Politik | Inland
18.07.2018

Kampagne gegen Schächten löst alte Ängste aus

Nur für registrierte Gläubige? Neue Debatte um rituelles Schlachten empört Wiens Juden.

In Wien, im zweiten Bezirk – seit jeher das Zentrum des jüdischen Stadtlebens – sind die Kunden beim koscheren Fleischer Ainhorn einigermaßen entsetzt über die aktuelle Debatte: Müssen sich Juden bald registrieren, wenn sie koscheres Fleisch kaufen wollen?

Fleisch von 600 Hühnern und vier bis fünf Rindern wird hier pro Woche verkauft – mangels Schlachthöfen in Wien kommt es aus der Steiermark oder Niederösterreich, wo es nach jüdischem Ritus geschächtet wird. Dabei müssen mit einem scharfen Messer mit einem Schnitt Schlagader, Luft- und Speiseröhre durchtrennt werden und das Tier ausbluten.

Bei den Kunden weckt die Polit-Debatte Erinnerungen an finstere Zeiten. So würden die jungen Gebildeten wieder emigrieren, befürchtet eine Kundin – und sie zieht sofort einen Vergleich mit der Nazi-Zeit. Damals sei auch als erstes „die Intelligenz“ vertrieben worden: „Es fängt wieder genauso an.“ Auch im koscheren Supermarkt Shefa einige Gassen weiter, fühlt sich Inhaber Israel Abramov an eine „bittere Vergangenheit“ erinnert. Bei Schweinen kümmere sich keiner darum, wie sie leben oder sterben. Nun gehe es um eine „antijüdische Kampagne, die mit Tierschutz nichts zu tun hat“.

Was war geschehen? Warum die Aufregung in der jüdischen Community?

Es geht um mögliche Regeländerungen beim Schächten. In Niederösterreich hatte der damalige Tierschutz-Landesrat Maurice Androsch (SPÖ) in einem Informationsschreiben 2017 festgehalten, dass die Prüfung, ob geschächtet werden darf, „zwingender religiöse Gründe“, und immer auf den Einzelfall und eine konkrete Person bezogen, erfolgen müssen – etwa durch offizielle Dokumente.

Inzwischen ist in NÖ FPÖ-Mann Gottfried Waldhäusl für den Tierschutz verantwortlich. Dieser schickte das Schreiben an die Israelitische Kultusgemeinde. Dort wurde das so verstanden, dass Käufer nachweisen müssen, religiös zu sein. Also eine Art Liste streng gläubiger Juden.

Seither gibt es einen Sturm der Entrüstung seitens der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG): Den Plan Waldhäusls, eine Registrierungspflicht für Juden einzuführen, empfindet IKG-Präsident Oskar Deutsch als „Angriff auf jüdische Lebensweisen“. Waldhäusl würde damit beweisen, „wes Geistes Kind viele in der FPÖ sind“.

Solidarität

Auch der Präsident der Muslimischen Glaubensgemeinschaft Ibrahim Olgun erklärt sich solidarisch mit der IKG: „Die Zeit des Registrierens von gläubigen Menschen ist endgültig und für alle Zeiten vorbei.“

Ex-Landesrat Androsch erklärte, dass sein Schreiben überhaupt nichts mit dem Plan seines FPÖ-Nachfolgers zu tun habe. Das Schreiben habe sich ausschließlich auf Personen bezogen, die Schlachtungen durchführen. „Waldhäusl will Listen von jenen Menschen anlegen, die geschächtetes Fleisch kaufen. Meine Information legt ausschließlich die Regeln fest, welche Voraussetzungen es für Schlachtungen braucht.“

Waldhäusl verweist seinerseits darauf, dass er nur Androschs Vorgaben vollziehe. Inzwischen hat Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) ein Machtwort gesprochen: Ihr sei egal, ob der Vorstoß von SPÖ oder FPÖ gekommen sei: „Dass sich die einzelnen Abnehmer zuerst registrieren lassen müssen, das wird es in Niederösterreich aber sicher nicht geben.“

Die FPÖ fährt in Niederösterreich seit Jahren eine Kampagne gegen das Schächten („Barbarische Tötungspraxis sofort verbieten!“). Für Michaela Raggam-Blesch vom Institut für Zeitgeschichte der Uni Wien gibt es da einen klaren Konnex: „In den 1930er Jahren wurde im Namen der Humanität stark gegen das Schächten vorgegangen, um das Judentum zu diffamieren“. Die aktuelle Debatte richte sich aus ihrer Sicht aber weniger gegen Juden, sondern gegen die deutlich größere Gruppe der Muslime: Denn die haben ein ganz ähnliches religiöses Schlachtritual.