Politik | Inland
08.11.2017

Jüngste und älteste Mandatarin: Was zwei Newcomer erwarten

Zehn Fragen an Claudia Plakolm, die jüngste Abgeordnete (22), und Irmgard Griss, die älteste (71).

Die eine hätte sich nach ihrem Studium eine Stelle als Lehrerin suchen sollen, die andere könnte nach ihrer Richterkarriere längst in Pension sein. Für Claudia Plakolm (ÖVP) und Irmgard Griss (Neos) kommt es nach der Wahl anders: Sie ziehen heute als zwei von 86 neuen Abgeordneten in den Nationalrat ein – Plakolm ist mit 22 Jahren die jüngste Mandatarin aller Zeiten, Griss mit 71 Jahren aktuell die älteste.

Plakolm ist Landesobfrau der Jungen ÖVP in Oberösterreich und kandidierte auf Platz zwei hinter August Wöginger, der nach Sebastian Kurz’ Übernahme des Kanzleramts ÖVP-Klubobmann werden dürfte.
Griss konnte beim ersten Wahlgang zur Hofburg-Wahl 2016 mit fast 19 Prozent das drittbeste Ergebnis von sechs Kandidaten einfahren. Eine zweite Chance, Politik zu machen, bekam die ehemalige Präsidentin des Obersten Gerichtshofes von den Pinken: Sie kandidierte auf Platz 2 der Bundesliste hinter Neos-Chef Matthias Strolz.

Was eine Studentin und eine Ex-Richterin mit einem Abgeordnetengehalt von 8800 Euro leisten wollen?
Der KURIER hat den beiden Newcomern zehn Fragen gestellt.

1. Wer ist Ihr politisches Vorbild, wer hat Sie geprägt?

Claudia Plakolm: Meine politische Prägung habe ich in meiner Zeit als Landesschulsprecherin erfahren. Mir hat es immer schon Spaß gemacht, mit engagierten Menschen zusammenzuarbeiten, miteinander zu diskutieren und schlussendlich konkrete Ideen zu entwickeln. Ein politisches Vorbild habe ich ehrlich gesagt nicht. Von einzelnen Politikern kann man sich schon das ein oder andere abschauen, aber am Ende zählt, dass man eigene Erfahrungen macht und seinen Weg findet.

Irmgard Griss: Entscheidend war für mich das politische Interesse meines Vaters (ein Landwirt in der Steiermark, Anm.). Um zu erreichen, dass die durch unser Dorf führende Straße befestigt und letztlich auch asphaltiert wurde, hat er bei der Gemeinderatswahl kandidiert und ist Mitglied des Gemeinderats geworden.

2. Wie ist es zu Ihrer Entscheidung gekommen, für den Nationalrat zu kandidieren?

Plakolm: Als Landesobfrau der Jungen ÖVP in Oberösterreich habe ich schon mit dem Gedanken gespielt, bei der nächsten Nationalratswahl zu kandidieren. Die Wahl ist dann doch sehr überraschend gekommen. Noch mehr überrascht hat mich, als mich Landeshauptmann Thomas Stelzer gefragt hat, ob ich auf der Landesliste hinter August Wöginger kandidieren möchte. Natürlich muss man da mal eine Nacht drüber schlafen und sich diese Entscheidung gut überlegen.

Griss: Als Richterin hatte ich immer wieder mit Gesetzen zu tun, die sprachlich oder auch inhaltlich mangelhaft waren. Verständliche und vernünftige Gesetze sind aber eine Grundvoraussetzung für einen funktionierenden Rechtsstaat. Vor allem da möchte ich mich einbringen, denn der Rechtsstaat ist das Fundament unserer Demokratie.

3. Sie beide werden künftig als Abgeordnete rund 8800 Euro brutto verdienen – ein ungewöhnlich hohes Gehalt für Frau Plakolm als Studentin bzw. Frau Griss, die längst im Pensionsalter wäre. Was machen Sie mit so viel Geld?

Plakolm: Ich denke nicht, dass sich meine direkten Lebensumstände ändern werden. Als Studentin habe ich gelernt mit wenig Geld auszukommen und ich versuche so gut wie möglich meinen Alltag als Jugendliche wie bisher fortzusetzen.

Griss: Ich werde weiterhin so leben wie bisher.

4. Was sagen Ihre Freunde, Ihre Familie zu Ihrem neuen Job bzw. sind irgendwelche Ratschläge gekommen?

Plakolm: Meine Familie und meine Freunde sind sehr stolz und ich bekomme auch viel Zuspruch. Meistens kommt auch der Zusatz, dass ich mir nicht zu viel von den erfahrenen Politikern abschauen und meinen eigenen Weg gehen soll. Da bin ich froh, dass ich ein sehr ehrliches und auch direktes Umfeld habe, wo man schnell eine Rückmeldung zur Arbeit im Nationalrat bekommt.

Griss: Sie finden es gut, dass ich mich engagiere und daran mitarbeite unser Land besser zu machen. Sie fürchten nicht, dass ich den Boden unter den Füßen verlieren werde. Das war ja bisher auch nicht der Fall.

