Pisa-Test-Initiator Schleicher skizziert die Schule der Zukunft

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Politik Inland
03/24/2019

„Migranten verschlechtern das Lernniveau nicht zwingend“

Klassengröße und Schulnoten – Bildungsexperte Andreas Schleicher räumt mit einigen Schulmythen auf.

von Ida Metzger

Seit 20 Jahren gibt es den Pisa-Test, der die Leistungsniveaus von Schülern international vergleichbar macht. Was Österreich von anderen Ländern lernen kann.

KURIER: Herr Schleicher, die Pisa-Tests gibt es nun schon seit rund 20 Jahren. In Ihrem Buch ziehen Sie nun Bilanz. Wie hat Pisa die Leistungsvergleiche verändert ? Andreas Schleicher: Früher haben wir Bildungserfolg daran gemessen, wie viel Geld wir ausgeben. Wir dachten, dass Schüler in kleineren Klassen mehr lernen und Verschiedenheit im Klassenzimmer zu Leistungseinbußen führt. Der internationale Vergleich zeigt, dass erfolgreiche Systeme bessere Unterrichtsqualität und bessere Arbeitsbedingungen oft mit größeren Klassen finanzieren. Und dass das Land, in dem Migranten zur Schule gehen, einen viel größeren Einfluss auf ihren Bildungserfolg hat als das Land, aus dem sie kommen. Migranten verschlechtern das Lernniveau nicht zwingend. In Österreich ist der Anteil der leistungsstarken Schüler mit Migrationsgrund fast genauso groß, wie der ohne. Nur diese übersehen wir oft. In den Niederlanden gibt es ein schlechteres Migrationsumfeld als in Österreich, trotzdem schneiden sie bei Pisa besser ab.

Wie schaut für Sie das Klassenzimmer der Zukunft aus?

Es muss nicht überall ein Tablet griffbereit sein. Vor allem die Rolle der Lehrkräfte wird sich verändern. Heute ist es noch hauptsächlich Vermittlung von Wissen, aber künftig müssen die Lehrkräfte auf die unterschiedlichen Lernbedürfnisse ihrer Schüler eingehen. Die Digitalisierung wird auch die Lehrer vernetzen. Sie stehen nicht mehr als Einzelkämpfer im Klassenzimmer, sondern können so an der Entwicklung von neuen Lernkonzepten arbeiten.

Wie schaut der Lehrberuf künftig aus?

Das reine Auswendiglernen von Fachwissen wird unbedeutend, denn Google weiß alles. Wir müssen uns mehr Gedanken darüber machen, wie wir die digitale Intelligenz ersetzen. Da geht es um emotionale Intelligenz, Kreativität, Neugier, Empathie und Teamfähigkeit. Das sind alles Dinge, die in der Zukunft fast wichtiger werden als Wissensvermittlung.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, was die bei Pisa erfolgreichen Länder besser machen. Gibt es ein Merkmal, das alle verbindet?

Ja, hohe Anforderungen samt dem Glauben, dass sie jeder Schüler bewältigen kann. Dafür setzen diese Länder von Fall zu Fall spezielle Unterstützung und gezielte Unterrichtsmethoden ein.

In Österreich wird in der Volksschule wieder die Notenpflicht eingeführt. Ist das eine Pädagogik der Zukunft oder retro?

Noten am Ende des Schuljahres werden an Bedeutung verlieren. Ich habe nichts gegen Noten, aber sie spiegeln immer die Vergangenheit wider. Künftig wird es durch die Digitalisierung eine ständige Rückmeldung geben, wo der Schüler steht.

Wie kann so ein Rückmeldungssystem ausschauen?

Wir sind zu sehr defizitär angelegt. Die Lehrerkräfte sind gefragt, sich Gedanken zu machen, wie man die außergewöhnlichen Fähigkeiten gewöhnlicher Schüler weiterentwickeln kann. Ein Beispiel: In Österreich unterrichten die Lehrer und nach der Unterrichtsstunde ist der Job erledigt. In Schanghai unterrichten die Lehrkräfte weniger, aber sie verbringen sehr viel mehr Zeit mit den einzelnen Schülern. Sie sind nicht nur Unterrichtende, sondern schon Erziehende. Sie überlegen sich: Was kann ich für diesen Schüler tun? Wohin entwickelt er sich? Wo liegen seine Fähigkeiten? Noten erleichtern das Lehrerleben. Aber für den Schüler beginnt die Arbeit erst mit der Notenvergabe.

Welche Schulsysteme sind für Sie die Fortschrittlichsten?

In Österreich haben die Schulen wenig Gestaltungsfreiraum. In den Niederlanden sind Schulen Innovationsträger und jede denkt darüber nach, wie sie ihr Profil gestalten kann. In Japan, Schanghai oder China wird sehr ganzheitlich gedacht. Es wird erwartet, dass der Lehrer mit dem Schüler einen Weg findet, wie dieser das Lernniveau erreicht. In Finnland werden die Schüler schon früh immer wieder in einer kleinen Gruppen speziell gefördert. Wichtig ist, dass sie wieder in ihre Klassen zurückgehen und nicht in eine Schulform mit niedrigeren Ansprüchen abgeschoben werden.