Politik | Inland
02.05.2018

Neustart für Schulreform: Faßmann will "Pädagogik-Paket" erarbeiten

Notenwahrheit, Schulreifekriterien, Einstieg in NMS-Reform – viele der Änderungen dürfte erst im Schuljahr 2019/'20 kommen.

Wie schon im KURIER am Sonntag berichtet, startet Bildungsminister Heinz Faßmann seine große Schulreform – mit ersten kleineren Schritten. Das heißt, bei den NMS wird im Schuljahr 2018/2019 noch alles beim Alten bleiben – auch das teure, aber wenig effektive Team-Teaching mit zwei Lehrern pro Klasse bleibt vorerst erhalten.

Allzu drastisch werden die Änderungen nicht ausfallen. "Abbruch und Neubau kommen für mich nicht in Frage, Sanierung und Modernisierung in ausgewählten Bereichen sehr wohl", so Faßmann bei einer Pressekonferenz am Mittwoch. In den kommenden Monaten soll daher ein "Pädagogik-Paket" erarbeitet werden, das ab 2019/20 umgesetzt werden soll.

Vieles davon steht bereits im türkis-blauen Koalitionspakt: So soll es Schulreifekriterien (die vor allem auf Sprachkenntnisse abzielen) für die Entscheidung geben, ob ein Kind in die Volksschule kommt oder noch in der Vorschule bleiben soll. Geplant sind auch „Talente-Checks“ in der dritten und siebten Schulstufe. Die Notengebung soll für Eltern klarer und für die Schüler wahrer werden.

NMS-Reform

Viel schwieriger gestaltet sich die Reform der Neuen Mittelschulen (die ehemaligen Hauptschulen). Vor allem in den größeren Städten ist der Übergang von der Volksschule in die weiterführenden Schulen zu einem Kampf mit der Schule und den Klassenlehrern geworden, bei dem Eltern oft alles versuchen, nur damit das eigene Kind nicht in eine NMS kommt. Das hat auch mit dem sehr hohen Anteil von Kindern mit nicht-deutscher Umgangssprache zu tun, in Wiener NMS sind es aktuell 77,1 Prozent.

Ergebnis ist, dass in den Städten die Leistungen in beiden Schultypen, AHS und NMS, schlechter werden: In den AHS sind zu viele Kinder, die eigentlich in einer NMS besser aufgehoben wären. In den NMS fehlen genau diese Kinder als Leistungsträger. Und der Wirtschaft fehlen qualifizierte Lehrlinge.

Faßmanns Plan ist es, die NMS weiterzuentwickeln, das – konservative – Stichwort heißt: Leistungsdifferenzierung. Noch ist nicht klar, ob das eine Rückkehr zu Leistungsgruppen bedeutet. Diese wurden vor zehn Jahren abgeschafft, weil die Schüler der schwächsten Leistungsgruppen sich zunehmend frustriert in einer Sackgasse sahen.

Lediglich in diesem Schuljahr weiter fix verteilt werden die sechs meist für Teamteaching verwendeten Zusatzstunden in der NMS. Ab 2019/20 ist dies aber nicht mehr in Stein gemeißelt, betonte Faßmann. Künftig soll es ein "geringeres Ausmaß an Gießkannenförderung geben". Die Bildungsdirektionen sollen bei der konkreten Verteilung mithelfen. "Es kann nicht immer nur Geld vom Bund geben", verlangte er eine Umverteilung innerhalb der Länder.

NMS Gassergasse als Vorbild

Wie eine Leistungsdifferenzierung künftig aussehen könnte, da verweist Faßmanns Kabinett gerne auf die NMS Gassergasse, eine Wiener Brennpunktschule mit 98 Prozent Kindern mit nicht-deutscher Umgangssprache. Hier haben die Pädagogen schon 2016 mit dem Segen des Stadtschulrates begonnen, ihr System umzustellen – und das mit Erfolg, berichtet Direktorin Andrea Walach. Sie nahm alle Kinder eines Jahrgangs – drei Klassen –, teilte die Schüler in sechs homogene Kleingruppen mit einem Lehrer und maximal zwölf Kindern. „Die Leistungen haben sich schon im ersten Jahr enorm verbessert. Wir geben fast keine ’Nicht genügend’, auch die Verhaltensnoten haben sich verbessert“, sagt die Direktorin. Das Systems ei auch nicht starr, die Kinder könnten unkompliziert und jederzeit in andere Gruppen aufsteigen.

Als klaren Vorteil sieht Walach, dass so kein Kind übersehen werden kann. „Zumindest die Grundlagen beherrschen bei uns auch die Schwächsten.“ Und bei den Besten seien die Leistungen „unglaublich“, die Kinder regelrecht „davongaloppiert, weil die Kinder nicht mehr zurückgehalten werden“.