"Österreich ist eine gute Basis für Muslimbrüder"

SPAIN HARVARD UNIVERSITY
Foto: EPA/JUAN FERRERAS Dr. Lorenzo Vidino erforscht seit Jahren den politischen Islam.

Islamforscher: Extrem konservative Gruppen sind auch in Österreich aktiv und haben gute Verbindung mit Muslim-Jugend.

Die Regierung will mit dem Islamgesetz Geld und Einfluss aus dem Ausland eindämmen. Doch wie groß ist das Problem? Der Wissenschafter Lorenzo Vidino ist Experte der Muslimbruderschaft, die eine der einflussreichsten moslemischen Bewegungen ist. Im KURIER-Gespräch erzählt er über seine Recherchen zur Muslimbruderschaft in Österreich.

KURIER: Herr Doktor Vidino, es gibt Hinweise, dass etwa die Muslimische Jugend Österreichs (MJÖ) zu den Muslimbrüdern gehört. Stimmt das?

Lorenzo Vidino: So einfach ist das nicht, denn solche Verbindungen sind nicht so einfach herzustellen. Bis auf wenige Ausnahmen läuft ja niemand herum und gibt damit an, ein Muslimbruder zu sein. Aber man kann sagen, dass die MJÖ hat starke Verbindungen zu Menschen hat, die von den Muslimbrüdern beeinflusst sind. Also etwa Verbindungen zu Ibrahim El-Zayat, der in Deutschland ein sehr prominenter Anführer der Muslimbrüder ist. Ideologisch ist die MJÖ sicher in diesem Milieu, dennoch ist es schwierig, jemand einfach zum Muslimbruder zu stempeln. Eine Nähe gibt es aber meiner Meinung nach sicher.

Und wie präsent und aktiv sind die Muslimbrüder, die man ja nur aus dem Nahen Osten und Ägypten kennt, in Österreich?

Grundsätzlich gibt es in Österreich, wie auch in anderen europäischen Staaten, eine starke Präsenz der Muslimbrüder. Ein Netzwerk gibt es seit 40 Jahren, die Anfänge liegen zurück in den 1960er-Jahren. In den letzten Jahren haben österreichische Muslimbrüder eine durchaus gewichtige Rolle in der internationalen Bruderschaft bekommen, vor allem im ägyptischen Zweig.

Gibt es denn noch andere?

Es gibt zwei große Strömungen in der Bruderschaft, jene aus Syrien und jene aus Ägypten. Die Syrer gibt es in Österreich schon sehr lange, bekannt ist etwa Anas Schakfeh oder die Liga Kultur (Verein für multikulturellen Brückenbau) in Graz und Wien. Die sind schon lange da, sind gut integriert und haben auch politische Verbindungen. Und sie bilden Imame aus, die den Islam lehren. Der ägyptische Zweig ist viel weniger sichtbar, die treten öffentlich kaum in Erscheinung. Sie haben aber immer von Österreich aus operiert, das Land war für sie immer eine gute Basis, weil sie der Staat in Ruhe gelassen hat.

Wen meinen Sie da?

Zum Beispiel Ayman Aly, der in den 90er-Jahren nach Graz gezogen ist. Er ist einer der Topberater von Ägyptens Ex-Präsident Mursi. Oder Leute wie Mohamed El-Abiary. Er besitzt einen österreichischen Pass, lebte lange in Wien und jetzt in London. Der ist einer der Führer der Muslimbrüder in Europa. Oder Youssef Nada, der lange hier lebte.

Sehen sie die Aktivitäten der Muslimbrüder in Österreich als problematisch an?

Da muss man unterscheiden: Die Ägypter sind vor allem an den Entwicklungen in Ägypten interessiert. Ich glaube, die Präsenz von einigen dieser Muslimbrüder in Österreich könnte zu diplomatischen Problemen mit einigen arabischen Staaten führen. Diese Staaten könnten durchaus verärgert sein, weil Österreich diese Menschen schützt. Etwas ähnliches ist ja in Großbritannien geschehen, dort haben einige Länder wie Saudi Arabien oder Ägypten Druck ausgeübt, weil sie nicht wollten, dass London ein Schutzgebiet für die Muslimbrüder ist. Das könnte auch auf Österreich zutreffen, wenn auch in geringerem Ausmaß.

Bei den Syrern verhält es sich anders, sie lehren jungen Muslimen aktiv den Islam und sie sind auch kulturell aktiv. Und sie haben sehr konservative Ansichten, etwa zur Rolle der Frauen oder zur Homosexualität und zum Verständnis der Gesellschaft, die völlig gegensätzlich zu den Werten und zur Verfassung in Österreich sind. Natürlich gibt es viel schlimmere Gruppen, etwa die Salafisten, aber die Muslimbrüder haben jedenfalls eine extrem konservative Interpretation des Islam. Und ich finde es schon problematisch, dass sie diese Botschaften weitergeben können und dabei auch vom Staat unterstützt werden.

(kurier) Erstellt am
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