Politik | Inland
31.12.2017

"Ich kann der Politik die letzten 30 Jahre nicht verzeihen"

Seit den späten 1960er Jahren kämpft der Biologe für den Umweltschutz. Was haben Naturschützer bisher erreicht – und was braucht es jetzt?

Was geht uns der Klimawandel an? Was soll ein kleines Land wie Österreich gegen die Erderwärmung tun? Ist die Wissenschaft sicher, dass der Mensch dafür verantwortlich ist? Gibt es überhaupt einen Ausweg – und wie soll der aussehen? Der KURIER beschreibt in dieser Serie die Problematik und zeigt Lösungen aus Österreich und der Welt. Denn beim Klimaschutz gilt: Wir schaffen das.

KURIER: Herr Professor Lötsch, Sie haben sich ein Leben lang für den Umweltschutz engagiert, von Zwentendorf bis Hainburg und sind bis heute bei dem Thema aktiv. Was hat die Umweltschutz-Bewegung eigentlich erreicht?

Bernd Lötsch: Mir ist 1969 als Uni-Assistent – damals gab es" Ökologie" nicht als Studienfach – in Experimenten aufgefallen, welch selbst unendlich kleine Spuren von Schwermetallen Organismen schädigen können. Damals war noch Blei im Benzin, und die Erdölindustrie ließ bedenkenlos zu, dass dieses hochgiftige Blei aus hunderttausenden Auspuffen als lungengängiger Feinstaub auf die Bevölkerung geblasen wird – in Kinderwagenhöhe.

Wie wurden damals Umweltthemen in der Bevölkerung aufgenommen?

Die Österreicher reagierten interessiert – Probleme machte uns die Bauwut der Politik. Wussten Sie, dass wir 1971 gegen eine Autobrücke über den Neusiedlersee zwischen Mörbisch und Illmitz kämpfen mussten? Erst wachsender Widerstand der Bevölkerung mit dem Österreichischen Naturschutzbund und unsere Großveranstaltungen gemeinsam mit Otto Koenig, Konrad Lorenz, Antal Festetics und eine ORF-TV Diskussion konnten das Projekt stoppen. Die Krimmler Wasserfälle wollte man einem Wasserkraftprojekt opfern. Sogar die Lobau mussten wir 1972 gegen ein Autobahnprojekt verteidigen. 1973 begann ich mit dem Aufbau des Instituts für Umweltwissenschaften und Naturschutz, es wurde eine erste Anlaufstelle für engagierte Bürger. Gerade rechtzeitig konnte ich den Strahlenschutz-Biologen Peter Weish ins Team holen – für unseren öffentlichen Diskussionsprozess bis zur Volksabstimmung im November 1978 über das Atomkraftwerk Zwentendorf. 30.000 Stimmen machten den Unterschied für ein Ende der Kernkraft in Österreich. Und weil es nichts erfolgreicheres gibt als den Erfolg, ist die Umweltbewegung stetig angewachsen.

1984 war die Aubesetzung bei Hainburg. War das für Sie mehr als erfolgreicher Naturschutz?

Hainburg hat zugleich Demokratiegeschichte geschrieben und bewiesen, dass selbst ein entwickelter Rechtsstaat den klarsichtig aktiven Bürger braucht, denn das waren ja keine "linkslinken Anarchisten", wie es anfangs hieß, sondern mündige Menschen, die gewaltfrei dem Naturschutz-Gesetz als auch dem Wasserrecht zum Durchbruch verhalfen. Damals kannte man erst kurz die Ursache des unheimlichen Waldsterbens – Schwefeldioxid aus Industrie, Heizung und Verkehr. Sofort wurde das Wasserkraftwerksprojekt Hainburg als "Waldrettung" beworben – ein Unsinn, das hätte keine kranke Fichte geheilt. Erst die Entschwefelung beendete das Waldsterben.

Das zeigt immerhin, dass der Umweltschutz schon viel erreicht hat. Heute sehen die Menschen die Klimaproblematik mit Sorge und fürchten sich vor den Auswirkungen. Sie auch?

