Integration: Elternarbeit in Österreich "noch in den Kinderschuhen"
Laut einer neuen Jugendstudie wird ein Teil der jungen Muslime in Wien zunehmend religiöser, auch antidemokratische und autoritäre Haltungen seien unter ihnen weiter verbreitet als in anderen Gruppen. Über 1.200 Teilnehmende im Alter von 14 bis 24 Jahren wurden befragt.
36 Prozent der muslimischen Befragten gaben beispielweise „voll und ganz“ oder „eher“ an, dass sich „alle Menschen an die Regeln meiner Religion halten“ sollten. Zum Vergleich: Bei den christlichen Befragten waren es 18 Prozent. Und: etwa 41 Prozent der jungen Muslime wollen islamische Gebote über dem Gesetz stehen sehen, so ein weiteres Ergebnis. Die komplette Studie ist hier nachzulesen.
Viele junge Muslime stellen Religion über Gesetze
Leiter des Forschungsteams der Studie war der Soziologe Kenan Güngör. In der Erhebung heißt es etwa: "Jugendliche aus stärker traditionalistisch geprägten Herkunftsländern wie Tschetschenien oder Afghanistan weisen eine höhere Affinität zu autoritären Ordnungsvorstellungen auf". Sprich gerade jene, die selbst aus demokratiefeindlichen, religiös dominierten Ländern gekommen sind.
Laut Studienautor Güngör habe man bei der Untersuchung nicht bei der Feststellung problematischer Entwicklungen stehenbleiben wollen, sondern versucht, jene Faktoren zu identifizieren, die diese begünstigen. Er betonte am Freitagabend in der ZIB 2: Herkunft allein „macht nicht dazu“, vielmehr seien mehrere Einflussfaktoren entscheidend. Gleichzeitig gebe es bei der muslimischen Bevölkerung und bei Teilen bestimmter Herkunftsgruppen „deutlich höhere Anteile“ problematischer Einstellungen, wobei laut Güngör eben nicht Religion oder Herkunft allein diese erklären würden.
Mangelnde Anerkennung und Einsamkeit der Jugendlichen
Als relevante Einflussgrößen nannte Güngör eine Kombination mehrerer Faktoren. Insgesamt seien in der Studie sogar 19 Faktoren untersucht worden. Ein wesentliches Ergebnis: Jugendliche mit schlechterer Bildung neigten demnach stärker zu Abwertungen. Auch Diskriminierungserfahrungen und mangelnde Anerkennung stünden mit höheren Abwertungen in Zusammenhang.
Als weiteres Thema nannte der Soziologe Vereinsamung sowie Orientierungslosigkeit und instabile Familienverhältnisse. Jugendliche würden dann teils Schutzmechanismen und Aufwertung suchen, die „manchmal auch durch die Abwertung und Abgrenzung gegenüber anderen“ erfolge. Güngör betont hierbei, dass die Schulen verstärkt mit Prägungen aus dem Elternhaus umgehen können müssen; der Blick müsse auch auf Erwachsene gerichtet werden.
Demokratie- und Ethikunterricht sowie mehr Elternarbeit
Als Ansatz in der Schule sprach sich Güngör für einen österreichweiten Demokratie- und Ethikunterricht aus. Ziel dabei sei nämlich, das Zusammenleben in einer Gesellschaft mit unterschiedlichen Hintergründen zu thematisieren und in einen „reflexiven Austausch“ mit Kindern zu kommen. Der Unterricht solle zudem „standortspezifisch“ ausgerichtet sein, weil etwa in Wien andere Themen auftreten könnten als im ländlichen Raum.
Hinzu komme: Jugendliche fänden zwar Schutz im Freundeskreis, aber zu wenig Anerkennung in der Gesellschaft. Neben Maßnahmen in der Schule brauche es laut Güngör also auch „unbedingt“ Elternarbeit sowie mehr Arbeit innerhalb der muslimischen Communities. Denn: Die Elternarbeit stehe in Österreich „noch in Kinderschuhen“, kritisiert der Soziologe. Die Mehrheit der Befragten habe einen gemischten Freundeskreis, und die jüngere Generation fühle sich mit Österreich beziehungsweise Wien verbunden. Die Eltern seien nicht untersucht worden, die Erjebung deute jedoch auf einen Schutzfaktor hin: Je stärker sich Kinder anerkannt und aufgenommen fühlten, desto eindeutiger seien die Effekte auf abwertende Haltungen.
„Algorithmisch betriebene Radikalisierung“
Zum Thema Social Media sagte Güngör, Radikalisierung könne algorithmisch verstärkt werden. Nicht die Religion an sich sei ausschlaggebend, sondern ein pluralitätsfeindliches und autoritäres Religionsverständnis. Güngör bezeichnete mediale Verbreitung problematischer Inhalte als wichtigen Faktor und sprach von einer „algorithmisch betriebenen Radikalisierung“.
Zudem sagte er unter Verweis auf andere Studien, etwa 70 bis 80 Prozent dessen, was über den Islam in den Medien zu finden sei, stamme „meistens sehr von problematischen Quellen“. Kinder müssten davor geschützt werden; dafür brauche es auch Maßnahmen auf EU-Ebene.
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