Politik | Inland
06.06.2017

Kurz on Tour: Der Zuhörer, der manches offenlässt

ÖVP-Chef Sebastian Kurz kann Wahlkampf. Doch bei den "Österreich-Gesprächen" bleibt er Antworten schuldig.

Der Weg zu Franz Helmer führt übers flache Land. Links wogt ein Getreidefeld, rechts liegt ein Gemüseacker, am Horizont drehen sich die Windräder eines Strom-Konzerns in der Juni-Brise.

Der Weg zur Traditionstischlerei Helmer führt hinaus aus der Bundesstadt, hinein ins Weinviertel. Aufgefädelt stehen die Häuser entlang der Hauptstraße. Die Rasenflächen sind akkurat gemäht und gegossen, und obwohl Wiens erster Bezirk nur knapp 30 Autominuten entfernt ist, fühlt man in Obersdorf ziemlich weit weg von der Bundespolitik.

Gut so! Denn genau das will er, der Sebastian Kurz. Er will weg aus der Wiener Politik- und Medienblase, hinaus zu den Menschen – immerhin ist dies der Beginn seiner "Österreich-Gespräche", man könnte auch sagen: Jetzt gilt’s, jetzt ist wirklich Wahlkampf, jetzt muss er liefern.

Surrende Sägen

Und schon sind wir in der Produktionshalle: Irgendwo surrt eine Kreissäge, aus einem Lautsprecher kommt Popmusik, und vor einer Wand mit Radiusfräsern und Messerköpfen plaudert der Außenminister mit einem Tischler: Wie lange ist er schon im Betrieb? Geht’s ihm gut hier?

Im Small Talk ist Kurz längst Routinier. Familienfotos oder Selfies – für ihn alles eine Selbstverständlichkeit.

Das inhaltlich Spannende passiert anderswo, in kleinerer Runde: Im Schauraum der Tischlerei sitzt Kurz mit 15 Unternehmern aus der Region um einen Tisch, und die Wirtschaftstreibenden – von der Fahrschulchefin bis zum Gastwirt – klagen ihm ihr Leid. Sie erzählen davon, was bei der Lehrlingsausbildung schief läuft; wie sie die Bürokratie – vorsätzlich oder unabsichtlich – schikaniert.

"Ich kann das Wort Förderung nicht mehr hören", sagt Gastgeber Franz Helmer. Anstatt die Lehrlingsausbildung mit zum Teil komplizierten Finanz-Hilfen zu unterstützen, solle der Staat doch einfach die Kosten für jene zehn Wochen im Jahr übernehmen, in denen die Lehrlinge in die Schule gehen. "Das würde Österreich vermutlich billiger kommen als all die Förderungen."

Wer wissen will, worin das Erfolgsrezept des Sebastian Kurz besteht, der braucht nur zu beobachten, was beim "Österreich-Gespräch" an dem hölzernen Esstisch passiert: Als die Unternehmer erzählen, was sie alles ändern würden, hält sich der ÖVP-Chef zurück. Die Hand am Kinn, tut Sebastian Kurz über weite Strecken nichts anderes als zu lauschen. Ab und zu eine Verständnis-Frage, mehr will er nicht. "Ich hör’ euch zu", sagt er den Wirtschaftstreibenden – ohne es auszusprechen.

Gepiesackt

Völlig anders verläuft dann das Journalisten-Gespräch. Da darf, da soll Kurz viel reden – und er kommt in Situationen, die ihm unangenehmer sind. Er wird gepiesackt.

Konkret geht es geht um seine Forderung vom Wochenende: Die Steuer- und Abgabenquote müsse von derzeit 43,4 auf 40 Prozent gesenkt werden, Österreich brauche eine Steuer-Entlastung von 12 bis 14 Milliarden, hatte der 30-Jährige erklärt.

Das ist erstens nicht ganz neu und zweitens sehr viel Geld. 14 Milliarden Euro? Woher kommt das Geld?, wird Kurz gefragt.

Doch seine Antwort bleibt vage. Bei Förderungen und Bürokratie könne man vieles besser machen, vor allem bei den Sozialleistungen für Ausländer sei einzusparen.

Genaue Zahlen? Nein, die gebe es noch nicht, man werde im September noch ein Steuerkonzept vorlegen.

Diese Antwort ist, vorsichtig gesagt, eher mau. Niemand weiß das besser als der Außenminister selbst.

Und so kommt er später noch einmal auf die Journalisten zu und sagt "Ich verstehe ihr Anliegen (eine genaue Antwort zu bekommen) zu 100 Prozent, aber ich werbe auch bei Ihnen um Verständnis – ich bin erst seit knapp drei Wochen im Amt, die Wahl ist erst in knapp vier Monaten."

Sebastian Kurz gibt sich einsichtig und spielt auf Zeit, auch das ist nicht unbedingt unsympathisch. Die Frage ist bloß: Wie lange noch kann er diese Karte ziehen?