein. Es ist zu wenig, um bei den Menschen Überzeugungsarbeit zu leisten, dass die Republik in eine gute Zukunft geführt wird.
Der Eine sagt, wir haben ein Ausgabenproblem, der Andere will vermögensbezogene Steuern, der Dritte sagt, die Pläne sind zu wenig ambitioniert, und alle sagen, wenn es nicht geht: Das steht nicht im Regierungsprogramm …
Zum Schluss muss klarerweise bei jedem Thema ein Kompromiss auf dem Tisch liegen. Es ist letztlich die Kunst der politischen Kommunikation, darzustellen, welcher Anteil am Kompromiss mir als Partei besonders wichtig war. Die SPÖ steht für Sozialpolitik, die ÖVP ist lange für Wirtschaftspolitik gestanden. Das ist sehr verwaschen.
Wie könnte die ÖVP denn ihr Profil schärfen?
Indem sie die Wirtschaftsthemen offensiver angeht. Ein gutes Beispiel ist die Senkung der Lohnnebenkosten für Betriebe. Damit kann man die Kernklientel erreichen. Es gäbe noch andere Themen – wie den Kapitalmarkt, der extrem unterentwickelt ist.
Momentan gibt es einen Markteingriff nach dem anderen. Konterkariert das nicht das Bild, das Sie gerade von der ÖVP skizzieren?
Markteingriffe sind nicht in der DNA der ÖVP, und ich hoffe, dass sie schnell wieder davon wegkommt und Marktmechanismen akzeptiert. Da muss man vielleicht das eine oder andere Mal auch sagen: Wir können als Politik nicht alles lösen, was sich an globalen Marktverwerfungen gerade auftut.
Teilen Sie die Meinung von Experten, die Bevölkerung habe den Anspruch, dass der Staat für sie alles in Ordnung bringt?
Ja, leider. Unter Bruno Kreisky war klar, dass propagiert wird: Der Staat macht alles, ihr braucht an nichts zu denken, wir sorgen schon dafür. Dann hat es Jahre gegeben, in denen die ÖVP bereits mitregiert und dagegenzuhalten versucht hat. Sie werden sich jetzt nicht wundern, wenn ich sage, das war in erster Linie auch später in der Zeit von Wolfgang Schüssel als Bundeskanzler, der ein wirklich überzeugter Marktwirtschafter ist. Das ist leider zurückgedrängt worden, denn die ÖVP wird schon lange von ÖAAB-Kanzlern und -Parteichefs geführt. Das hat gewissermaßen Spuren hinterlassen.
Apropos ÖAAB: Der neue ÖVP-Klubchef heißt Ernst Gödl, kommt aus dem ÖAAB und folgt auf August Wöginger. Gödls Nominierung lässt Fragen offen, denn er soll nicht die erste Wahl gewesen und beim Autoreifentausch von ÖVP-Chef Christian Stocker angerufen worden sein. Was sagt das über die Verfasstheit der ÖVP?
Das ist eine gute Frage, warum das so gelaufen ist. Aber aus der Erfahrung der letzten Jahrzehnte ist das fast ein üblicher Vorgang, wie manche Rekrutierungen stattfinden. Das gilt übrigens nicht nur für die ÖVP.
Zuletzt wurden viele wichtige Funktionen mit Frauen besetzt, die Krone hat Ingrid Thurnher (ORF), Karin Bergmann (Salzburger Festspiele) und Martha Schultz (WKO) mit Schaufeln aufs Cover gesetzt. Tut man Frauen etwas Gutes, wenn man sie auf einen Sockel stellt, auf dem man nur scheitern kann, weil die Erwartungshaltung so groß ist?
Ich finde es gut, wenn sichtbar gemacht wird, dass Frauen in Spitzenfunktionen kommen und ihnen etwas zugetraut wird. Man darf auch eine gewisse Erwartungshaltung an sie knüpfen.
Ganz zum Schluss: Schüssel führte die ÖVP-FPÖ-Regierung an, und Sebastian Kurz tat das Jahre später. Ist das der Grund, warum beide immer wieder in einem Atemzug genannt werden?
Das mag schon sein. Sebastian Kurz muss man zugestehen, dass er doch einiges in der ÖVP verändert hat. Er hat auch den Status des Parteiobmanns auf eine neue Ebene gestellt. Er war natürlich auch ein hervorragender Kommunikator, das hat ihm sehr viel öffentliche Sichtbarkeit gebracht. Ob man das charismatisch nennen kann oder nicht? Jedenfalls ist es gelungen, viele zu überzeugen, und die Anhängerschaft des Sebastian Kurz will ich auch heute nicht ganz klein sehen. Die gibt es sicher auch noch innerhalb der ÖVP.
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