Politik | Inland 15.04.2018

Prokopetz polarisiert: "Kopftuchzwang gehört rigoros bestraft"

© Bild: Kurier/Juerg Christandl

In München steht Joesi Prokopetz vor der „Watzmann“-Premiere, in Österreich eckt der Kabarett-Star mit politischen Aussagen an.

Für die Kabarett-Legende war das Kapitel eigentlich schon beendet, aber offenbar nicht für die Bayern. Das Alpen-Rock-Musical, wie die Süddeutsche den „Watzmann“ einmal nannte, ist in München noch immer ein Kassenschlager. „Ich war skeptisch. Aber der Watzmann ist offenbar nicht mehr umzubringen“, analysiert Autor und Darsteller Joesi Prokopetz. Am Dienstag geht im Deutschen Theater in München die Premiere der Neuinszenierung über die Bühne. Die 19 Vorstellungen sind nahezu ausverkauft. In Österreich machte Prokopetz zuletzt auf Twitter von sich reden: Er spricht sich gegen das absolute Rauchverbot aus und in der Islam-Debatte fehlt ihm, wie er selbst sagt, die „Toleranz zur Intoleranz“.

KURIER: Herr Prokopetz, was ist das Erfolgsgeheimnis des Stücks „Der Watzmann ruft“?

Joesi Prokopetz: Das Volkstümliche, die Tracht, die Lederhose und das Dirndl sind derzeit hoch im Kurs. In diesem Boom schwimmt der Watzmann mit. Gerade deswegen müssen wir aufpassen, dass wir in den Pointen scharf bleiben und wir uns beim Publikum nicht anheischig machen.

Sie haben den Boom der Volkstümlichkeit selbst angesprochen. Ist diese Rückbesinnung ein Ergebnis der Angst vor dem Islam? Auch auf Ihrer Twitter-Seite klingen einige Tweets sehr islamkritisch.

Ich finde den politischen Islam einfach nicht wünschenswert. Hier nicht, da nicht, dort nicht. Ich bin Atheist, stamme aus einer jüdischen Familie und bin gegen jede Art von Dogmen. Da fehlt mir einfach die Toleranz zur Intoleranz. Auf Twitter mag ich es nicht, wenn es salbungsvoll wird und wenn vorauseilender Altruismus Platz greift. Ein Mal hat einer geschrieben: Man muss den Terroristen mit Liebe begegnen. Sorry, aber da übergebe ich mich.

Welches Rezept haben Sie gegen den politischen Islam?

Die Aufklärung. Der Islam per se – sei er politisch oder nicht politisch – ist voraufklärerisch. Wobei ich mich frage, ob es einen nicht politischen Islam überhaupt gibt? Bei Diskussionen versuche ich aber, die Vernunft zu wahren. Ich will weder in einen Willkommens-Dilettantismus noch in eine Abschottungsneurose verfallen. Soll heißen, ich habe keine Freudentränen in den Augen, wenn immer mehr zu uns kommen. Aber ich sage auch nicht, die Migranten gehören alle eingesperrt. Das Traurige bei uns ist, dass es nur diese zwei emotionalen Standpunkte gibt. Das ist dem Problem in keiner Weise angemessen.

Die Regierung plant nun ein Kopftuchverbot für Mädchen bis zehn Jahre. Einverstanden?

Soll sein. Ich finde jeder Kopftuchzwang gehört pönalisiert. Wenn einem Mädchen oder einer Frau zu Hause eine Strafe oder Gewalt droht, weil das Mädchen oder die Frau gegen ihren Willen das Kopftuch tragen soll, gehört das rigoros bestraft.

Der Interpretation, das Kopftuch sei nur ein Stück Stoff, stimmen Sie offenbar nicht zu.

Es wird als ein simples Stück Stoff dargestellt. Das ist es aber nicht. Es ist eindeutig stark konfessionell konnotiert. Das Kopftuch ist ein Signal. Die Vernunft dahinter, warum man als Frau sein Haar verbergen soll, ist für mich unverständlich.

