Politik | Inland
30.09.2018

Norbert Hofer: "Hole mir mein altes Leben zurück"

Der Infrastrukturminister legt sich ein agileres Image zu und entwickelt sich zum Kitt der Regierung.

Seinen Gehstock ignoriert er immer häufiger. Bei seinen Outfits ist ein deutlicher Trend in Richtung Slim-fit zu registrieren – offenbar auch für Blaue mittlerweile ein erstrebenswertes Must-have. In den sozialen Medien inszeniert sich FPÖ-Infrastrukturminister Norbert Hofer neuerdings als Biker am Motorrad oder beim Fliegen. So pilotierte der blaue Minister – selbstverständlich in Begleitung eines Boulevardmediums – seinen Flieger zum Südtiroler Wahlkampftermin nach Bozen selbst. Erst vor drei Wochen absolvierte er den Motorradführerschein.

Was ist los mit Norbert Hofer? Legt er sich ein neues, agileres Image zu? Weg vom Gehstock, hin zum hochmobilen PS-Fan auf dem Asphalt und in luftigen Höhen? Oder geht der Pinkafelder nur in der Rolle als Verkehrsminister voll auf ?

Seine Wandlung hat wahrscheinlich weniger mit seiner Ressortzuständigkeit zu tun, dahinter steckt vielmehr ein persönlicher Antrieb. Vor allem ein Ziel spornt ihn an: „Ich hole mir gerade Stück für Stück mein altes Leben zurück.“

Motorrad-Führerschein

Zur Erinnerung: 2003 gab es nach einem Sturz aus 15 Metern Höhe beim Paragleiten eine Zäsur. Die Diagnose lautete inkomplette Querschnittslähmung.

Der Start für sein Projekt erfolgte nach der verlorenen Bundespräsidenten-Wahl. Als Goodie für ein Jahr Hofburg-Wahlkampf absolvierte Hofer die Ausbildung für den Privatpilotenflugschein, kaufte sich gemeinsam mit einem Freund eine Cessna 182 RG Turbo, ein Propellerflugzeug mit einer Spitzengeschwindigkeit von 300 km/h.

Sein Trauma vom Unfall hat Hofer trotz des neuen Geschwindigkeitsrausches noch nicht abgelegt. Sein Dauerbegleiter ist zwar nicht die Angst, aber der Respekt vor der Gefahr. „Ich überprüfe alles drei Mal und achte darauf, dass ich genügend Routine beim Fliegen bekomme“, so Hofer.

Komplettiert hat der HTL-Absolvent für Flugzeugtechnik nun seine PS-Sammlung mit einem Crossover-Bike Honda X-ADV, was ihn per Eigendefinition derzeit zum „glücklichsten Menschen“ macht, weil Hofer nach seinem Unfall mit der Diagnose konfrontiert war, „dass ich nie wieder laufen werde können und auch auf keinem Motorrad mehr sitzen werde.“

Für dieses neue Lebensgefühl hat Hofer sein Gewicht um 15 Kilo reduziert, was im Juni einen spektakulären Kreislauf-Kollaps mit sich brachte, sagt er. Sein Ziel ist minus 17 Kilo – denn jedes Kilo weniger erleichtere ihm das Gehen ohne Stock. „Ich verzichte vollkommen auf Weizen“, erzählt Hofer. Mit dem schwachen Kreislauf kämpfe er nach wie vor. „Wenn ich länger stehen muss, es heiß ist, dann fällt mein Kreislauf sehr tief. Da wird es dann kritisch“.

Blauer Strippenzieher

Einen Höhenflug erlebt Hofer nicht nur bei seinen Fortschritten, was seine Mobilität betrifft – auch innerhalb der Regierung ist Hofer längst der blaue Strippenzieher. Als Regierungskoordinator ist es zwar sein Job, gemeinsam mit seinem türkisen Gegenüber Gernot Blümel, das Regierungsprogramm in die Umsetzung zu bringen. Doch der Infrastrukturminister entwickelt sich zum Kitt der türkis-blauen Regierung. Er scheint kein Mann für die zweite Reihe zu sein, wie es für Regierungskoordinatoren sonst üblich ist.

Einst galt Innenminister Herbert Kickl als Mastermind hinter FPÖ-Vizekanzler Heinz-Christian Strache. Doch Kickls Performance als Regierungsmitglied steht an der Kippe. Auch in der ÖVP wächst der Unmut gegen Kickl. „Regieren muss man lernen. Da hat Kickl noch einiges aufzuholen“, so ein Blauer.

Kickl entpuppt sich zusehends als der Rabauke. Hofer hingegen gilt als besonnener Stratege. Wann immer der Hut brennt in der Koalition, ist Hofer eine der wichtigsten Anlaufstellen für Bundeskanzler Sebastian Kurz – selbst für seinen ehemaligen Konkurrenten Bundespräsident Alexander Van der Bellen. „Nach dem Wahlkampf haben wir eine sehr gute Basis geschaffen“, erzählt Hofer.

Egal, ob es um die geplante Bestellung des umstrittenen Hubert Keyl ins Bundesverwaltungsgericht oder ums Kickls Medienzensur-Gate geht. Hofer soll vermitteln und den Takt vorgeben. So war Strache in der Causa Keyl dafür, dass dieser seine Kandidatur nicht zurückzieht. Hofer war anderer Meinung – und setzte sich durch.

Auch der 47-Jährige führt Umfärbungen durch – doch er erledigt es mit weit mehr Raffinesse. So hievt er nun seinen Vertrauten Arnold Schiefer ohne großes Aufsehen in den ÖBB-Vorstand und macht ihn künftig zum mächtigsten Mann im Unternehmen. Auch Christian Kern habe ihm Schiefer empfohlen, erzählt Hofer.

Der Burgenländer hat Gefallen am Regieren gefunden. Das hat ihn ernsthaft darüber nachdenken lassen, ob er auf eine Bundespräsidentenkandidatur 2022, wie ursprünglich angekündigt, verzichtet. Vergangenen Montag wurde bei einem Abendessen mit Strache nun fixiert: „Ich trete an, wenn es die Gremien wollen.“ Der Beschluss der Gremien ist allerdings reine Formsache.