© Kurier/Juerg Christandl

Interview
05/01/2021

ÖGB-Chef Katzian: "Wir müssen Arbeitslosigkeit so inbrünstig bekämpfen wie die Pandemie"

Der Chef des Gewerkschaftsbundes erklärt, warum der Tag der Arbeit noch nötig ist und warum er die "grüne Wende" unterstützt.

von Christian Böhmer

KURIER:  Herr Präsident, in diesen Tagen sind das Ende des Lockdowns und das Impfen die großen Themen. Gerade beim Impfen fällt auf, dass es extreme Unterschiede gibt. Abhängig vom jeweiligen Bundesland werden Berufsgruppen früher oder später geimpft. Trägt das zur Solidarität bei?

Wolfgang Katzian: Wir als ÖGB haben von Beginn an gesagt: Bei medizinischen Fragen mischen wir uns nicht ein, wir schauen drauf, dass die arbeitenden Menschen vor Infektion und Folgeschäden geschützt und dass die Menschen möglichst nicht arbeitslos werden. Entlang dieser Linie bewegen wir uns seit über einem Jahr. Die angesprochene Verunsicherung kommt auch daher, dass sich die Messlatte für die Maßnahmen immer verändert hat. Mal war die 7-Tagesinzidenz wichtig, dann waren es die Intensivbetten, dann der R-Wert, dann die täglichen Ansteckungszahlen. Die Menschen hören das seit einem halben Jahr und vielen geht einfach die Luft aus.

Einspruch! Sie beziehen durchaus Stellung bei medizinischen Fragen: Während etwa das Nationale Impfgremium sagt, Schwangere sollen sich impfen lassen, um eine schwere Covid-Erkrankung zu vermeiden, will die Gewerkschaft Schwangere lieber dienstfreistellen.

In diesem Fall muss man die zeitliche Abfolge sehen: Dass Schwangere geimpft werden können, ist erst seit kurzem klar. Davor hatten wir die Situation, dass beispielsweise schwangere Mitarbeiterinnen von Friseursalons freigestellt wurden, Schwangere im Handel nicht. Unsere Antwort war: Wenn die einen geschützt werden, muss das auch für die anderen gelten.

Eine halbe Million Menschen ist noch in Kurzarbeit, im Mai wird die Verlängerung verhandelt. Hat sich das Modell bewährt?

Sogar sehr. Am Beginn der Krise haben viele Klein-Unternehmer, gesagt: „Das ist zu kompliziert, das wird nichts, wir werfen die Leute raus.“ Später wurde ihnen klar, dass das eine Win-Win-Situation ist, weil die Kosten übernommen werden und gut qualifizierte Mitarbeiter nach der Krise sofort wieder verfügbar sind. Am Höhepunkt der Krise waren 1,3 Millionen Menschen in Kurzarbeit. Ich will mir nicht ausmalen, was los gewesen wäre in diesem Land, wenn all diese Menschen arbeitslos geworden wären.

Zu ihren zentralen Forderungen, um die Krise zu stemmen, gehört die Arbeitszeitverkürzung – bei gleichem Einkommen. Für viele ist das schwer zu verstehen. Ein Supermarkt zum Beispiel hat ja nicht kürzer offen, würde aber Mitarbeiter bei gleichem Lohn kürzer arbeiten lassen. Er müsste also zusätzliche Mitarbeiter um zusätzliches Geld einstellen. Wie soll sich das ausgehen?

Die Arbeitszeitverkürzung ist keine Forderung, die wir aufgrund der Pandemie erheben, die gab es schon vorher. Wir leben in einer sehr dynamischen Welt, in der vor allem die Digitalisierung dazu führt, dass das gesamte Arbeitsvolumen weniger wird. Und jetzt gibt es zwei Wege. Der eine heißt: Wer nicht dabei ist, hat Pech gehabt und wird halt arbeitslos. Arbeitslosigkeit ist auch eine Arbeitszeitverkürzung – aber die böseste, die unmenschlichste, und die müssen wir mit der gleichen Inbrunst bekämpft wie die Pandemie. Die zweite Möglichkeit: Wir verteilen die vorhandene Arbeit anders. Natürlich ist das im Einzelfall fordernd, und ich weiß, dass viele jetzt denken: Das ist doch retro! Aber wer in die Geschichtsbücher schaut, sieht: Auch bei der Einführung des Acht-Stunden-Tages haben Unternehmer gesagt, das sei nicht finanzierbar. Heute wissen wir: Die neue Verteilung der Arbeitszeit hebt die Produktivität der Mitarbeiter – und so wird das leistbar.

