Politik | Inland
17.06.2017

Lautes Gebetsrufen im Wiener Rathaus

In Wahlkampfzeiten ein sensibler Termin: Politiker laden im Ramadan Muslime zum Fastenbrechen.

Die Gebetsteppiche sind ausgerollt, Fotos berühmter Moscheen aufgestellt und das Halal-Essen ist zubereitet. Auf dem Menü stehen: Donauschill mit buntem Fisolensalat, nach islamischen Vorschriften zubereiteter Kalbsrücken mit glacierten Sommerpilzen und als Dessert Sauerkirsch-Strudel. So wurde der Wiener Rathauskeller zum traditionellen Fastenbrechen (Iftar) vorbereitet. Am vergangenen Dienstagabend nahmen Hunderte prominente Muslime auf Einladung des Wiener Bürgermeisters Michael Häupl im Rathaus Platz, um gemeinsam das Fasten zu brechen.

Ausgerechnet im Rittersaal, der von den Stadtvätern dem "Wiener Wein" gewidmet ist, wird heute kein Alkohol ausgeschenkt. Der Abend hat Tradition. Vor 16 Jahren lud Wiens SPÖ-Chef im Fastenmonat Ramadan erstmals zum Treffen mit Muslimen.

Der Gastgeber lässt sich nicht blicken, was Fragen aufwirft – bis SPÖ-Gemeinderat Omar Al-Rawi dessen Abwesenheit erklärt. "Er musste wegen eines dringenden Termins kurzfristig absagen", sagt Al-Rawi und stellt Häupls Vertreter vor – gleich zwei, SPÖ-Landesparteisekretärin Sybille Straubinger und SPÖ-Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky.

"Wir und die Anderen"

Beiden sieht man ein wenig an, dass sie erstmals hier sind, aber sie scheinen sich bald wohl zu fühlen. "Wenn man gemeinsam an einem Tisch sitzt, gemeinsam feiert, kann man auch gemeinsam für unsere Anliegen streiten", sagt Czernohorszky und bedankt sich für die Imame-Deklaration. Wie berichtet, unterzeichneten am Mittwoch 312 Imame der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) eine Deklaration gegen Extremismus, Gewalt und Terror.

Häupl-Vertreter Czernohorszky nutzt diesen Anlass, um angesichts des beginnenden Wahlkampfs vor der Feinbildpflege wie "Wir und die Anderen" zu warnen.

Beten im Leharsaal

Auch der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft Ibrahim Olgun spricht vielen Muslimen aus der Seele: "Dieses Iftar in den Räumlichkeiten der Stadt Wien ist ein Zeichen der Wertschätzung." Kurz darauf hört man im Wiener Rathauskeller den muslimischen Gebetsruf, der gleichzeitig das Signal zum Fastenbrechen angibt. An die Bedürfnisse der Muslime ist gedacht. Der gegenüberliegende Lehár-Saal wurde mit Gebetsteppichen ausgelegt und dient als Gebetsraum. Die einen essen zuerst und gehen dann beten, die anderen machen es umgekehrt. Zwischen den beiden Sälen herrscht so ein Kommen und Gehen.

Blau & Grün laden nicht

Nicht nur der Bürgermeister lädt zum Fastenbrechen ein. Seit sechs Jahren empfängt Integrationsminister Sebastian Kurz im Palais Niederösterreich seine muslimischen Gäste. Dieser Tage war es wieder einmal so weit, jedoch auch ohne Kurz. Er musste sich aus Termingründen ebenfalls vertreten lassen. Seine Botschaft blieb aber die gleiche: "Musliminnen und Muslime sind heute ein selbstverständlicher Teil der österreichischen Gesellschaft. Das wollen wir mit diesem gemeinsamen Fastenbrechen verdeutlichen".

Kanzler Christian Kern warnte vor einer Woche im Dialog-Iftar der Islamischen Glaubensgemeinschaft gar ausdrücklich vor "politischen Tendenzen, die zunehmend Platz greifen" und Muslime als Menschen zweiter Klasse sehen würden.

Die Freiheitlichen und die Grünen laden zu keinen Iftar-Abenden. "Wir veranstalten generell keine religiöse Feier", heißt es von den Grünen. Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek lässt ausrichten: Sie bedauere es aber, dass sie heuer der Einladung liberaler Muslime aus Zeitgründen nicht Folge leisten konnte.

Nur einmal bei Fischer

In die Hofburg lud Alt-Bundespräsident Heinz Fischer im Jahr 2007 zum Iftar. Dies ist aber einmalig geblieben. Auch sein Nachfolger Alexander Van der Bellen habe nicht vor, einen Iftar-Abend zu veranstalten.

Am Dienstag beginnt sich gegen halb elf Uhr Abends der Rathauskeller wieder rasch zu leeren. Die Gebetsteppiche werden eingerollt, die Weingläser wieder aufgestellt und der Rittersaal ist wieder für den Normalbetrieb gerüstet. Jedenfalls bis zum nächsten Ramadan.

Wie Muslime einen Monat lang fasten

Fasten ist eine der fünf Säulen des Islam. Der Monat Ramadan wird nach dem Mondkalender bestimmt. Da dieser im Gegensatz zum Gregorianischen ein paar Tage kürzer ist, verschiebt sich die Fastenzeit jedes Jahr. Heuer begann sie am 29. Mai und endet am 25. Juni mit dem zweitwichtigsten Feiertag der Muslime, dem Ramadan-Fest. Im Monat davor dürfen Gläubige von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang nichts essen und trinken. Auch Sex und Kaugummi sind verboten. In jedem Haushalt, meistens in der Küche, hängt ein Ramadan-Kalender mit den genauen Uhrzeiten. Es gibt zwei Mahlzeiten im Ramadan – den Suhur und den Iftar. Der Suhur wird vor der Morgendämmerung im kleinen Familienkreis eingenommen. Da dieses Hungergefühl auch zu Emphatie führen soll, lädt man zu Iftar Verwandte und Bekannte ein, um gemeinsam die Abendmahlzeit zu genießen. Im Laufe der Zeit hat es sich so weiterentwickelt, dass heute diese Einladung als Gelegenheit zum Zusammenkommen gesehen wird.