Gewessler vor ORF-Sommergespräch: Locker in der Opposition angekommen
Nur wenige Tage, nachdem KURIER-Karikaturist Michael Pammesberger in seiner Sommerserie „Politikerinnen im Urlaub“ die Grünen-Chefin aufs Korn genommen hatte, folgte die Antwort postwendend: Pammesberger hatte Leonore Gewessler auf der Couch liegend und Chips essend („aber keine bio“) porträtiert, während sie den Motorrad-Grand-Prix verfolgt. Gewessler veröffentlichte daraufhin ein kurzes Video auf ihren Social-Media-Kanälen: Darin empören sich die Grünen Granden (Ex-Parteichef Kogler, Ex-Klubobfrau Maurer und Ex-Ministerin Zadić) über die Karikatur („Unfassbar“) – bis sie in Gewesslers Büro feststellen müssen, dass die Parteichefin dort tatsächlich gerade MotoGP schaut und Chips („San aber kane bio“) knabbert.
Gratwanderung
Nicht allen Spitzenpolitikern ist zuzutrauen, dass sie über sich selbst lachen können. Die Episode zeigt aber auch: Gewessler ist nach der Ablöse von Werner Kogler im Juni 2025 als Bundessprecherin der Grünen in ihrer neuen Rolle angekommen.
Die 48-jährige Steirerin hatte 2019 den direkten Sprung von Platz zwei der Bundesliste ins Ministeramt geschafft. Nach dem regulären Ende der Regierung und einem deutlichen Minus bei der Wahl 2024 übergab Kogler der ehemaligen Umweltaktivistin von Global 2000 die Parteiführung. So holprig sich der Anfang gestaltete – Gewessler musste sich von der engen Klimapolitik hin zu allen für die Bevölkerung relevanten Themen öffnen –, so gut gelang die Übung bisher. Sie versucht nun, die Partei hinter ihrem neuen Kurs zu vereinen: Man müsse wieder anfangen, den Menschen zuzuhören, und wegkommen vom Image der „Verbotspartei“.
Greenfluencerin
FPÖ-Chef Herbert Kickl sucht den Kontakt zur Bevölkerung – fernab der etablierten Medien – vor allem über Social Media, und das mit großem Erfolg. Gewessler hatte schon als Ministerin ein kleines Team für digitale Inhalte und setzt auch in der Opposition auf diesen Kanal. Sie erreicht damit zwar deutlich weniger Menschen als die Freiheitlichen, aber die Klickzahlen steigen. Social Media ist für die Politik jedoch ein Seiltanz: Es braucht regelmäßige Beiträge, die präzise den Grat zwischen witzig und ernst, seriös und verspielt treffen.
Mehrheitsbeschaffer
Der aktuellen ÖVP-SPÖ-Neos-Koalition fehlen bekanntlich zwölf Stimmen im Parlament für eine Zweidrittelmehrheit. Vor allem bei Energiegesetzen – wie dem Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz (EABG) oder dem Günstiger-Strom-Gesetz – verhalfen nicht die Freiheitlichen, sondern stets die Grünen der Regierung zur nötigen Mehrheit. Selbst bei der Spritpreisbremse stimmte die Öko-Partei dafür, die FPÖ dagegen. Für die Grünen bleibt das dennoch ein Dilemma: Frei nach dem Motto „Am Ende stimmen sie eh mit“ verliefen die Verhandlungen selten nach ihren Vorstellungen, oft konnte der Gesetzestext erst im letzten Moment in ihrem Sinn angepasst werden.
Positiv für Gewesslers Grüne zeigen sich die aktuellen Umfragen: Der APA-Wahltrend bescheinigte der Partei Mitte Juli 12,4 Prozent – zwar weniger als beim Rekordwert der Nationalratswahl 2019 (13,9 Prozent), aber deutlich mehr als das magere Ergebnis von 8,2 Prozent bei der Wahl 2024. Blöd nur für die Grünen, dass bisher noch nie eine Nationalratswahl während einer Hitzewelle abgehalten wurde.
Das heutige ORF-Sommergespräch ist für Gewessler übrigens erst das zweite.
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