Beim Home Office ist es genau anders, da haben die Arbeitnehmervertreter lange gebremst, weil man Nachteile für die Mitarbeiter befürchtet hat – etwa, weil Arbeits- und Freizeit verschwimmen. In der Krise waren bis zu 1,5 Millionen Menschen im Home Office, viele wollen das weiter. Waren Sie zu skeptisch?

Teils, teils. Anfangs gab es viele Arbeitnehmer, die nicht von heute auf morgen ins Home Office wechseln konnten, weil sie dafür nicht eingerichtet waren. Das kennt jeder, das waren die Zoom- oder Teams-Konferenzen mit den eingefrorenen Bildschirmen. Ich glaube aber, dass viele ihre digitale Kompetenz schnell erweitert haben und das ist prinzipiell gut. Man muss aber auch sagen: Letzten Endes ist das Leben im Home Office sehr unterschiedlich. Als Familie mit zwei Kindern auf 70 Quadratmetern konnte man nicht einfach sagen: Für die Telefon-Konferenz ziehst Du dich jetzt in den Westflügel zurück! Die Realität war: Die Familien hatten oft zu wenige Geräte, Home Office, Home Teaching und Home Cooking haben viele vor extreme Herausforderungen gestellt. Und ich will gar nicht davon reden, dass in dieser Situation Familien oder alleinerziehenden Frauen gesagt wurde: Die Kinder dürfen`s nur im absoluten Notfall in die Schule bringen. Das war Hardcore!

Apropos Digitales: Der 1. Mai findet wieder nur digital statt und böse könnte man sagen: Wozu noch Mai-Aufmärsche? Immerhin ist alles, was vor 100 Jahren gefordert worden ist – gesicherte Pensionen, Unfallversicherung, Wahlrecht, etc. – längst Realität.

Den Tag der Arbeit brauchen wir sogar ganz dringend. Erstens muss alles, was die Arbeiterbewegung erkämpft hat, jeden Tag neu erobert und verteidigt werden. Das ist nicht unabänderlich, man denke nur an den 12-Stunden-Tag oder die 60-Stunden-Woche. Zweitens: Neben der Digitalisierung läuft ein weiterer großer Transformationsprozess: die Klimakrise. Und hier geht es darum, dass die Gewerkschaftsbewegung Position bezieht. Der Arbeiterbewegung wird ja gerne vorgeworfen: „Ihr wollts ja alles zubetonieren!“ Das ist natürlich Unsinn, wir alle wollen in einer gesunden Umwelt leben, und mit mir kann man selbstverständlich über eine CO2-Steuer reden. Wichtig ist: Es muss für alle möglich sein, ökologischer zu leben. Bei der Mobilität heißt das: Es muss attraktive Möglichkeiten geben, auf Öffis umzusteigen. Wenn ich zweimal am Tag eine Zugverbindung vom Wohnort zur Arbeit habe, dann ist das nicht genug.  Ich stelle mich einfach vor diejenigen, die viele Jahre die Drecksarbeit gemacht und sich brav weitergebildet haben und jetzt nicht die Dummen sein dürfen. Bei der grünen Wende muss man die Menschen mitnehmen – vor allem diejenigen, deren Jobs es in Zukunft nicht mehr geben wird.

Aber ist die Grüne Wende nicht eine enorme Chance? Die Uni Linz sagt in einer Studie, dass jedes Jahr 100.000 Jobs entstehen könnten, weil der Tausch von Heizkesseln, die Montage von Photovoltaik-Anlagen und vieles mehr von  lokalen Handwerker und Betrieben gemacht wird.

Da bin ich dabei, die Energiewende bietet große Chancen für zusätzliche Beschäftigung. Ich sehe aber auch, dass täglich Betriebsräte und Unternehmer zu mir kommen und sagen: Wenn das so gemacht wird, wackeln diese und jene Jobs. Ich habe über das Thema auch mit Fridays for Future diskutierte und die sehen das genauso. Die jungen Leute sind ja nicht dumm, die wissen genau, dass man die Menschen mitnehmen und so qualifizieren muss, dass sie in den neuen Berufsfelder Arbeit finden.

Müssen wir uns von bestimmten Branchen und Jobs – zum Beispiel in der Autozuliefer-Industrie – ganz verabschieden?

Ich glaube nicht. Die Automobilindustrie ist eine unserer absoluten Schwerpunkt-Branchen, und das kann auch so bleiben, wenn es genug Innovation gibt. Wenn die Einschätzung lautet, die Welt geht in Richtung Elektromobilität, dann muss es dafür Rahmenbedingungen geben. Da muss in Forschung und Entwicklung investiert werden, die Betriebe gehören bei der Umstellung unterstützt. Unsere Idee war ja auch bei MAN in Steyr, dass man rund um dieses Werk ein Green Mobility Center baut.  Das wäre für alle Beteiligten ein Gewinn.

 

 

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