© Kilian J. Kessler

Interview
03/31/2021

Hochschulen: "Pandemie war Wendepunkt in der Lehre"

Der Rektor der Uni Zürich setzt auf mehr Fernlehre auch nach Corona und Studierende ohne Matura.

von Elisabeth Hofer

Studieren, ohne im Hörsaal zu sitzen oder ohne maturiert zu haben? Mit diesen beiden Vorschlägen ließ Michael Schaepman, Rektor der Universität Zürich, aufhorchen. Im Interview mit dem KURIER erklärt er, wie die Corona-Pandemie den Uni-Betrieb nachhaltig verändern könnte.

KURIER: Der Hochschulbetrieb in seiner ursprünglichen Form steht seit Pandemie-Beginn praktisch still. Was bedeutet das für die Lehre an den Universitäten?

Michael Schaepman: Corona hat zu einem Wendepunkt geführt. Einerseits sind die Vor- und Nachteile digitaler Kommunikation stärker spürbar geworden, und andererseits hat sie zu Überlegungen einer Mischung von Präsenz- und Fernunterricht geführt.

Sollen Studierende also auch nach Corona zu Hause bleiben und online am Unterricht teilnehmen?

Die physische Interaktion bleibt ein Schlüsselmerkmal der akademischen Ausbildung und wird auch in Zukunft wesentlich zur Kompetenzbildung beitragen. Die Fernlehre ist aber in spezifischen Fällen eine sinnvolle Erweiterung der Präsenzlehre.

Etwa, wenn die Anzahl der Studierenden steigt. Sie wünschen sich ja eine Hochschule für alle – also auch für „Seniorstudenten“ und Menschen ohne Matura. Warum?

Universitäten der Zukunft werden Exzellenz in Forschung und Lehre wie auch gesellschaftliche Integration erreichen müssen. Flexibilisierte akademische Weiterbildung erlaubt Personen, in einer neuen Weise von Universitäten zu profitieren. Außerdem sprechen wir viel über Diversität. Die Studierendenpopulation kann auch von einer Altersdiversität profitieren.

Würden die außerordentlichen Studierenden in diesem Modell Studiengebühren zahlen? Auch wenn sie in Fernlehre studieren?

Die Vorgaben an die Universität Zürich sind, dass das Angebot der Weiterbildung kostendeckend ist. Damit fallen zwangsläufig Kosten für die Weiterbildung an.

Ist die Hochschule für alle auch denkbar, wenn – wie in Österreich – keine Studiengebühren anfallen?

Selbstverständlich. In der Zukunft werden zwei Universitätstypen tragend sein: vollfinanzierte sowie gebührenpflichtige Universitäten. Beide Typen kennen individuelle Herausforderungen. Gemeinsam ist die Tatsache, dass die „Total-Cost-Of-Education“ in einer globalisierten Welt maßgebend sein wird.

Das heißt?

Wenn die Studiengebühren und die Lebenshaltungskosten zusammen zu teuer werden, wählen die Studierenden Top-Universitäten an anderen, auch ausländischen Standorten. In Europa sind vollfinanzierte Universitäten dominant und die Studiengebühren leisten in vielen Fällen nur einen kleinen Beitrag zur Finanzierung der Universität. Entscheidend ist aber die Betreuungsquote: Müssen zu viele Studierende pro Dozierenden betreut werden, sinkt die Qualität. Dies gilt es zu vermeiden.

Bilden die Universitäten derzeit Arbeitskräfte aus, die die Wirtschaft wirklich braucht?

Universitäten bieten – bis auf wenige Ausnahmen – akademische Bildung und nicht Berufsbildung an. Damit stellt sich die Anschlussfähigkeit an den Markt weniger. Es ist wichtig, dass Kompetenzen und Fähigkeiten ausgebildet werden, die für das Berufsleben wichtig sind. Neben Fachwissen sind dies etwa Resilienz, Empathie oder die Fähigkeit, eine eigene Idee auszuformulieren und umzusetzen. In Kombination mit fachlicher Kompetenz sind diese Arbeitskräfte in jedem Fall zukunftsfähige Arbeitgeber und -nehmer und in der Wirtschaft sehr gefragt.

Werden Unis umgekehrt immer mehr zu Ausbildungsfabriken statt zu Orten des Denkens und des Diskurses?

Universitäten müssen die Qualität der Forschung und Lehre als höchste Prinzipien aufrechterhalten. Dabei spielt der Faktor Zeit für Reflexion und Diskurs eine wesentliche Rolle. Es braucht Freiräume in der Ausbildung, um eigene Ideen zu entwickeln.

In Österreich müssen Studierende künftig mindestens 16 ECTS in den ersten beiden Studienjahren erbringen, sonst werden sie zehn Jahre gesperrt. Ist das im Hinblick auf „Freiräume“ clever?

Das Ablegen von ECTS ist ein guter Gradmesser für die Verweildauer an den Unis. Je mehr ECTS erbracht werden, desto eher kann die Person in Regelstudienzeit studieren. Werden den Studierenden aber Incentives geboten, die eine lange Einschreibedauer provozieren, etwa günstigere Versicherungen oder verbilligter öffentlicher Verkehr, kann eine Minimumsregel sinnvoll sein, da die Unis sonst mit einer sehr hohen Zahl an Studierenden konfrontiert sind. Ein Ausschluss vom Zugang zu Bildung ist in einer Wissensgesellschaft aber nie eine gute Idee.

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