Politik | Inland 09.06.2018

Experte: Moscheenschließung "goldrichtig, aber falscher Zeitpunkt“

© Bild: APA/AFP/PRAKASH MATHEMA

Islamexperte Khorchide begrüßt die Maßnahmen der Regierung gegen Imame und Moscheen, sieht aber Wahlhilfe für Erdogan.

KURIER: Herr Khorchide, kurz vor dem Ende des Ramadans gibt die Regierung bekannt, dass sie 40 Imame ausweist und sieben Moscheen schließt. Wie wird dieses Signal in der islamischen Glaubensgemeinschaft aufgenommen werden?

Mouhanad Khorchide: Es wird von der Rhetorik abhängig sein. Kommuniziert die Glaubensgemeinschaft nicht die sachlichen Hintergründe, sondern reduziert sie es nur auf die polarisierende Botschaft: Die österreichische Regierung ist gegen den Islam – dann wird es gefährlich. Damit könnte eine anti-österreichische Stimmung unter den Muslimen entstehen. Im Sinne: „Wir müssen unsere Moscheen, die uns heilig sind, verteidigen gegen den österreichischen Staat.“ Die Rhetorik der Abschottung in „Wir Muslime“ und da „der Staat“, der zum Feindbild konstruiert wird, macht es gefährlich.

Was wäre das Gebot der Stunde?

Den Sachverhalt differenziert darzustellen, damit die Gesellschaft in Österreich nicht noch stärker gespalten wird. Es handelt sich ganz klar um einen Gesetzesbruch. Die Verbände kennen die Gesetzeslage und das Verbot der Auslandsfinanzierung, Wer sich nicht daran hält, muss in einem Rechtsstaat die Konsequenzen tragen. Aus der Erfahrung traue ich mich aber zu sagen: Das wird leider nicht passieren.

Erstmals schaut der Staat nicht mehr weg. Ist das richtig? Der Zeitpunkt wird kritisiert.

Es war ziemlich falsch, dass der Staat jahrzehntelang weggeschaut hat. Sei es was den islamischen Religionsunterricht bzw. die Islam-Kindergärten angeht, sei es was in den Moscheen gepredigt und was am Wochenende unterrichtet wird. Darüber wissen wir bis jetzt immer noch sehr wenig. Das Handeln war goldrichtig, nur der Zeitpunkt ist etwas falsch gewählt. Was jetzt vermittelt wird, ist ein unmissverständliches Signal an diejenigen Verbände, die die österreichischen Gesetze nicht ernst nehmen. Auf der anderen Seite wird Erdogan, der mitten im Wahlkampf steht, das Durchgreifen der österreichischen Regierung für sich instrumentalisieren. Er wird die türkische Community mit der Botschaft zu manipulieren versuchen: „Sie wollen euch nicht, aber ich bin euer Präsident. Deswegen wählt mich, denn ihr seid in erster Linie Türken.“ Das ist leider eine Wahlhilfe für Recep Tayyip Erdogan. Auch das wird die Österreicher und die Bürger mit türkischen Wurzeln hierzulande noch mehr spalten. Denn die österreichische Regierung schließt Moscheen und Erdogan finanziert Moscheen.

Im Visier des Rechtsstaates sind vor allem die ATIB-Imame. Ist das wirklich der lange Arm Erdogans in Österreich?

Gerade die vergangenen Monaten haben in Österreich und Deutschland gezeigt, dass es enge Verbindungen zwischen der Politik in der Türkei und den ATIB-Moschee-Gemeinden gibt. Sei es, dass die Imame angeblich für Erdogan spioniert haben, wer für und wer gegen Erdogan ist und diese Namen auch nach Ankara weitergegeben haben. Dieser Einfluss macht die Rolle der ATIB-Moscheengemeinden irritierend, weil sie in erster Linie nicht ihrem religiösen Auftrag nachgehen, sondern sie folgen einer politischen Agenda. Mit dem Ergebnis, dass viele Türken Österreich nicht als ihr Heimatland sehen. Sie leben in Österreich und profitieren von der wirtschaftlichen und von der sozialen Absicherung, aber ihre Loyalität gehört einem anderen Land. Letztendlich ist das auch Wasser auf die Mühlen der Rechten, die wiederum den Islam als Feindbild konstruieren.

