Politik | Inland
24.06.2018

Leben in Burundi - Tanz am Abgrund Afrikas

Das fünftärmste Land der Welt kämpft mit den Folgen von Bürgerkrieg und Hunger, Tausende fliehen nach Ruanda.

Beim Betreten des Raumes verschlägt es dem Besucher kurz den Atem. Ein stechender Geruch aus Rauch und Schweiß schwängert die warme, sauerstoffarme Luft. Der Boden speckig vor Dreck. Ein Tisch, zwei Holzschemel und eine Plastikwanne, in der Breireste kleben. Diane Unimana lebt hier. Mit ihren zwei Söhnen und Mann auf 7 . Die 26-Jährige ist schwanger. Wieder. Wann sie niederkommt, das weiß sie nicht. Wichtiger ist Diane, dass sie Arbeit findet. Täglich. Irgendwo. „Der liebe Gott liebt keine Menschen, die nicht arbeiten“, sagt sie, die sich mit schwarz gebranntem Alkohol einen Bettel zu verdienen versucht, und: „Der Reichtum der Menschen sind die Kinder.“ 5,99 Kinder hat eine Burundierin, besagt die Statistik. Zu viele, zeigt die Realität.

Rückblick. Sicherheitsstufe 4 im fünftärmsten Land der Welt. Für Fremde ist Gelbfieberimpfung Pflicht, Malaria-Prophylaxe Kür. Nach Burundi kommt nur, wer von Berufs wegen hier zu tun hat: internationale Hilfsorganisationen wie die Caritas und Journalisten, die sich ein Bild von dem über Jahrzehnte vom Bürgerkrieg dominierten, elf Millionen Einwohner zählenden Land machen wollen.

Ebola-free & Gluten-free

Der Zwischenstopp in Äthiopien gibt einen Vorgeschmack auf das, was die Reisenden in Ostafrika erwarten wird. Am Flughafen Addis Abeba zwei Schilder in Sichtweite voneinander: „Ethiopia is currently Ebola-free“ und „Gluten-free snacks“. Eine Gratwanderung zwischen den Welten beginnt. Der dereinst ersten und der dritten Welt. Zwischen Apathie und Aggression. Revolution und Resignation.

Afrika

1/20

Chronisch unterernährt und oft halb so schwer wie alt

Statistisch bekommt jede Burundierin 5,99 Kinder

Sechs Monate alte Kinder bekommen Brei aus Soja, Mais und Maggi

Gemeinsames Breiessen

Clothide Nizigiyimana ist schwanger, hat vier Kinder, zwei davon leben im Heim.

Diane Unimana, 26, lebt mit zwei Kindern und Mann auf 7 Quadratmetern

Dianes Sohn in seinem Zuhause in Gitega/Burundi

Vor den Häusern wird gekocht, gewaschen, gelebt

Jedes dritte Kind südlich der Sahara ist chronisch unterernährt

Ziegenverteilung an Frauen in Gitega

Wer eine Ziege bekommt, der unterschreibt mit dem Daumen

Tierärztliche Vorsorge ehe die Ziegen in die Familien kommen

Tanz und Gesang zur Begrüßung in Burundi

Spezielle Ofenbauweise wird gelernt, um Holz sparen zu helfen

Frauen und Männer lernen, aus Bananen Stecklinge zu ziehen

Burundi ist das mit am stärksten wachsende Land der Welt

400.000 Burundier sind geflohen, 57.000 in das Camp Mahama in Ruanda

"Hunger ist kein Naturereignis", sagt Caritas-Präsident Michael Landau

Antlitz der Armut im Waisenhaus

Kinder und Erwachsene hängen sich an Autos und LKWs

 

Er lässt auf sich warten. Der Gouverneur von Gitega, einer Provinz wenige Autostunden von Burundis Hauptstadt Bujumbura entfernt, lässt bitten. Wie es die Höflichkeit gebietet, aber auch die politische Situation erfordert. Im Mai noch war ausländischen Journalisten die Einreise verboten. Ein Referendum, das dem bereits dreifach im Amt bestätigten Präsidenten Pierre Nkurunziza eine weitere Amtszeit ermöglichen sollte, durfte nicht zu dessen Ungunsten ausgehen. Jetzt, da Nkurunziza bis 2034 regieren kann, „ewiger Führer“ ist, ist Besuch vermeintlich willkommen. Gouverneur Venant Manirambona, ein schmaler Mann mit dunkler Brille und leiser Stimme, betont, das Referendum beweise, dass „Ruhe im Land herrscht. Die schlimmsten Zeiten wie 1972, 1987 oder 1994 sind überstanden. Er spricht von „Krisenzeiten“. Mehr nicht.

