Matthias Strolz: „Durch Covid sind wir eine angstgeführte Gesellschaft geworden“
Matthias Strolz beim KURIER-Interview.
Nach seinem Ausstieg bei den Neos ist Matthias Strolz vielfach als Unternehmer tätig. Als Autor hat er ein neues Buch über die Selbstgefährdung der Menschheit herausgebracht: „Homo Universus“.
Den ersten Teil des ausführlichen Interviews mit dem Neos-Gründer, in dem Strolz über die Neos, Meinl-Reisinger und die Dreierkoalition spricht, lesen Sie hier:
KURIER: Herr Strolz, dieser Tage erscheint Ihr neues Buch „Homo Universus“, in dem Sie sich mit der Zukunft der Menschheit auseinandersetzen. Speziell mit der Frage, ob sie die Selbstgefährdung überwinden kann. Was hat Sie dazu bewogen?
Matthias Strolz: Der Weltwahnsinn, der uns alle umgibt. Es ist eine Zeit multipler Krisen. Das verlangt jeder und jedem von uns viel ab. Aber wir müssen durch diesen Wahnsinn, der da grassiert, durchkommen. Das trifft mich genauso. Meine Bewältigungsstrategie zu solchen Anlässen: Ich schreibe dann Bücher. Damit sortiere ich mich im Umgang mit der verrückten Welt.
Sie schreiben darin, dass wir an einem kritischen Punkt angekommen sind. Es habe noch nie so viel Wissen gegeben, aber die Menschheit sei auch noch nie so nahe der Selbstgefährdung gewesen.
Wir sind an einem Scheitelpunkt der Menschheitsgeschichte angekommen. Die Künstliche Intelligenz etwa wird viele Segnungen bringen, aber auch Gewalt. Wenn früher einer unrund war, dann hat er den Nachbarn erschlagen, was schlimm genug war. Aber jetzt, wenn die Falschen unter uns sind, können sie ganze Kontinente erschlagen. Deswegen glaube ich, dass wir unseren technologischen Sprüngen zügig nachreifen müssen. Sonst sprengen wir uns selbst weg vom Planeten. Das heißt, wir müssen als Menschen und Menschheit auf eine neue Bewusstseinsstufe kommen.
Zum ausführlichen KURIER TV-Interview mit Matthias Strolz
Spannend ist der Umgang mit der Künstlichen Intelligenz. Sogar Papst Leo XIV. hat das Thema aufgegriffen aus Sorge, dass es sich in die falsche Richtung entwickelt.
Auf der einen Seite herrscht große Angst vor dem, was da passiert. Andere sagen, das ist die große Revolution, was wir alles können. Mit Sicherheit ist es ein Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit. Das ist nicht vergleichbar mit der Einführung des Computers, eher mit der Domestizierung des Feuers. Es gibt sehr viele KI-Experten, die sagen, wir bräuchten ein Moratorium, einen Stopp, um uns Regeln auszumachen. Das Problem ist, im Moment ist das Getriebe so aufgestellt, dass es in der Hand von entweder fragwürdigen Tech-Pros oder von machtorientierten geopolitischen Akteuren ist. Keiner ist bereit, sich an den Tisch zu setzen und zu sagen, wir führen Sicherungsprozesse ein. So wie wir es bei der Atomkraft – zumindest nach dem Abwurf der zwei Atombomben – gemacht haben.
Sie befassen sich in dem Buch auch mit Gut und Böse und wie es verschwimmt. Früher scheinen die Zehn Gebote in der Bibel für die Unterscheidung gereicht zu haben. Jetzt nicht mehr?
Oft verschwimmt es. Es ist auch nicht schwarz-weiß. Nehmen wir die Covid-Pandemie her. Was war damals gut, was war böse? Es ist total schwierig, das zu vermessen. Manchmal passieren ja auch schlimme Dinge aus gut gemeinter Motivation, und trotzdem war es ein Topfen. Ich hoffe, dass manche, die damals eine Impfpflicht gefordert haben, das im Guten getan haben, weil empirische Evidenz war damals nicht auf ihrer Seite. Gut und Böse – ich glaube, dass in jedem von uns beides wohnt. Da kommt der freie Wille ins Spiel. Ich kann jeden Morgen entscheiden: Gebe ich dem einen Futter oder dem anderen? Wenn ich wie der Wolf of Wall Street jeden Morgen meine Eitelkeit und meine Gier füttere, dann werde ich halt zum krankhaften Turbokapitalisten.
Matthias Strolz (53): Der Vorarlberger war 2012 Mitbegründer der Partei Neos. Er führte sie 2013 in den Nationalrat. 2018 zog er sich aus der Partei zurück, 2024 verkündete er seinen Parteiaustritt.
Aktuell ist er Impact-Unternehmer, Autor, Speaker, Bürgerbeweger, Organisationsentwickler und Coach.
