Politik | Inland
06.06.2018

„Kunst ist ein Zweig der Diplomatie“

Mikhail Piotrovsky, Direktor der Eremitage St. Petersburg, über Museen im globalen Machtgefüge

Die Eröffnung der Schau „Die Eremitage zu Gast“ im Kunsthistorischen Museum (KHM) war am Dienstag kultureller Schlusspunkt des Besuchs von Wladimir Putin in Wien. Für den Direktor des russischen Museums sind derlei Kunst-Gastspiele Bausteine eines „Brückenbaus“.

KURIER: Sie haben bereits 2001 ein Kooperations-Abkommen mit dem KHM und den Guggenheim-Museen unterzeichnet. Wie hat sich die Museumswelt seitdem verändert?

Mikhail Piotrovsky: Die Tendenz zur Globalisierung von Museen hat sich in viele Richtungen weiterentwickelt, der Louvre in Abu Dhabi ist ein Resultat davon. Es ist ein sehr flexibles Schema, und es funktioniert trotz all der politischen Probleme. Wir diskutieren gerade über eine Dependance in China und eine in Barcelona.

Ihre Dependance in London hat wieder geschlossen.

Unsere Zweigstellen werden immer von den Orten finanziert, an denen sie ansässig sind. Wir liefern den Inhalt, die Empfängerseite liefert die Infrastruktur und das Geld für den Betrieb. In London war es aufgrund der geänderten politischen Lage schwierig, Geld zu lukrieren.

Welchen Bezug haben Russlands Reiche zur Eremitage und ihrer historischen Sammlung? Wir haben sie erzogen. Als ich 1992 Direktor wurde, gab es keine Chance, russisches Geld für kulturelle Institutionen zu bekommen. Wir arbeiteten also mit ausländischen Firmen, hauptsächlich amerikanischen, und versuchten Schritt für Schritt, Russen als Förderer heranzubilden: Es sitzen nun einige reiche Russen im Kuratorium der Eremitage, der Vorsitzende ist Wladimir Potanin (Oligarch und Vorsitzender der Interros-Holding, Anm.). Er half uns etwa, das „Schwarze Quadrat“ von Kasimir Malewitsch zu erwerben, und finanziert dazu Stipendien und andere Dinge. Die Situation entwickelt sich also, wobei es gerade komplizierter wird, weil jene Wirtschaftstreibende, die von Sanktionen betroffen sind, auch sehr aktiv im Spenden und im Aufbau von Sammlungen waren.

Sind Ausstellungen wie jene im KHM auch als diplomatischer Arm der russischen Regierung zu verstehen?

Die Kunst selbst ist eine der wichtigsten diplomatischen Institutionen. Wenn alles andere versagt, beginnt die Kunst zu sprechen. Ich sage immer: Auch wenn ihr alle anderen Brücken zum Einsturz bringt, lasst unsere stehen, dann wird alles andere über kurz oder lang wieder zusammenwachsen. Ich denke, das war immer schon so. Eine Ausstellung wie die vorliegende sendet das Signal, dass wir weitermachen: Der Austausch, den wir mit dem KHM über viele Jahre pflegen, geht weiter. Kulturschätze überdauern wechselnde Regime, wechselnde politische Strömungen.

Wie hat sich der Umgang der Russen mit der zaristischen Vergangenheit verändert?

Wir leben heute in einer Zeit der Nostalgie. Nach dem Kollaps verschiedenster Reformbewegungen und dem Versuch, Teil des kapitalistischen Europa zu sein, sehnen sich manche Russen in Sowjetzeiten und manche in imperiale Zeiten zurück. Was die Eremitage betrifft, so war sie immer ein kaiserlicher Palast und hat immer die Erinnerung an die Zarenzeit am Leben gehalten. Wir waren damit mal aus der Mode, mal mehr in Mode.

Was ist Präsident Putins Verhältnis zur Eremitage?

Wie Sie wissen, stammt er aus St. Petersburg. Putin kennt die Eremitage, er ist einer der wenigen russischen Führungspersonen, die aus einer großen Stadt kommen. Er besucht die Eremitage, er bringt seine Gäste dorthin, und er nutzt die Museumsbesuche auch, um seine Gäste beiseite zu nehmen und diplomatische Gespräche ohne Zuhörer zu führen. Er weiß, wie er diese Räume benutzt und erwähnt die Eremitage auch immer wieder. Er versteht die Wichtigkeit der Institution.