Köhlmeier: "Wenn man dagegen aufsteht, bietet man sich selbst auch eine Bühne"

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Köhlmeier: "Bösen Taten gehen Worte voraus"
06/18/2016

Köhlmeier: "Bösen Taten gehen Worte voraus"

Erfolgs-Autor Michael Köhlmeier über Hass, Hasspostings und die vorübergehende Sexyness von Hass.

von Andreas Schwarz

KURIER: Herr Köhlmeier,wir erleben gerade eine Explosion des Hasses in Sozialen Medien gegen Andersdenkende und Politiker – und dann wird eine Abgeordnete ermordet. Die Metapher "Sprache kann töten" ist sehr real geworden, oder?

Michael Köhlmeier: Allerdings, ja. Nicht nur guten Taten, auch bösen Taten gehen Worte voraus. Und seit Jahren werden Menschen, die etwas Gutes tun wollen, was ja über alle Jahrtausende hinweg immer positiv gesehen wurde, als Gutmenschen diffamiert und lächerlich gemacht ...

Sie meinen jene, die sich in der aktuellen Flüchtlingskrise engagieren.

Genau. Ich bin nicht bei Facebook, aber es genügt mir schon zu sehen, was an Zuschriften in Zeitungen zu lesen ist, das hätte man früher nicht für möglich gehalten.

Woran liegt dieser Hass, der jetzt Worte findet?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Hass von denen genährt wird, gegen die er gerichtet ist. Weil die meisten Leute haben ja mit Menschen, die auf der Flucht sind, konkret nichts zu tun. Sie hätten gar keinen Anlass für den Hass.

Warum gibt es ihn dann?

Ein derartiger Hassausbruch spricht eher dafür, dass jemand für Frustrationen, die er mit sich trägt, einen Sündenbock sucht. Ich glaube, der Hass war schon da, bevor die Flüchtlinge gekommen sind.

Und jetzt hat er ein Objekt gefunden?

Ja, für Kränkungen, dafür, zu wenig estimiert zu werden. Viele Menschen begreifen auch nicht mehr, was rundum geschieht. Dieses Gefühl geht entweder in Selbsthass über, dann wird es pathologisch, oder man sucht sich einen Sündenbock.

Früher gab’s doch auch Menschen, die sich nicht verstanden fühlten – hat der Hass im Sozialen Netz noch einmal eine andere Qualität oder nur ein breiteres Forum, wo ihn jeder abladen kann?

Vor allem anonym. Der Klassiker ist ja: Ich habe einen Hass, suche mir ein Objekt, auf das ich ihn richten kann, und jemanden, der ihn stillt. Das sind diejenigen, die zuschlagen, während ich mich im Hintergrund halten und sagen kann: Ich bin’s nicht gewesen. Jetzt kann ich es sein, zumindest verbal, und bin trotzdem anonym.

Kann man so einfach hassen?

Dem Gegner muss immer Menschliches genommen werden, damit man ihn so richtig von Leibeskräften hassen kann. Am meisten hassen kann ich, wenn ich, wie unter den Nazis, dem Gegner das Menschsein überhaupt abspreche – dann tue ich vermeintlich nichts Böses, wenn ich hasse, ist es eine lässliche Sünde. Heute geht das in kleinen Schritten: Wenn ich von der "Flüchtlingswelle" rede, dann entmensche ich, eine Welle ist ja nichts Menschliches. So wird Millimeter um Millimeter an Menschlichem weggenommen.

Wie kann man den Hass in der Sprache wieder einfangen?

Wenn man sich kennen lernt, dann merkt man am Anderen die menschlichen Züge, und dann hasst es sich schwerer. In Dresden ist die Pegida-Bewegung gegründet worden, wo es so gut wie gar keine Ausländer gibt. Und wo in Wien am meisten Ausländer leben, funktioniert das Zusammenleben gut ...

... und wird Grün und nicht Blau gewählt, zumindest bei der Bundespräsidentenwahl.

Genau. Und man sollte aufstehen und sagen: "Jawohl, wenn ihr mich einen Gutmenschen nennt, so stehe ich dazu, das ist für mich ein Adelstitel, ich hätte es mir selbst gar nicht zugetraut, mich einen guten Menschen zu nennen." Man muss es umdrehen, wie es die Punks seinerzeit getan haben, die sagten: "Ihr bezeichnet uns als Dreck? Gut, dann nehmen wir es als Ehrentitel."

Wäre Ignorieren ein Weg?

Das hilft nichts und hat nie geholfen. Wie soll das abgesprochen werden, dass niemand darüber berichtet? In den Sozialen Medien ist es ja trotzdem da, in der eigenen Gruppe ist die Anerkennung trotzdem da. Außerdem würde ich mich auch schämen, so Unmenschlichkeiten zu ignorieren.

Es ginge ja nur darum, Hasspostern nicht noch eine weitere Bühne zu bieten.

Das stimmt schon, aber wenn man dagegen aufsteht, bietet man sich selbst auch eine Bühne. Und ich kann nicht aus Protest gegen diese Hassgeschichten einfach vom Wetter reden.

Ist die Hass-Dynamik überhaupt noch zu bremsen?

Ich glaube schon, dass sich das wieder einkriegt und dass das vorübergehend ist. Es hat ja auch einen Kick, zu hassen. Vorübergehend ist Hass sexy. Auf Dauer ist er es nicht. Und Zynismus ist die ödeste aller Denkungsarten. Jeder kennt in seinem Bekanntenkreis Zyniker, und es ist ganz witzig, dem einmal zuzuhören, aber man hat bald genug, und dann ist es nur noch fad.

Darauf hoffen Sie.

Ja. Und es hat ja nicht nur Negatives: So lange die Leute in den Sozialen Medien schimpfen, ist das besser, als wenn sie Asylantenheime anzünden.

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