Gut und Böse, da spielt immer auch Moral mit. Deren Ausprägung hängt sehr viel davon ab, aus welcher Kultur ich komme. Durch die Migrationsbewegung ist da in Europa auch einiges durcheinandergeraten, oder?
Europa bezieht seine Stärke aus der Vielfalt. Wir waren nie einfältig. Wir stehen auf den Schultern des jüdischen, griechischen, römischen und christlichen Erbes. Wir hatten immer wieder Völkerwanderungen. Das ist wie eine Melange, aber gleichzeitig braucht der Mensch auch Grenzen. Die, die sagen, wir nehmen alle Grenzen weg, sind naiv. Von meinem Doktorat her bin ich Systemiker, und aus der Systemtheorie her sagen wir, ich kann mich selbst nur begreifen, wenn ich meine eigenen Grenzen begreife. Nur dann bin ich auch gut beziehungsfähig.
Aber wer zieht diese Grenzen in Europa?
Das ist ja das Problem, dass wir als Europa unsere Grenzen nicht begriffen haben. Deswegen begreifen wir uns selbst nur ungenügend. Und deswegen sind wir nur begrenzt beziehungsfähig. Die Amerikaner und Chinesen lachen über uns und sagen, die wissen ja selber nicht, wer und was sie sind. Wir haben 2015 diese große Migrationskrise gehabt, und das war ein völliger Kontrollverlust. Wir lernen jetzt langsam daraus, dass wir auch unsere Grenzen wahrnehmen und beschützen müssen. Das heißt, es kann nicht jeder kommen, wie er will. Wir brauchen Migration, aber nur geplante Migration. Wir haben zu lange Chaos gehabt. Wir sehen es vor allem in den Städten oder in den Schulen, wenn die gemeinsame Sprache Deutsch nicht mehr funktioniert. Das ist der Indikator, dass es zu viel ist.
Am Anfang sind solche Aussagen immer nur von den rechten Parteien gekommen.
Das denke ich auch so. Ich bin ja kein FPÖ-Fresser, wie es so manche sind. Die sagen, die sind alle des Belzebubs, die sind alle die Ausgeburt des Bösen. Ich finde aber, dass populistische politische Kräfte oft leider nicht der intellektuellen Redlichkeit verpflichtet sind. Gleichzeitig sind sie aber so etwas wie Erdebendetektoren. Sie erkennen Themen und benennen diese früher. Allerdings liefern sie keine Lösungen, sondern sind nur am Größermachen des Problems interessiert. Das ist ihr Geschäftsmodell. Es war aber ein Verdienst der FPÖ, dass sie bei der Migration schon lange gesagt haben, dass es hier ein Problem gibt, als andere Parteien noch beschwichtigen. Übrigens auch die Neos, auch unter meiner Führung haben wir es nicht geschafft, hier einen angemessenen Kurs zu finden. Die Partei war bei dem Integrationsthema gespalten, auch zu naiv.
Wenn es um eine neue Bewusstseinsbildung geht, dann ist entscheidend, dass Menschen Verantwortung übernehmen. Man hat aber den Eindruck, dass diese Fähigkeit – von der Politik bis zur Wirtschaft – immer mehr abhandenkommt. Warum?
Weil wir zu sehr angstgeführt sind. In der Politik, in der Wirtschaft. Keiner will mehr Fehler machen. Wir sind vor allem durch Covid eine angstgeführte Gesellschaft geworden. Wir haben damals die Schleusen geöffnet und die Angst hineingelassen. Wir haben den Siebenjährigen gesagt, wenn du deine Oma triffst, dann machst du sie tot. Von Klein bis Groß, alle wurden in Angst gebadet, teilweise gut gemeint. Wir haben diese Angst nicht mehr zurück in die Flasche bekommen, nur umetikettiert durch Themen wie Krieg, Inflation oder KI. Angst ist ein guter Sparringpartner, ein wichtiger Diskussionspartner. Wenn ich keine Angst habe und vor die Türe gehe, kann es passieren, dass mich ein Lkw überrollt. Angst ist aber eine beschissene Reiseleitung. Und derzeit übernimmt die Angst vielerorts die Reiseleitung – in vielen Berufen und Lebensentwürfen. Das erstickt Lebendigkeit.
Aktuelle Politik ist in Ihrem Buch „Homo Universus“ kaum zu finden. Deswegen die Frage: Ist die Demokratie überhaupt noch das richtige politische Instrument, um die von Ihnen beschriebene Bewusstseinsänderung der Menschheit zu erreichen?
Es ist natürlich schon ein politisches Buch, anders kann ich nicht. Jeder hat so sein Ding in der Muttermilch gehabt, bei mir war es halt die Politik. Das Buch ist aber nicht parteipolitisch. Ich bin und bleibe ein Fan der Demokratie und Partizipation. Es ist ein mühsames Geschäftsmodell für eine Gesellschaft, aber dennoch das beste, das uns bisher untergekommen ist.
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