 

Aufbaunahrung mit Maggi für die unterernährten Kleinstkinder © Bild: Johanna Hager

Vom wechselseitigen Abschlachten der rivalisierenden Volksgruppen Hutus und Tutsis, von den Massakern mit Macheten, um an die Macht zu kommen – kein Wort. Dass Hunderttausende Burundier ihr Leben lassen mussten, allein seit 2015 über 200.000 Menschen im Land als vertrieben gelten, über 400.000 in die Nachbarländer geflohen sind, bleibt unerwähnt. Stillschweigen auch darüber, dass der Binnenstaat als erstes Land der Welt 2017 aus dem Weltstrafgericht ausgetreten ist, nachdem die Vereinten Nationen den burundischen Behörden Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen hatten. Eine der Folgen der Verbrechen wird andernorts sichtbar.

Im Waisenhaus des Ordens „Neues Leben für die Versöhnung“, das auch als Ernährungszentrum fungiert, steht Ordensleiterin Schwester Godelive inmitten einer Mütter- und Kinderschar, die singt und tanzt, um die Gäste willkommen zu heißen. Hier sind sie: Die Kinder mit ob chronischer Unterernährung geblähten Bäuche. Babys, in deren Gesichtern nebst Augen die Fliegen dominieren, die wie festgeklebt wirken. Kinder, die man vornehmlich als Fotomotive von Spendenorganisationen kennt, begrüßen leibhaftig. Eines nach dem anderen reicht die Hand, sagt teils verschüchtert, teils vorlaut „Bonjour“ und wartet, was als nächstes passiert. Die Schwestern mahnen, die Hände zu desinfizieren, doch daran ist in den Momenten unter der Mittagssonne nicht zu denken.

Vermessung von chronisch Unterernährten © Bild: Johanna Hager

 

Mentalitätsproblem

Ein Zwölfjähriger bringt die Hälfte seines Alters auf die Waage. Die Umfänge von Armen und Beinen sind im niedrigen einstelligen Bereich. Mitten unter den Hungernden plötzlich Handyläuten. Aus der Jackentasche einer Ordensschwester. Leere Teller, aber voller Handyempfang. Erste Welt. Dritte Welt. Verkehrte Welt.

Ein Gemisch aus Soja, Mais, Pflanzenöl, geriebenen Nüssen und Maggi soll Babys ab sechs Monaten als Aufbaubrei dienen; die rund 100 anwesenden Kinder bekommen gleich eine Portion davon. Isst das Kind nicht, dann die stillende Mutter. Übrig bleibt nichts. Eine Wochenration Pulver bekommen die Mütter mit nach Hause. Das französische Fernsehen berichtet vom Treffen Merkel-Macron. In Burundi berichtet Pater Alphonse.

„Wir haben ein Mentalitätsproblem in Burundi“, attestiert er. „Wir halten die Hand auf anstatt Hand, Herz und Hirn zu benutzen. Das muss sich ändern.“ Er weiß, wovon er spricht. Er hat es geschafft; in Europa studiert und doch ein Leben in seiner Heimat einem Uni-Lehrstuhl in Deutschland vorgezogen, weil er mit seiner Arbeit ein „kritisches Bewusstsein schaffen will. Damit Familien nur so viele Kinder bekommen, wie sie großziehen können. Der Schlüssel ist wie überall Bildung“. Doch diese ist in Burundi genauso Mangelware wie Nahrung. Eben das erscheint einem Fremden paradox, verheißt das Land am Äquator auf den ersten Blick doch beste Voraussetzungen.

