Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Medizinermangel: Ärztekammer sieht "Flaschenhals" bei Basisausbildung

Appell an Spitalsträger, genügend Plätze bereitzustellen.
++ THEMENBILD ++ ARZT / ÄRZTE / KRANKHEIT / GESUNDHEIT / UNTERSUCHUNG / ÜBERWEISUNG / DIAGNOSE / BEHANDLUNG / PATIENT / ÖGK

Die Ärztekammer hat am Dienstag in Sachen Medizinermangel einen dringenden Appell an die Spitalsträger gerichtet, mehr Basisausbildungsplätze bereitzustellen. Derzeit bildeten diese nämlich einen "hochproblematischen Flaschenhals", warnte Präsident Johannes Steinhart: "Wir laufen sehenden Auges in einen Notstand in der Versorgung." Allein in Wien würden über 600 Plätze für die nun abschließenden Jungmediziner fehlen. Die Wartezeit auf diese betrage zum Teil eineinhalb Jahre.

Auch in den anderen Bundesländern stelle sich die Situation ähnlich dar. Neben den 1.300 notwendigen neuen Stellen im niedergelassenen Bereich sei man jetzt schon in den Spitälern mit einer Ärzteknappheit konfrontiert, so Steinhart. Die kommende "Pensionierungswelle der Babyboomer", auf die man seit 15 Jahren hinweise, werde das Problem noch einmal verschärfen. "Wir müssen uns um genügend Nachwuchs bemühen." Nötig dafür sei, den Spitälern genügend Budget und ausreichende Mittel zur Verfügung zu stellen, um die fehlenden Plätze anzubieten.

"Die Diskussion, aus welchem Topf das Geld kommt, ist einfach müßig", erklärte Daniel von Langen, ÖÄK-Vizepräsident und Obmann der Bundeskurie angestellte Ärzte. Es brauche eine "nachhaltige Ausbildung für das öffentliche System". Derzeit sei die Situation "absurd", so Langen, einerseits werde der Ärztemangel beklagt, andererseits aber keine Ausbildungsplätze geschaffen: "Die Zukunft wird geopfert auf dem Tablett der nicht stattfindenden Investitionen." Die jungen Kollegen seien nämlich allesamt "hoch motiviert", bekommen aber derzeit ein "Stoppschild vor die Nase" gestellt. Nun drohe, diese Ärzte an das Ausland zu verlieren.

Jungmedizinern fehlt Perspektive nach dem Studium

Den Studierenden fehle vielfach die Perspektive, schilderte der zweite stellvertretende Vorsitzende der ÖH Med Wien Anant Thind. Viele seiner Kommilitonen würden in zwei Monaten das Studium beenden und hätten sich zeitgerecht im sechsten Jahr um Plätze für die Basisausbildung bemüht. Alle erhielten aber die "gleichlautende" Absage: "Die Wartezeit beträgt über 20 Monate. Bis Ende 2027 sind alle Spitäler mehr oder weniger ausgebucht", so Thind: "Das bedeutet, sie schließen im Juli ab und dürfen dann über eineinhalb Jahre auf eine Stelle warten." In Deutschland oder in der Schweiz würde aber mit den entsprechenden Stellen geworben.

Es sei ein "ganz schlimmes Gefühl, die künftigen Kollegen in der Luft hängen zu sehen", betonte Kim Haas, Obmann-Stellvertreterin der BKAÄ und ÖÄK-Turnusärztevertreterin. Dabei werde der Ärztemangel "immer gravierender". In ein paar Jahren werde man die Versorgung nicht mehr aufrechterhalten können, wenn dieses "Loch" in der Ausbildung größer werde. Die Jungen setzten alles Mögliche daran, einen Ausbildungsplatz zu bekommen: Die Basisausbildung selbst sei "das Fundament" und biete die Möglichkeit, "über den Tellerrand hinaus zu schauen".

"Komische Umwege" der Politik abträglich

Die Vorschläge der Politik, wie die Verpflichtung, für das öffentliche System zu arbeiten, findet Steinhart seien "komische Umwege" anstatt "die Probleme direkt anzugehen". Zudem sei "jeder Zwang kategorisch abzulehnen". Eine Erhöhung der Studienplätze brächte ebenso nicht den gewünschten Erfolg, wenn die Plätze in der Basisausbildung fehlen, argumentierte Langen. Derzeit bringe man das Fass "künstlich" zum Überlaufen und die gut ausgebildeten Mediziner gehen ins Ausland. Dort seien sie nicht zuletzt wegen der Qualität der Ausbildung "überall herzlich willkommen".

Wiener Ärztekammer sieht viele offene Fragen bei Änderung der Basisausbildung

Die Wiener Ärztekammer wiederum hat am Dienstag in einer Aussendung vor vielen offenen Fragen bei der für 1. Juni geplanten Änderung bei der Basisausbildung gewarnt. Diese könnte eine "Reihe unerwünschter Nebenwirkungen auslösen". Konkret sollen Medizinabsolventinnen und -absolventen zumindest teilweise das Klinisch-Praktische Jahr (KPJ), das sie im letzten Studienjahr in Kliniken und Lehrkrankenhäusern absolviert haben, auf die neun Monate dauernde Basisausbildung im Spital anrechnen können. "Intention der Änderungen ist offenbar, die Facharztausbildung für Allgemein- und Familienmedizin zu beschleunigen. Das ist aber zu kurz gedacht", wie Eduardo Maldonado-González, Vizepräsident und Obmann der Kurie angestellte Ärzte der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, erklärte.

"Wir sind strikt gegen diese Änderung", so Maldonado-González. Gerade zu Beginn der Ausbildung im Spital sei es wichtig, einen Einblick in die Abläufe zu bekommen und sich umfassendes Wissen anzueignen. Unklar sei zudem, welche Teile des KPJ auf die Basisausbildung angerechnet werden können. Dieses wiederum diene primär dem Erwerb praktischer Erfahrungen im Rahmen des Studiums unter Anleitung, während die Basisausbildung bereits mit einer weitergehenden Einbindung in die ärztliche Tätigkeit und einer schrittweisen Übernahme von Verantwortung verbunden ist, argumentierte Maldonado-González: "Das KPJ ist ein integraler Bestandteil des Studiums und Voraussetzung für den Beginn der Basisausbildung."

Kommentare