Politik | Inland
19.07.2017

Nur Austro-Türken reden im Alltag lieber Türkisch

Erfahrungsbericht: In Deutschland bevorzugen Türkischstämmige Deutsch. In Österreich ist das anders.

Die Erfahrung ist unter Austro-Türken kein Einzelfall: Man ist zu Besuch bei Verwandten in Deutschland. Auf einmal beginnt man, untereinander Deutsch zu sprechen – und zwar fließend. Seit Jahren beobachten viele Austo-Türken mit Erstaunen , wie gut ihre Bekannten die jeweiligen Landessprachen beherrschen bzw. benutzen.

Auch untereinander wird je nach dem neuen Heimatland Deutsch, Französisch oder Niederländisch gesprochen. Viele türkische Eltern beschweren sich dort, dass ihre Kinder kaum mehr Türkisch können. Mit ihrem gebrochenem Türkisch werden sie in der Türkei sogar ausgelacht.

Wobei in Österreich genau das Gegenteil überwiegt. Sehr wenige Türken sprechen zu Haus miteinander Deutsch, was wiederum dazu führt, dass die Jüngeren nicht zweisprachig oder gar deutschsprachig aufwachsen können.

Erst im Kindergarten werden die Migrantenkinder mit der deutschen Sprache konfrontiert. Bei vielen reicht es dann nicht aus, in dieser kurzen Zeit bis zur Volksschule, ausreichend Deutschkenntnisse zu erwerben.

Hoher Förderbedarf

Auch danach wird die deutsche Sprache zu selten benutzt – meist nur in der Schule oder bei der Arbeit. Die Kinder wachsen mit türkischen Serien, türkischen Talk-Shows auf – auch Nachrichten werden auf Türkisch konsumiert. Meistens beherrschen dann die Kinder aber ihre Muttersprache Türkisch trotzdem nicht, weil sie die türkische Grammatik nicht lernen. So entsteht ein doppeltes Problem.

Diese subjektive Beobachtung spiegelt sich auch in den Statistiken wider. Während der Anteil der Nicht-Muttersprachler laufend erhoben wird, gibt es zum Sprachförderbedarf aber nur ältere Daten.

Im Jahr 2006 galten laut dem deutschen Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ( BAMF) 55 Prozent der deutschen Migrantenkinder als sprachförderungsbedürftig. Laut einer vergleichbaren Studie des Bundesinstituts für Bildungsforschung waren es im Jahr 2007 in Österreich 77 Prozent.

In Deutschland benötigen also nur die Hälfte der Migrantenkinder im Vorschulalter Sprachförderung, in Österreich mehr als drei Viertel. Dieser enormer Unterschied hat die unterschiedlichsten Gründe. Fakt ist: In Österreich besteht in Sachen Deutsch akut Aufholbedarf .