Politik | Inland
23.04.2018

Klimaforscher zerpflücken Klimastrategie der Regierung

Der Regierungsvorschlag sei zu wenig, zu schwammig und insgesamt nicht ausreichend, urteilen die Forscher.

Vor drei Wochen hatte die Regierung ihren Entwurf für eine „Klima- und Energiestrategie“ vorgelegt und eingeladen, das Papier zu analysieren und bewerten.

Am Montag antworteten die Wissenschafter, konkret die Experten des Climate Change Center Austria (ccca.ac.at), das „Sprachrohr“ der Experten von 28 Unis und außer-universitären Forschungseinrichtungen ist.

Die Wissenschaftler geben der Strategie der Regierung ein klares „Nicht genügend“: Ziele und Verantwortlichkeiten seien nur schwammig formuliert, die Strategie insgesamt diffus, die Maßnahmen nicht ausreichend.

Worum geht es? Um die Erderwärmung so weit wie möglich abzumildern, müssen überall Treibhausgas-Emissionen, vor allem CO2 aus fossilen Brennstoffen wie Öl, Gas oder Kohle, reduziert werden. Dafür müssen die Energiesysteme umgestellt werden. Wie das gehen soll, will die „Klima- und Energiestrategie“ vorgeben.

Das Problem dabei: Wir beziehen zwei Drittel unserer Energie aus fossilen Brennstoffen, eine Umstellung scheint also kaum umsetzbar. Fakt ist auch, dass Österreich als eines von wenigen Ländern seit 2015 steigende CO2-Emissionen verzeichnet. Somit gehört Österreich zu den Klimaschutz-Schlusslichtern in der EU (siehe Grafik), gemeinsam mit Staaten wie Kroatien, Zypern und Malta, erklärte Klimaforscher Karl Steininger vom Wegener Center in Graz. Im Vergleich zu den Emissionen von 1990 habe Österreich einen Zuwachs von einem Prozent, vergleichbare Länder wie Dänemark oder Schweden ein deutliches Minus.

 

Zurück zur Klimastrategie: In ihrer Stellungnahme beschreiben die Forscher, was aus ihrer Sicht alles fehlt.

Als „zentralste Punkte“ merken sie an, dass es klare Zuständigkeiten brauche (wer wofür geradesteht), Zeitpläne benötigt werden, was bis wann umgesetzt werden soll, und die erzielten Fortschritte jährlich überprüft werden sollen.

Laut Klimastrategie müsse Österreich bis 2030 rund 36 Prozent weniger CO2 emittieren als 2005 – viel zu wenig, klagen die Forscher, nötig sei ein Minus von zumindest 45 bis 52 Prozent: Steininger vom Wegener Center erklärt seine Berechnung aus der obigen Grafik so: Die Pariser Klimaziele sagen, dass nur mehr eine bestimmte Menge an Treibhausgasen wie CO2 emittiert werden kann. Steiniger hat dieses "Treibhausgas-Budget" für Österreich heruntergerechnet: Demnach bleiben uns in diesem Jahrhundert nur mehr ein "Budget" von 1000 bis 15000 Millionen Tonnen CO2. Der Unterschied resultiert aus unterschiedlichen Berechnungsmodellen, je nachdem ob jeder Mensch weltweit die gleiche Menge an Treibhausgasen zugestanden wird, oder den Menschen in den nördlichen (kälteren) Industrienationen mehr Emissionen erlaubt werden.

Zur Grafik: Wenn extrem harte Klimaschutzmaßnahmen ergriffen werden (blau) könnte die Erwärmung auf 0,9° bis 2,3°C begrenzt werden. Geschieht weiter gar nichts, geht die Erwärmung weltweit Richtung plus 3,2° bis 5,4°C weltweit.

Übrigens: Das angestrebte Null-Defizit der Regierung begrüßen die Forscher, geben aber zu bedenken, dass „die zu erwartenden Kosten des klimapolitischen Nicht-Handelns“ die nachfolgenden Generationen besonders belasten werden. Steininger erklärte, er sei deshalb in Sorge um den Wirtschaftsstandort Österreich.

Klimaschutzministerin Elisabeth Köstinger hatte bei der Präsentation ihrer Klimastrategie #mission 2030 (https://mission2030.info) die Bevölkerung eingeladen, Vorschläge und Ideen zur Klimastrategie der Regierung einzubringen. Die Strategie soll in ein Gesetz münden, das noch vor dem Sommer beschlossen werden soll.

Köstinger wurde indes von der New York Times zum Thema Klimawandel interviewt - zusammen mit anderen Politikern konservativer Parteien, die den Klimawandel ernst nehmen und nicht wie die meisten Konservativen in den USA als Schwindel und Schwachsinn bezeichnen.