5. Sie beide sind das erste Mal im Nationalrat: Wie haben Sie Bundespolitik bisher von außen wahrgenommen?

Plakolm: Ehrlich gesagt nicht immer sehr positiv. Jemand hat einen Vorschlag gemacht, dann wurde erst einmal gestritten, bis der einfachste Kompromiss zustande gekommen ist. Abgesehen davon wurde vieles über die Medien ausgerichtet, anstatt auf Augenhöhe miteinander zu diskutieren.

Griss: Von Parteiinteressen und von Hick-Hack dominiert. Wenn mir auch bewusst war, dass sie damit wohl unter ihrem Wert geschlagen wird.

6. Welche Unsitten in der Politik sollten der Vergangenheit angehören bzw. wie muss sich die politische Kultur ändern?

Plakolm: Seit Herbst 2015 bin ich Gemeinderätin in meiner Heimatgemeinde Walding. Dort wird unter allen Parteien sehr wertschätzend miteinander umgegangen. Die Sache steht ganz klar im Vordergrund. Das wünsche ich mir auch für die Bundespolitik. Einen ehrlichen und sachlichen Umgang untereinander. Viele Streitigkeiten in der Vergangenheit wirkten für mich oft konstruiert. Auf das muss man zukünftig verzichten. Wir Neuen sind hier sicherlich stark gefragt.

Griss: In Österreich läuft jetzt vor allem eines schief: Vorrangiges Interesse der politischen Parteien scheint zu sein, einen Erfolg des jeweils anderen zu verhindern. Hier müssen wir neue Wege gehen: Nicht versuchen, sich auf Kosten der politischen Mitbewerber zu profilieren, sondern mit ihnen gemeinsam wichtige Vorhaben umsetzen. Denn um die großen Herausforderungen unserer Zeit, wie Migration, Digitalisierung und Klimawandel, zu bewältigen, müssen alle zusammenwirken. Nur so kann zum Beispiel ein Bildungssystem geschaffen werden, in dem Bildung nicht vorrangig vererbt wird, oder ein Wirtschaftssystem, das nicht Unternehmer gegen Arbeitnehmer ausspielt.

7. Haben Sie schon eine Idee für Ihre erste Rede im Plenum im Kopf?

Plakolm: Ich hoffe, dass es ein Jugendthema sein wird. Auf jeden Fall möchte ich bei meinen Reden auf den Punkt kommen und klar meine Standpunkte präsentieren, ohne lange um den heißen Brei zu reden oder mit komplizierten Ausdrücken und Verschachtelungen unverständlich zu sein.

Griss: Ich werde über meine Vorstellungen sprechen, wie wir im Parlament miteinander umgehen sollen.

8. Was sollte man in Österreich im nächsten Jahr, also möglichst rasch, verändern?

Plakolm: Ein Punkt, der mir sofort einfällt, ist die Vereinheitlichung des Jugendschutzgesetztes. Wir haben neun Jugendschutzgesetzte, das sind acht zu viele. Langfristig möchte ich am Bildungsstandort Österreich intensiv mitarbeiten. Hier gehört nicht nur die Schule im allgemeinen, sondern auch die Lehre dazu. Unsere Kinder sollen zukünftig sagen: „Ich lerne fürs Leben, nicht für die Schule.“

Griss: Das Parlament muss einen Weg finden, wie Lösungen für die drängenden Fragen der Zukunft gefunden werden: Klimawandel, Digitalisierung, demographische Entwicklung, Migration.

9. Sie wurden vom Volk gewählt, wie schafft man es, für das Volks sichtbar zu sein, unter 183 Abgeordneten nicht unterzugehen?

Plakolm: Ich denke, dass die Bürgernähe heutzutage sehr entscheidend ist. Das bedeutet für mich viel daheim in Oberösterreich bei den Leuten zu sein und zuzuhören. Als junge Abgeordnete sind mir Themen wie Bildung, Generationengerechtigkeit und auch das Ehrenamt wichtig. Hier will ich Übersetzerin komplexer Sachverhalte sein und Politik, besonders für meine Generation, interessant und verständlich machen. Zum Glück bieten einem die sozialen Medien auch einige Möglichkeiten, hautnah am politischen Geschehen teilzunehmen.

Griss: Ich werde versuchen, mich in der parlamentarischen Arbeit stark einzubringen. Und ich werde auch das Gespräch mit Bürgerinnen und Bürgern suchen, so wie ich das in meinen „Tischgesprächen“ im Frühjahr dieses Jahres gemacht habe.

10. Stichwort #metoo-Kampagne: Was halten Sie von der öffentlichen Debatte und ist die Politik gefordert, darauf zu reagieren?

Plakolm: Diese Vorfälle sind klar zu verurteilen, egal ob Männer oder Frauen davon betroffen sind. Wenn die Debatte dazu beiträgt, das Bewusstsein für ein respektvolles Miteinander zu verbessern, ist das zu begrüßen. Insgesamt ist aber jeder aufgefordert, sich um ein Zusammenleben und Zusammenarbeiten zu bemühen, die eine solche Debatte gar nicht erst notwendig machen.

Griss: Sie ist dringend notwendig und führt – hoffentlich – nicht nur zu einem kurzfristigen Bewusstseinswandel. Die Politik hat gerade hier eine wichtige Vorbildfunktion.