ATIB argumentiert, dass sie seit dem Inkrafttreten des Islamgesetzes darauf hinweisen, dass es zu wenige Imame in Österreich gibt. Deswegen werden Imame, die von der Türkei finanziert werden, engagiert. Ist dieses Argument glaubhaft?

In Österreich gibt es genug gut ausgebildete Religionslehrer, die sowohl die theologische als auch die pädagogische Expertise besitzen, um die Predigten in den Moscheen zu halten und den Religionsunterricht an den Wochenenden zu organisieren. Diese Lehrer sprechen zumindest auch Deutsch und kennen die Lebenswirklichkeit der Menschen in Österreich.

Ausgelöst wurde die Schließung der Moscheen durch das Nachstellen einer Schlacht, wo Kinder sogar Leichen mit türkischen Fahnen über dem Körper spielen mussten. Haben Sie als Professor für islamische Religionspädagogik Verständnis für diese Art von Tradition?

Ich habe absolut kein Verständnis dafür und war schockiert, weil ich nicht erwartete hatte, dass es in Österreich solche Szenen in Moscheen gibt. Außerdem war ich über die Dummheit mancher Gemeinden überrascht. Denn Sie wissen, dass sie mit solchen Aktionen in den negativen Schlagzeilen landen. Wie irrational muss man sein, dass man sich selbst ins Out schießt?

Warum ist gerade die zweite und dritte Generation der Türken für Erdogan zu begeistern?

Gerade jene, die hier geboren sind, haben hohe Erwartungen an ihr Heimatland Österreich. Ständig hören die jungen Menschen aber in öffentlichen Diskussionen, ob der Islam zu Österreich oder zu Europa gehört. Viele kritisieren, dass diese Debatten zu Identitätsverletzungen führen. Sie fühlen Enttäuschung, weil es selbstverständlich sein sollte, dass junge Muslime zu Österreich oder Deutschland gehören. Gleichzeitig kommt Erdogan und sendet die Botschaft aus: „Ich hinterfrage euch nicht. Ich nehme euch bedingungslos an.“ Viele identifizieren sich mit ihm. Interessanterweise wählen viele Türken in Österreich und Deutschland Erdogan. leben wollen sie in der Türkei aber nicht, weil sie Menschenrechtsverletzungen dort kritisieren. Ich nennen das eine ausgehöhlte Identität. Sie sehen in Erdogan eine Identifikationsfigur, die aber ohne Inhalt ist. Das zeigt, dass es in erster Linie, um Anerkennung geht. Die Lösung wäre, dass wir in Österreich unsere Rhetorik hinterfragen. Reden wir über den muslimischen Teil der Bevölkerung der selbstverständlich zur Gesellschaft gehört, oder hinterfragen wir immer wieder ihre Zugehörigkeit? Von Phrasen wie „Wir Österreicher und die Muslime.“ profitieren andere. Das sind vor allem Erdogan und die Salafisten.

Zur Person: Mouhanad Khorchide
Er ist liberal, er ist Professor für islamische Religionspädagogik am Centrum für Religiöse Studien (CRS) an der  Universität in Münster und er steht unter Polizeischutz. Mouhanad Khorchide, ist im Libanon geboren, aufgewachsen in Saudi-Arabien und seit 20 Jahren österreichischer Staatsbürger.  Er ist auch Buchautor. Sein bekanntestes Buch  heißt („Ist der Islam noch zu retten?“), das in 95 Thesen Kernfragen aus dem Koran aufgreift.

( kurier.at ) Erstellt am 09.06.2018