Kenan Güngör: "Gastarbeiter ist ein Widerspruch in sich"

Der Soziologe über die Meisterklasse der Integration, warum er für das Kopftuchverbot für Teenager ist und wann der Islam zu Österreich gehört.
Kenan Güngör

Der Soziologe und Politikberater Kenan Güngör begreift sich selbst als deutschsprachigen Europäer mit kurdisch-türkischen Wurzeln und spricht über seine Zeit in Deutschland, Unterschiede zu Österreich und  

KURIER: Sie sind Kurde, in Deutschland aufgewachsen und seit bald 20 Jahren in Österreich. Was zeichnet Österreich aus?

Kenan Güngör: In Österreich wie in der Schweiz ist es interessanterweise so, dass man sich als deutschsprachige Region, die kleiner ist, schnell überwältigt fühlt von der Größe des anderen Landes. Dadurch entsteht Unbehagen – einerseits Bewunderung, andererseits auch Ablehnung. Ich gehe davon aus, dass die wirklich großen interkulturellen Missverständnisse nicht zwischen Eskimo und Orientalen passieren, sondern innerhalb von Regionen, die glauben, sie seien eher gleich oder ähnlich.

Die größte Migrantengruppe in Österreich kommt aus Deutschland, gefolgt vom ehemaligen Jugoslawien und der Türkei. Sie legen Wert darauf, als Kurde bezeichnet zu werden – warum?

Ich würde mich niemals nur als Kurde beschreiben. Als jemand mit einer so starken Migrationsgeschichte, der in verschiedenen Ländern gelebt und vieles zu schätzen gelernt hat, würde ich sagen, ich bin ein deutschsprachiger Europäer mit kurdisch-türkischen Wurzeln. Ich bin im kurdischen Teil der Türkei geboren. Ich weiß, dass meine Sprache, dass meine Identität als solches als Kind nicht verleugnet wurde. Es gibt viele Menschen, die dafür in Gefängnissen gesessen sind. Die Kurden bezahlen gegenwärtig in der Region einen bitteren Blutzoll für ihre Anerkennung an der Gleichwertigkeit. Insofern ist das auch bei mir nicht nur eine identitätspolitische, sondern auch eine gesellschaftspolitische Haltung zu sagen, woher ich komme. Es ist eine Form der Anerkennung.

Kenan Güngör

Warum ist das so wichtig?

Wir sehen in Umfragen und Studien, die wir gemacht haben, dass Kurden, die hier leben, die aus Syrien, dem Irak oder der Türkei sind, immer als Syrer oder Araber bezeichnet werden. Es handelt sich aber um das größte Volk auf der Erde, das keinen eigenen Staat hat. Diese Präsenz und zugleich Unsichtbarkeit ist ein Problem. Ich glaube, es ist gut, das in einer vernünftigen Form sichtbar zu machen.

Ist Österreich gastfreundlich?

Es gibt starke regionale Unterschiede innerhalb Österreichs. Studien besagen, dass die Ressentiments gegenüber Zugewanderten im Vergleich zu anderen Ländern eher höher sind. In Österreich tendieren wir diesbezüglich mehr zu den ost- als zu den westeuropäischen Ländern. Insgesamt hat die Skepsis gegenüber Zugewanderten und dem Islam in den letzten 20 Jahren in fast allen Ländern zugenommen.

Können Sie eigentlich mit dem Begriff des Gastarbeiters etwas anfangen?

Ich halte ihn für einen der interessantesten Begriffe, den es gibt, und mit dem ich mich erstmals in Österreich beschäftigt habe. Der Begriff weist auf eine tiefere, fast anthropologische Konstante hin.

Inwiefern?

Heinz-Christian Strache hat immer von den Gästen und den Gastarbeitern gesprochen. Das Wort Gastarbeiter ist schon ein Widerspruch in sich. Als Ihr Gast bitten Sie mir einen Platz an, fragen mich, ob ich etwas zu trinken möchte usw. und Sie erwarten von mir, dass ich mich entsprechend verhalte. Der Gastgeber hat die Hausordnung und die Regeln. Das heißt: Die Beziehung ist von vornherein nie gleichwertig. Es ist immer eine hierarchische Beziehung, auch wenn Sie als Gastgeber es gut meinen. Und was erwartet man von einem Gast? Dankbarkeit und Demut. Wenn ich Gast bin, dann ist die Überschreitung meines Verhaltens viel schwerwiegender, als wenn ich kein Gast wäre. In der Migrationsgesellschaft gibt es also immer den Blick von oben auf diese Gruppe und dann passieren zwei sehr bemerkenswerte Dinge.

Die da wären?

Die dritte Generation sagt: „Wie kommst du darauf, dass ich noch Gast bin? Wenn, dann sind wir auf Augenhöhe.“ Und dann gibt es den Kampf um Gleichwertigkeit, denn die Gastgeber fühlen sich plötzlich ihrer Vorrechte beraubt.

