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03.09.2018

Neues Schuljahr: Start für die vieldiskutierten Deutschförderklassen

Lehrplan ist noch nicht verpflichtend, Kritik kommt unter anderem von SOS Mitmensch. Bildungsministerium sieht die Debatte darüber vom Tisch.

Mit Beginn des Schuljahres 2018/19 starten auch die vieldiskutierten Deutschklassen. Insgesamt wird es ab Herbst österreichweit 732 Deutschförderklassen (laut vorläufigem Stellenplan) geben. In diese kommen Kinder, die dem Unterricht aufgrund sprachlicher Probleme nicht ausreichend folgen können und deshalb als außerordentliche Schüler eingestuft wurden. Dort wird dann in 15 bis 20 Wochenstunden nach eigenem Lehrplan Deutsch unterrichtet - für Gegenstände wie Zeichnen, Musik oder Turnen werden die Kinder dann aber altersgemäß den normalen Regelklassen zugeteilt. Einschränkung: Die Klassen werden erst ab acht Schülern pro Standort eingerichtet. Besuchen müssen sie außerdem nur jene Kinder, die in der ersten Schulstufe aufgenommen wurden, oder gerade in Österreich angekommene Quereinsteiger ins Schulsystem.

Nach jedem Semester sollen dann die Sprachfortschritte überprüft werden. Bei entsprechender Verbesserung können die Kinder in die Regelklassen wechseln. Dort erhalten sie im Regelfall noch sechs Stunden pro Woche parallel zum Unterricht Förderung in einem Deutschförderkurs.

Einstufung durch Direktor

Noch wird das Modell aber nicht vollständig umgesetzt: So soll über die Zuweisung in eine Deutschklasse eigentlich ein einheitlicher standardisierter Test entscheiden. Da dieser aber noch nicht vorliegt, nahmen für dieses Schuljahr (wie schon bisher) die Direktoren die Einstufung als außerordentlicher Schüler vor. Im Schuljahr 2018/19 muss auch noch nicht nach dem Lehrplan für Deutschklassen unterrichtet werden. Auch der Test über die Sprachfortschritte ist noch nicht fertig.

Dass man hier überhastet vorgeht, lässt der Bildungssprecher der ÖVP, Rudolf Taschner, nicht gelten. "Man musste im Herbst beginnen, weil wir ja keinen verlorenen Jahrgang wollen. In der Übergangsphase erkennt auch ein Direktor, ob ein Kind Deutsch spricht oder nicht“, so Taschner im KURIER-Interview.

Kritik aus Wien

Über 300 Deutschklassen werden allein in Wien eingerichtet. Dahinter folgen Oberösterreich (153), Niederösterreich (105), Steiermark (79), Kärnten (31), Salzburg (26), Tirol (18), Vorarlberg (9) und dem Burgenland (3). Aus dem Wiener Rathaus hieß es zuletzt, dass dadurch das Angebot an Schulen eingeschränkt werden muss - etwa beim Englischunterricht. An 41 Standorten könne man aus organisatorischen Gründen nur gemeinsamen Unterricht anbieten. Die grundsätzliche Kritik bleibt laut dem zuständigen Stadtrat Czernohorszky aufrecht. Alle Studien würden belegen, dass Kinder gemeinsam besser lernen, gab er zu bedenken. Wobei die Gemeinsamkeit in Wien ab dem Schulbeginn zumindest drei Wochen lang generell gilt.  Beklagt wird in Wien, dass gleichzeitig das Integrationspaket durch den Bund gekürzt worden sei. Dadurch verfüge man über 300 Sprachförderkräfte weniger, wurde kritisiert. Laut Himmer ist es darum nötig, die notwendigen Lehrer für die Deutschklassen durch Umschichtungen zu erhalten: "Wir müssen aus anderen Bereichen diese Lehrer abziehen." Das bedeute, dass das Angebot in den Schulen teilweise eingeschränkt werde. Freigegenstände oder muttersprachlicher Unterricht seien hier etwa betroffen.

Auch der bilinguale Unterricht, bei denen die Kids in Deutsch und Englisch unterrichtet werden, muss adaptiert werden. Man werde zwar keine Kündigungen von englischsprachigen Lehrkräften vornehmen, Posten aber nicht nachbesetzen, kündigte der Bildungsdirektor Heinrich Himmer an.

SOS Mitmensch warnt vor Kürzungen bei Kindern, die bereits im Schulsystem sind und ebenfalls Förderungen brauchen. "Alle Augen richten sich auf die Kinder, die in die separaten Deutschklassen kommen und dort mehr Deutschstunden als bisher erhalten. Dabei droht jene Mehrheit an Kindern in Vergessenheit zu geraten, die bereits im Schulsystem ist und deren Förderstunden von 11 auf 6 Stunden nahezu halbiert werden. Die Bildungschancen dieser Kinder werden verschlechtert“, kritisiert Alexander Pollak, Sprecher von SOS Mitmensch.

"Deutschklassen nützen nichts, wenn die Kinder am Nachmittag bei der anatolischen Großmutter türkisch reden und türkisches Fernsehen konsumieren"

Kritik an den Deutschklassen äußerte auch Hannes Androsch, der im Jahr 2011 ein Bildungsvolksbegehren initiiert hatte: "Ohne Maßnahmen im Vorschulalter oder bei Ganztagsschulen nützen Deutschklassen auch nichts, wenn die Kinder am Nachmittag bei der anatolischen Großmutter türkisch reden und türkisches Fernsehen konsumieren", so Androsch.

Noch nicht verpflichtend ist der Einsatz der Lehrpläne für die Deutschklassen. Hier haben die Direktoren noch die Wahl, im Schuljahr 2018/19 in den Deutschklassen nach den bisherigen Lehrplan-Zusätzen für Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache bzw. Deutschförderplänen unterrichten zu lassen. Verpflichtend sind die neuen Lehrpläne erst ab 2019/20.

Organisatorischer Zwitter

Organisatorisch sind die Deutschförderklassen eine Art "Zwitter": In den Materialien zum entsprechenden Gesetz ist festgehalten, "dass die Verwendung der Begrifflichkeit 'Deutschförderklasse' nicht bedeutet, dass es sich hier um Klassen im schulrechtlichen Sinn handelt". Das bedeutet etwa, dass die Bestimmungen über Klassenvorstände, Klassenforen oder Klassensprecher nicht gelten. So soll klargestellt werden, dass die Deutschklassen nur eine "temporäre Zusammenfassung von Schülerinnen und Schülern" einer oder unterschiedlicher Klassen, Schulstufen bzw. eventuell auch Schularten sein sollen. Ausnahme: Für die Berechnung etwaiger Zulagen für Lehrer sind die Deutschklassen sehr wohl als Klassen zu werten.

Im Bildungsministerium sieht man die Debatte vom Tisch - auch weil die einzelnen Bundesländer wesentlich weniger Deutschförderklassen bilden müssten als ursprünglich angenommen. Erste Schätzungen waren diesbezüglich von 1312 Deutschförderklassen für ganz Österreich ausgegangen. "Das war ein ideologischer Regenguss, kein Gewitter und mit dem neuen Schuljahr gehen wir wieder zur Normalität über", so Minister Heinz Faßmann (ÖVP) in einer Aussendung.