© KURIER /Franz Gruber

Interview
10/27/2013

Hugo Portisch: "Österreichs Politik braucht Weckruf"

Der Grandseigneur der Publizistik über Österreichs Identität, die EU und die Regierungsbildung.

von Ida Metzger

KURIER: Herr Portisch, nach der erfolgreichen Neuauflage der Doku „Österreich I“ startete das Revival von „Österreich II“. Wie lange dauerte es, bis die Österreicher nach den Weltkriegen an eine eigene Identität glaubten?

Hugo Portisch: Das war in der Tat eine Entwicklung. Als ich 1964 im KURIER von einer österreichischen Identität geschrieben habe, hat ein Teil meiner Redakteure gemeint, so etwas gibt es nicht. Zwar haben die Österreicher im Gegensatz zu den Menschen nach dem ersten Weltkrieg an das kleine Land geglaubt. Aber es wurde diskutiert, können wir uns als Österreicher bezeichnen oder müssen wir uns als Volk zum deutschen Kulturkreis rechnen? Von da habe ich konstant von einem österreichischen Lebensweg geschrieben und ihn auch in der Dokumentation Österreich II betont. Wir sind einen ganz anderen Weg als die Bundesrepublik nach dem Krieg gegangen. Die Sowjets haben die Renner-Regierung noch während des Krieges eingesetzt. Am 13. April 1945 fiel der letzte Schuss in Wien und am 27. April 1945 gab es schon die erste Renner-Regierung . Zwar brauchte es dazu die Anordnung von Stalin, aber ohne die sofortige Bereitschaft von Karl Renner, die Initiative zu ergreifen und die Zweite Republik zu gründen, wäre es nicht gegangen. In 14 Tagen haben sich die SPÖ und die ÖVP neu gegründet. Und Renner hat in fünf Tagen die Regierung aufgestellt. Das war ein Wunder. Die Deutschen hatten erst vier Jahre nach Kriegsende eine eigene Regierung. Die rasche und mutige Gründung der Zweiten Republik sollte ein Vorbild und ein Weckruf für die aktuelle österreichische Politik sein.

Werden sich die EU-kritischen Österreicher in zehn Jahren als Europäer fühlen?

Im Gegensatz zu dem, was viele EU-Hetzer behaupten, ist die EU darauf ausgelegt, dass die nationale Vielfältigkeit respektiert wird. Wo man allerdings den nationalen Egoismus aufgeben muss, damit die EU funktioniert, ist auf der Wirtschafts- und Währungsseite. Das ist notwendig, um gegen ein gewaltiges China, ein starkes Brasilien, ein großes Indien und die USA bestehen zu können. In der globalen Welt können wir nur als Union bestehen. Und die EU ist schon heute ein Erfolgsmodell. Denn in den letzten 2000 Jahren gab es in Europa nichts anderes als europäische Bürgerkriege. Die Deutschen und Franzosen haben im Abstand von 20 Jahren gegeneinander Kriege geführt.

2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal. Kronprinz Franz Ferdinand hatte die Vision der Vereinigten Länder Österreichs, also eine Art EU-Modell. Wäre der Weltkrieg mit diesem Modell verhinderbar gewesen?

Die „Was wäre, wenn“-Frage ist in der Geschichtslehre verboten. Aber es stimmt, Franz Ferdinand hatte die richtige Idee, wie man die Monarchie erhalten hätte können. Es waren 14 Nationen innerhalb der Monarchie, die bereits damals eine funktionierende Wirtschafts- und Währungsunion hatten. Franz Ferdinand hatte erkannt, dass die Gefahr des Zerfalls groß ist, wenn die Monarchie von den beiden Herrenvölkern Österreich und Ungarn regiert wird. Er wollte die Nationalitäten aufwerten.

Wer war der wahre Kriegstreiber beim Ersten Weltkrieg?

Ich habe jetzt drei Bücher dazu gelesen, wo jedes Buch eine andere Theorie entwickelt hat. Ich glaube an die Theorie von Manfried Rauchensteiner, der sich seit 20 Jahren mit den Ursachen auseinandersetzt und alle Details kennt. Er behauptet, Kaiser Franz Joseph war es ganz alleine, der den Krieg wollte.

Warum?

Franz Joseph wollte die Serben ausschalten, die am Balkan ständig Unruhen und Konflikte anzettelten und damit die Monarchie schwerst störten. Und Franz Joseph meinten, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo wir sie in die Schranken weisen müssen. Seine Berater wussten, sobald Serbien angegriffen wird, erklärt auch Russland den Krieg.

Derzeit wird die Große Koalition neu verhandelt. Ist das für Sie die beste Lösung oder das kleinste Übel?

Es wäre zu begrüßen, wenn in Österreich auch Abwechslung reinkäme – nämlich, dass einmal die eine und dann wieder die andere große Volkspartei regiert. Das Hindernis, warum das bei uns nicht geht, ist die Ideologie, die von der FPÖ ausgeht. Sie ist Anti-EU und sie ist ausländerfeindlich. Die FPÖ in Regierungsverantwortung zu holen, wurde ja schon mehrfach versucht. Da war ein Bruno Kreisky, der auch eine Art Koalition mit der FPÖ eingegangen ist, damit seine Minderheitsregierung zustande kommt, dann gab es Fred Sinowatz und später Wolfgang Schüssel. Aber diese beiden Säulen Anti-EU und Anti-Ausländer haben schon Bundespräsident Thomas Klestil in Not gebracht, als Wolfgang Schüssel zu ihm kam und meinte, er macht eine Koalition mit Jörg Haider. Aber wenn die FPÖ von ihrer Ideologie abginge, dann wäre sie regierungsfähig.

Welchen neuen Stil würden Sie der Großen Koalition empfehlen?

Die Antwort ist Österreich II – die Große Koalition muss mutig sein, darf bei den Beschlüssen nicht lange zögern und darf sich nicht allen möglichen Pressure-Groups aussetzen. Wenn man regiert, dann regiert man. Die Regierung muss sich als eine Mehrheit, als eine einzige Mehrheit verstehen, die ihre Ziele durchsetzen muss. So, als wäre sie keine Große Koalition, sondern eine Partei, die mit einer absoluten Mehrheit regiert.

War es absehbar, dass Deutschland 68 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder sagt, wo es in Europa langgeht?

Ex-US-Außenminister Henry Kissinger hat einmal zu mir gesagt: Adolf Hitler war ein kleiner Gefreiter, der glaubte, er muss den Ersten Weltkrieg neu beginnen, damit er ihn gewinnen kann. Hätte er ein paar Jahre gewartet, wäre ganz Mittel- und Osteuropa wirtschaftlich von Deutschlands abhängig gewesen. Deutschland war immer eine wirtschaftliche Großmacht in Europa und ist es jetzt auch wieder.
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