Mega-Schulprojekt "Eine für alle"

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In Vorarlberg soll erprobt werden, was Forscher seit langem fordern. Einfach wird das nicht.

Beim Beschluss der Bildungsreform im Juni wurde in einem Nebensatz ein beinahe hundert Jahre alter Streit beigelegt. Vorarlberg darf die Gemeinsame Schule bis 14 Jahren umsetzen.

Sofern das gelingt, werden (frühestens ab 2025) alle Vorarlberger Schüler von ihrem sechsten bis zu ihrem 14. Lebensjahr in einer einzigen Schulform unterrichtet. Die AHS-Unterstufe, das Unterstufen-Gymnasium, soll umgewandelt und aufgelöst werden. Danach soll den Schülern, wie bisher, das breite Spektrum der Bildungslandschaft offen stehen, vom Polytechnikum bis zum Oberstufengymnasium, von den Berufsschulen bis zur HTL.

Vorbild-Modell

Und dieses Modell soll Vorbild für ganz Österreich werden – sofern es erfolgreich ist. Doch das liegt noch in ferner Zukunft, Änderungen im Schulsystem dauern, ähnlich wie Kurswechsel bei einem Ozeandampfer, sehr lange.

Im Ländle läuft die Debatte über die Gemeinsame Schule seit Jahrzehnten. Nachdem ein Forschungsprojekt 2015 zum Ergebnis kam, dass die Bildungswegentscheidung im Alter von 10 Jahren zu früh erfolgt und das zweigliedrige System (Hauptschule und Gymnasium) nicht mehr zur Schulrealität passt, gab auch die ÖVP-dominierte Landespolitik grünes Licht, das Projekt zu konkretisieren.

Denn das ist alles andere als einfach. Einerseits müssen die Voraussetzungen geschaffen werden – da geht es vor allem um Aus- und Weiterbildung des Lehrpersonals, damit die "innere Differenzierung" und "Individualisierung des Unterrichts" auch klappen kann. Das Wesen einer Gemeinsame Schule ist ja, dass Schüler mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Leistungen gemeinsam unterrichtet werden können. Und andererseits müssen alle damit einverstanden sein: In jeder der elf AHS-Unterstufenschulen im Ländle werden Eltern wie Lehrer darüber abstimmen, ob die Schule zu einer Gemeinsamen werden soll.

Überzeugungsarbeit

"Ich bin ein großer Befürworter der Gemeinsamen Schule, hege aber große Zweifel, dass es zu dieser Entscheidung auch kommt", erklärt der Vorarlberger Lehrergewerkschafter Gerhard Unterkofler. "Ich bezweifle, dass alle Schulen dafür stimmen, weil sie ja ihre eigenen Schulen abschaffen würden. Unsere Hoffnung ist, dass es der Landesregierung gelingt, mit ihrem Modell die Eltern und Lehrer zu überzeugen."

Außerdem müsse klar sein, dass laut Projektzeitplan frühestens ab 2025 die Gemeinsame Schule flächendeckend umgesetzt wird. Dann braucht es zumindest einen Jahrgang, der alle vier Klassen durchläuft, bis 2029, um das Projekt umfassend analysieren und evaluieren zu können. Erst dann werde bundesweit über das Modell der Gemeinsamen Schule diskutiert werden. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich noch erleben werde, dass die Gemeinsame Schule in ganz Österreich umgesetzt wird", erklärt der 62-Jährige Unterkofler.

Aber was soll das bringen? Wie sollen die Leistungen der Schüler damit verbessert werden? Und warum gab und gibt es so massive Widerstände gegen das Projekt?

Die frühe Trennung wird in zahlreichen Studien und von vielen Bildungsforschern kritisiert. Der Druck für manche Volksschüler ist enorm, nicht selten würden Eltern versuchen, mit Rechtsanwälten die AHS-Reife ihres Kindes zu erwirken.

Für die Sozialdemokraten war und ist das vor allem ein Problem der Chancengerechtigkeit, denn wer in eine AHS kommt, hängt von der Leistung in der Volksschule, aber eben auch vom Elternhaus und dem Schulangebot vor Ort ab. Zahlreiche Mittelschulen in ganz Österreich haben ebenso gute und teils sogar bessere Ergebnisse wie so manche AHS.

Ideologie

"Leider wurde das Thema immer nur ideologisch diskutiert", erklärt Harald Walser. Der Grüne Bildungssprecher war maßgeblich daran beteiligt, dass das Schulmodell nun in Vorarlberg erprobt werden kann. "Bisher hat das vor allem die AHS-Lehrergewerkschaft – eine kleine aber extrem einflussreiche Gruppe in der Politik – blockiert. Weil die AHS-Lehrer privilegiert sind, weil sie sich immer nur die besten Schüler an ihre Schulen holen können." Positiv sieht Walser aber etwas anders: "Davon werden nicht nur Schüler profitieren, sondern auch die Volksschullehrer, weil sie die Kinder nicht mehr separieren müssen."

SPÖ-Bildungsministerin Sonja Hammerschmid kontert ebenfalls den Kritikern: "Eine gute gemeinsame Schule ist in der Lage, die Schüler als Individuen zu betrachten, zu fördern und zu fordern. Ich habe in Schulen, die mit Lernbüros und Projektgruppen arbeiten, gesehen, dass es funktioniert."

Österreichweit gehen rund ein Drittel der Schüler nach der Volksschule in eine allgemein bildende höhere Schule (AHS), zwei Drittel kommen in die Neue Mittelschule (Hauptschule). In der Bundeshauptstadt ist das Verhältnis umgedreht, zwei Drittel der Viertklässler gehen nachher in eine AHS.


Somit ist in Wien die Mittelschule längst zu einer Restschule geworden, mehr als 71 Prozent (!) der Kinder sprechen daheim eine andere Sprache als Deutsch (im Österreich-Schnitt nur 29 Prozent). Entsprechend schwierig ist die Situation für Lehrer und Schüler, das Bildungsniveau leidet, da ihnen die guten Schüler fehlen, weil diese in Gymnasien abwandern.


Das Niveau leidet so aber auch in den Wiener AHS-Unterstufen: Denn durch den Druck so mancher Eltern, werden auch Schüler aufgenommen, die sich mit dem Leistungsdruck an den AHS sehr schwer tun.


Ein Ausweg wäre die Gemeinsame Schule mit exzellenter individueller Förderung (und Forderung) der Kinder. Dagegen wehren sich aber große Teile der Politik – und der Bürger. Lösung ist derzeit keine in Sicht.

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