Güngör Stelzer Dörfel

Wenn wir an die Gastarbeiter-Ära der 1970er-Jahre denken oder an den „Melting Pot of Nations“ in New York – hat das jemals funktioniert oder ist das ein verklärter Blick auf die Vergangenheit?

Der große Unterschied heute ist: mittlerweile haben fast ein Drittel der Menschen in diesem Land Migrationshintergrund – und dennoch haben wir ein Unbehagen. Die USA sind ein klassisches Einwanderungsland, während wir hier in Europa und Österreich Einwanderungsländer wider Willen geworden sind. Als die ersten Gastarbeiter nach Österreich gekommen sind, hatte niemand die Absicht, hier zu bleiben.

Sie gehen davon aus, dass 70 Prozent der Zugewanderten integriert sind, 20 Prozent sich darum bemühen und 10 Prozent ein manifestes Problem haben. Ist Sprache der Schlüssel für gelungene Integration? 

Sprache ist nur ein Punkt, denn es gibt viele Dimensionen der Integration. Das eine ist strukturelle Integration – also, ob ich einen rechtlich gesicherten Aufenthaltstitel habe, ob ich Arbeit finde, ob ich im Bildungssystem vorankomme. Wenn Sie die Sprache eines Landes können, aber in der Bildung scheitern, dann leben Sie meist in prekären Verhältnissen. Dann gibt es die soziale Dimension: Bin ich unter meinesgleichen oder habe ich einen gemischteren Freundeskreis? Und dann gibt es noch die Königsklasse: die identifikatorische beziehungsweise emotionale Integration. Das heißt: Fühle ich mich als Teil dieser Gesellschaft, dieser zugehörig? Wir wissen aus Befragungen, dass die meisten Migranten Österreich sehr schätzen, sich hier wohlfühlen, aber sich emotional nicht als Österreicher fühlen. Je länger sie hier leben, desto unzufriedener werden sie. Auch das ist eine interessante Paradoxie.

Deutschlands ehemaliger Bundespräsident Christian Wulff

Christian Wulff sagte als deutscher Bundespräsident: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Gehört der Islam zu Österreich?

Wir haben seit den 1950er- und 1960er-Jahren eine neue religiöse Gruppe, die in einem sehr ambivalenten Etablierungsprozess ist. Die Etablierung der muslimischen Community ist ambivalent, auch sehr schwierig und mit ungewissem Ausgang. Entscheidend wird sein, ob man das Gefühl hat, das, was Muslime in die Gesellschaft einbringen, ist eine Bereicherung. Oder ob man das Gefühl hat, mit dem Islam kommen Gesellschaftsmodelle oder religiöse Frauenbilder, die wir eigentlich schon überwunden haben und damit einen gesellschaftlichen, zivilisatorischen Rückschritt verbinden. Entscheidend wird langfristig sein, ob wir sagen, emotional und politisch gehört der Islam zu dieser Gesellschaft – faktisch ist er es schon.

Schülerinnen mit Kopftuch

Die Regierung hat das Kopftuchverbot für unter 14-Jährige an Schulen beschlossen. Sind Sie dafür?

Ich halte es aus verschiedenen Gründen für sinnvoll, auch wenn ich es mir nicht leicht gemacht habe. Es war ein Abwägungsprozess. Was dagegen spricht, ist die Frage, inwiefern so ein Vorgehen dem Gleichheitsgrundsatz widerspricht. Warum ich für ein Kopftuchverbot für Kinder und Mädchen bis 14 bin? Das hat mit der Entstehungsgeschichte zu tun. Die politische Dimension ist, dass islamistische Organisationen immer wollten, dass Frauen sich verschleiern. Es geht um die Unsichtbarmachung der Frau. Ich halte das Kopftuch auch ethisch und sozialphilosophisch für ein Problem und für misogyn, denn es baut auf der Grundmetapher von Adam und Eva auf. Dass die Frau der Ort der Sünde ist und Männer verführt werden. Es gibt mittlerweile allerdings eine große Varianz von Beweggründen, ein Kopftuch zu tragen.

Was sind die Beweggründe?

Man kann grob drei Gruppen unterscheiden. Diejenigen, die es freiwillig und als Zeichen der religiösen Verbundenheit tragen, diejenigen, bei denen das Kopftuch in Familie und Freundeskreis als selbstverständlich erachtet wird und dann gibt es jene, die Druck ausüben, um das Kopftuch zu tragen. Bei Kindern, die noch keine Entwicklungsreife haben, dürfen Sie nie vergessen: Ein Kopftuch imprägniert eine Person. Es ist ein Gewand und die damit verbundenen sozialen Normen, die ich einem Kind auferlege, sind stark. Wir wissen, dass Kindern, die sehr früh Kopftuch getragen haben, später massive Probleme hatten, es auszuziehen, weil sie gesagt haben: „Danach fühle ich mich nackt.“

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