Ich auch. Nicht für mich, da gilt die Gnade der frühen Geburt. Meine Generation hat den Nachkriegs-Aufschwung und die Prasserei in vollen Zügen erlebt. Was mich sorgt, ist: Wie soll eine politisch zersplitterte Menschheit mit bald acht Milliarden in dieser übernutzten Biosphäre würdig überleben – wo es der Eintracht einer Raumschiffbesatzung bedürfte, das angeschlagene Lebenserhaltungssystem nachhaltig zu managen?

Aber gibt Ihnen das Klima-Abkommen von Paris, in dem sich alle Staaten der Erde auf den Klimaschutz geeinigt haben, nicht Hoffnung?

Ja, aber leider haben wir schon 30 kostbare Jahre verloren, in denen wir Maßnahmen hätten setzen können und müssen. Die Alarmzeichen kannte man schon auf der Toronto Klimakonferenz 1988. Nur einmal reagierte die Weltgemeinschaft mit einem "Raumschiff-Ethos" – beim FCKW-Verbot in Montreal 1987 für die Ozonschicht.

Das Pariser Abkommen sieht vor, dass die Weltgemeinschaft alles unternehmen soll, um die Erderwärmung "deutlich unter 2 °C" zu halten. Ist das für Sie ausreichend?

Ich halte das 2 °C-Ziel eigentlich nicht für ausreichend. Durchschnittstemperaturen klingen für Laien harmlos – aber nur 3,5 °C weniger wäre eine Eiszeit. Sorge bereiten mir die Rückkoppelungen, also Permafrostschmelze, die Berge abrutschen lässt, Tundren, die Gärgase wie Methan abgeben und damit das Treibhaus verschlimmern. Und erwärmte Meere lösen und speichern weniger CO2 aus der Luft und schicken mehr treibhauswirksamen Wasserdampf in die Atmosphäre.

Tatsächlich haben wir bereits eine Klimaerwärmung von rund einem Grad weltweit.

Ein Zeichen, das uns bereits hätte wachrütteln sollen, war der Ötzi: Aus einer 5000 jährig ununterbrochenen Tiefkühlkette ragte plötzlich sein Arm - weltberühmt - als "global warning vor dem global warming".

Also was muss jetzt passieren?

Wäre die Erde die Patientin, die weltraumgestützte Umweltforschung ihr medizinisch-diagnostisches Labor, müsste man Notfall-Alarm geben. Je eher, desto besser, denn der Unterschied zwischen Humanität und Brutalität liegt im Zeitraum, der zum Ergreifen der nötigsten Maßnahmen bleibt. Ich kann der Politik die letzten 30 Jahre nicht verzeihen, denn gemessen an diesen Existenzfragen beschäftigen sie sich mit erschütternden Nebensächlichkeiten – selbst inmitten der größten Biodiversitätskrise sind sie nicht einmal imstande, den universellsten Blütenpflanzenkiller Glyphosat zu verbieten.

Welche Notfallmaßnahmen?

Für Patientin Erde gibt es keine Notoperation, also bleibt nur eine strenge Diät, ein Entzug, wie bei einem Suchtkranken. Alles als schädlich Erkannte wird abgesetzt, von Treibhausgasen bis Umweltgiften. Einem Jahrhundert der Vergiftung müssen Jahrzehnte der Entgiftung folgen. Ich meine, auch Entwicklungshilfe darf es nur mehr geben, wenn sich die Nehmerländer zur konsequenten "Low Carbon Development" verpflichten. Wir müssen von derzeit acht Tonnen CO2–Ausstoß pro Kopf und Jahr auf höchstens zwei Tonnen herunterkommen, ein US-Amerikaner verbraucht sogar 16 Tonnen, ein Inder nur 0,9 Tonnen.

Aber hat nicht der Bürger nun Sorge, dass die Klimaschützer jedem sein Schnitzel, sein Auto und seinen Mallorca-Flug wegnehmen wollen?

Wir reden von einem Generationenprojekt, nicht von Zwängen. Ich lehre Ökologie bei Ernährungswissenschaftern, da erklären Studentinnen mir die Nachteile des importierten Billgfleisch-Überkonsums. Wir müssen weder vegan noch Vegetarier werden, aber "seltener" wird "genussvoller" bedeuten. Müssen wir 75 Kilo Fleisch pro Jahr, Amerikaner sogar 95 Kilo, konsumieren? Da merke ich gerade bei den Jungen den stärksten Sinneswandel, auch beim Rauchen und den Autos.