Reisfelder grenzen an Teesträucher, Mais, Bohnen und Kartoffeln gedeihen wie Bananen, Papayas oder Ananas, allein: Das fruchtbare Land ist zu wenig für die am viertstärksten wachsende Bevölkerung der Welt, die zu 90 Prozent von Ackerbau lebt. Ein perfekter Nährboden indes für Korruption und Ausbeutung . Wie viele Frauen während der Kämpfe von Hutus und Tutsis drangsaliert, vergewaltigt und mit HIV infiziert wurden, verrät keine Statistik. Wie auch? In einem Land, in dem es keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt, ganze Betten und Bananenstauden mit einem Fahrrad transportiert werden, Männer an Lkw hängen, um bis zu 1000 Höhenmeter Berg- und Talfahrt zu absolvieren und Frauen Brennholz kilometerweit auf dem Kopf tragen, mangelt es an allem.

Bis vor Kurzem, so erzählt Schwester Godelive, wurden Kinder über fünf Jahren in Krankenhäusern nur gegen Geld – also de facto nicht – behandelt. Wie viel ein Burundi-Franc wert ist, das liegt im Auge des Betrachters. 2000 Burundi-Franc können einem Euro entsprechen, der Hälfte oder dem Doppelten. Ein Hasard-Spiel, in dem auch Alkohol eine Rolle spielt.

Bier statt Babys

Durchschnittsalter in Burundi: 17 Jahre; in Österreich: 43,8 © Bild: Johanna Hager

Kaum ein Logo ist so präsent wie jenes der Biermarke Primus. Kaum eine Getränkeflasche ist größer (über 600 ml), kaum ein Gebäude – bis auf jene der Regierung – ist so mit Stacheldraht umzäunt wie jene der Brauereien, die von der ehemaligen Kolonialmacht Belgien stammen. „Alkohol ist ein Problem“, sagt Pater Alphonse. Das war es schon zu Kriegszeiten, doch es werde immer größer. Geben die Männer das Geld für Bier statt für Babys aus, beginnt der Dominoeffekt, der für manche Frau in Gewalt oder Prostitution endet. Um dem vorzubeugen, versucht die Caritas Frauen in ihrer Eigenständigkeit zu unterstützen.

Wie viel ihnen diese Hilfe bedeutet, ist wieder und wieder sicht- und hörbar. Sie tanzen, singen, lachen, danken. Danken für Ziegen, um natürlichen Dünger für ihr Stück Land oder aber einen Pfand für den Ernstfall zu haben. Danken für Projekte, in denen sie lernen, Bananen-Stecklinge zu ziehen, um mehr zu ernten, oder Lehmöfen zu bauen, um Holz zu sparen. Doch für viele kommt diese Hilfe zu spät.

© Bild: Grafik

Sie sind aus Armut und Angst vor Repression ins Nachbarland Ruanda geflohen. Im Flüchtlingscamp Mahama leben derzeit und ausschließlich 57.000 Burundier. Und täglich werden es mehr – allein durch Geburten im Camp sind es täglich bis zu 15 neue Camp-Bewohner. Die internationalen Hilfsmittel werden indes weniger. Ruanda gilt 24 Jahre nach dem Genozid – 1994 wurde innert 100 Tagen fast eine Million Hutus und Tutsis bestialisch ermordet – als Singapur Afrikas. China und die USA investieren in die Hauptstadt Kigali.

Prosperität, ersichtlich an asphaltierten und beleuchteten Straßen, Motor- statt Fahrrädern, Schuluniformen statt Jutesackerl und dem ersten Plastiksackverbot Afrikas. Doch die Prosperität hat einen Preis: Opposition oder kritische Meinungsäußerung ist verpönt, Homosexualität de facto verboten. Über die Flüchtlinge spricht man nicht. Österreichs Caritas-Präsident tut es.

Am Weltflüchtlingstag ist Michael Landau in Ruanda: Kanzler Sebastian Kurz ist in Linz mit Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder, um Asylfragen zu diskutieren. Landau mahnt die Regierung, die österreichischen Entwicklungshilfegelder jährlich wie versprochen um 15 Millionen Euro zu erhöhen und nicht wie derzeit auszusetzen. Und er erinnert eingedenk der Eindrücke vor Ort und angesichts der EU-Ratspräsidentschaft an den Marshallplan für Afrika. „Nur durch die langfristige Hilfe in Afrika wird die Migrationsfrage in Europa zu lösen sein.“