Die Debatte um das Kopftuchverbot ist für Sie kein billiger Populismus?

Natürlich wird das Thema von den Populisten bedient, um billige Wählerstimmen zu bekommen. Aber ich traue mich zu sagen, dass das Volk eine unglaubliche Gleichgültigkeit und Unkenntnis gegenüber den wahren Problemen hat, wie beispielsweise dem Sozialabbau, oder warum die Sozialpartner abgeschafft werden sollen. Erzählen Sie doch dem Herrn Schmarsal von der Straße etwas von Working poor. Die österreichischen drei Leitthemen sind die Hundstrümmerln, die Migration und das Rauchen. Ob einer durch einen Raucherbereich auf die Toilette gehen muss, ist relativ blunzen, gemessen an den anderen Problemstellungen. Ich folge auch Christian Kern auf Twitter. Er schreibt stets in sehr gewählten Worten. Ich habe dem SPÖ-Chef schon öfters via Twitter mitgeteilt: „Entschuldigung Sie Herr Kern, ich fürchte, das Volk versteht Sie nicht. Wir brauchen schlagzeilentaugliche Sager und wuchtige Metaphern. Dann bewegt das etwas.“

Sie haben jüdische Wurzeln. Fürchten Sie den importierten Antisemitismus?

Teilweise fürchte ich das schon. Menschen aus dem arabischen Raum haben eine antizionistische Einstellung. Wobei der Schritt vom Antizionismus zum Antisemitismus ein kleiner ist. Um diese Hürde zu überwinden, muss ich kein Stabhochspringer sein.

Sind Sie daher für mehr Abschiebungen?

Das ist schwer zu beantworten. Warum soll ein Afghane, der eine Lehre erfolgreich gemacht hat, abgeschoben werden, nur weil der Amtsschimmel säumig war und zulange für das Asylverfahren brauchte? Das finde ich grotesk. Wenn es bei einem Attentäter aber heißt: „Der war amtsbekannt“, verstehe ich auch nicht, warum die Behörden diese Person nicht schon längst heimgeschickt haben. Es gibt eben Menschen, die nicht integrierbar sind. Selbst Österreicher sind unbelehrbar wie der Holocaustleugner Gerd Honsik.

Sie fürchten importierten Antisemitismus. Die hohe Anzahl an Burschenschaftern in den Ministerien beunruhigt Sie weniger?

Das ist entsetzlich. Das ist eine Sauerei und ein Schlag ins Gesicht für die liberale Gesellschaft. Es stört aber keinen. Jetzt haben wir unter den Migranten Antizionisten und Antisemiten in der Regierung. Ich fürchte mich nicht, aber die Macht des Faktischen ist da.

Viele Ihrer Künstlerkollegen denken in der Frage der Migration anders als Sie. Bringt Ihnen das viel Kritik innerhalb der Szene ein?

Nehmen wir beispielsweise André Heller, den ich sehr schätze. Das ist ein hochintelligenter Mensch. Aber wenn man in einem wunderbaren Garten sitzt, fällt Altruismus eben leicht.

Den Vorwurf, dass Sie auf einer Linie mit der türkis-blauen Regierung sind, mussten Sie sich noch nie gefallen lassen?

Um Gottes Willen, auf keinen Fall. Es ist eine Blödheit, wenn ich in einer TV-Sendung sage, dass ich die getrennten Raucherzonen okay finde und in das Fahrwasser komme, dass ich ein Strache-Freund sei. Der ist mir egal und ich finde ihn unsympathisch. Wenn morgen Neos-Chef Matthias Strolz sagt, man darf künftig – salopp gesagt – aufs Trottoir scheißen, weil wir so liberal sind. Wenn ich nicht dafür bin und der Strache auch nicht, dann bin ich noch lange kein Strache-Freund.

( Redaktion ) Erstellt am 15.04.2018