Aber mein Auto muss weg?

In attraktiven Städten wie Wien kommt die Mehrheit schon ohne Auto aus, das braucht man mehr zur Stadtflucht. Am Land ist man weiter auf Autos angewiesen, da braucht es eine bessere Öffi- Anbindung. Das größte Autoproblem der Stadt ist der Flächenbedarf. Die Großstädte brauchen echte Entziehungskuren vom Auto – billiger ist Ökologie und geglückte Urbanität nicht zu haben.

Und Urlaubsflüge?

Im Rahmen sozialökologischer Steuern werden Urlaubs-Charter wohl ihren Preis bekommen, die Flugtechnik wird da gefordert sein. Hochgeschwindigkeitszüge konkurrieren vielerorts mit Flugverbindungen. Außerhalb der Urlaubszeiten dominiert in Flughäfen eine Manager-Funktionärsschicht. Die UNO prägte den Grundsatz: "move information, not people." Aber Videokonferenzen sind leider noch am Anfang der Entwicklung.

Heute wird Wasserkraft als Erneuerbare Energie massiv propagiert und ausgebaut. Stehen Sie dem positiv gegenüber?

Danke Wasserkraft, es ist genug. Schon in 1970er Jahren kamen 90 Prozent des Stroms aus Wasserkraft. Seither enorm ausgebaut, deckt sie heute über das Jahr nur mehr 59 Prozent – durch die weiter gedankenlos angeheizte Stromverschwendung. Elektrizität ist zwar nur rund ein Fünftel der Gesamt-Energie, wenn auch das wertvollste. Wasserkraft gilt als erneuerbar, aber eine zerstörte Landschaft ist es nicht. Noch mehr Erneuerbare ist keine Energie-Wende, die echte Wende setzt beim Verbrauch an.

Also ist Verzicht, ein Sparen bei den Ressourcen, ein Lösungsweg?

Bauen wir alle Erneuerbaren Energien, also Wasser, Wind, Fotovoltaik, Biomasse, rücksichtslos aus, schaffen wir maximal die Hälfte unseres derzeitigen Gesamtenergie-Verbrauchs. Wir werden also die andere Hälfte unseres Gesamtverbrauchs einsparen müssen. Aber nicht durch Askese sondern durch einen Stopp bei der Energieverschwendung und durch intelligentere Nutzung. Zudem wäre das ein riesiger Beschäftigungsimpuls für rund 28 Branchen von Gewerbe und Industrie, etwa mit Contracting-Krediten, die sich aus den eingesparten Energiekosten refinanzieren. Warum fangen wir nicht morgen an? Generell vergleiche ich die Erde gerne mit einem Raumschiff, wo der Captain im August mitteilt, man habe zwar für die Jahresreise ausreichend Nahrungsmittel geladen, doch leider sind die Ressourcen aufgebraucht – wegen maßlosen Verbrauchs in der Luxusklasse. Das ist unsere Situation. Es wird ja schon länger ein Welterschöpfungstag, englisch Earth Overshoot Day, berechnet, an dem die Nachfrage an natürlichen Ressourcen das Angebot und die Kapazität der Erde zur Reproduktion dieser Ressourcen in diesem Jahr übersteigt. Der rückt immer weiter nach vorne und liegt mittlerweile am 2. August. Danach leben wir auf Kosten der nachfolgenden Generationen. In den westlichen Industrienationen leben wir üppig in einer scheinbar noch normalen Welt, weil Milliarden in materieller Armut der Entwicklungsländer kaum Ressourcen verbrauchen. Jetzt geht es darum, Lebensstile zu finden, die für diese Milliarden einen Aufstieg ermöglichen und für uns Reduktionen mit kulturellen Gewinn , wo andere Werte als der Konsum in den Vordergrund treten.

Werden Sie nicht langsam müde, gegen die vielen Widerstände anzukämpfen?

In den 1980er Jahren lud man mich in einen Industriellenklub ein, quasi als "exotischen Grünling". Einer fragte, ob ich mich nicht wie "Don Quijote" gegen die Windmühlen fühle. "Im Gegenteil", war meine Antwort, "ich bin für Windmühlen." Heute weiß ich: Selbst dafür kann es Grenzen geben.