"Wir müssen gegenüber religiösen Extremisten intolerant sein"
Kazim ist in Norddeutschland aufgewachsen, lebt und arbeitet seit zehn Jahren in Wien.
KURIER: Ihr Buch beginnt mit dem Satz: „Und Allah sprach: Ich bin bei denen, deren Herz zerrissen ist.“ Ist Ihr eigenes Herz auch zerrissen?
Hasnain Kazim: Ich weiß, wo ich hingehöre und was ich glaube. Aber es tut mir weh, wenn ich sehe, wie Religion – in diesem Fall der Islam – für Machtzwecke missbraucht wird. Als Spiegel-Korrespondent in vielen islamischen Ländern habe ich erlebt, wie vor allem Muslime unter dem islamistischen Terror leiden.
Daher sind Sie wahrscheinlich froh, dass das iranische Mullah-Regime getroffen wurde.
Ich bin froh für die Menschen, mache mir aber keine Illusion, dass es sofort besser wird. Das haben wir bei Regimewechseln oft gesehen – in Libyen, Syrien, Afghanistan, Irak. Wobei ich mir kaum vorstellen kann, dass es im Iran schlechter werden kann.
Glauben Sie an Allah oder an Gott?
Ich bin in einem norddeutschen Dorf evangelisch aufgewachsen – und war immer der Dunkle von den Heiligen Drei Königen. Mit 19 bin ich aus der Kirche wieder ausgetreten, weil so viele Kräfte an mir zerrten. Ich bin aber gläubig und sage Gott, nicht Allah. Bei meinen Eltern – schiitische Muslime – war es keine Entscheidung gegen den Islam, sondern sie haben sich für das Christentum entschieden. Das war immer ein Tabuthema bei den muslimischen Verwandten. Man tritt aus dem Islam nicht aus. In manchen Ländern steht die Todesstrafe drauf.
Sie ernten oft Misstrauen: Für die einen sind Sie Islamist, für die anderen islamophob.
Ich spiele sogar manchmal mit Vorurteilen und denke, dass es wichtig ist, auch über Religion zu streiten. Mein Vorname ist schiitisch. Daher waren zum Beispiel die afghanischen Taliban, die ich als Journalist getroffen habe, sehr skeptisch mir gegenüber. Aus ihrer Sicht war ich kein echter Muslim.
Ist es nicht schrecklich, dass der Islam auch in sich zersplittert ist?
Bei den Christen gab es diese Spaltung in Protestanten und Katholiken ja auch, aber die Spannungen sind nun zum Glück überwunden. Das Schlimme im Islam ist, dass diese Konflikte sehr gewalttätig sind.
Täuscht das Gefühl, oder werden muslimische Zuwanderer immer fundamentalistischer?
Es ist die Realität. Das muss man sachlich kritisieren und darf das Feld nicht Populisten überlassen, die pauschal draufhauen. Die liberalen Muslime verhalten sich zum radikalen und gefährlichen Islam leider sehr still. Die wollen damit nichts zu tun haben. Dabei müsste eine Reform von innen kommen.
Zum ausführlichen "Salon Salomon" mit Hansain Kazim
Werden Sie selbst bedroht?
Ich bin nicht naiv und passe schon auf. Man muss damit rechnen. Freunde haben mir daher abgeraten, dieses Buch zu schreiben. Aber ich schreibe differenziert. Wobei auch die Passage in den „Satanischen Versen“, weswegen Salman Rushdie vom Vorgänger des jetzt getöteten Ayatollah zum Tode verurteilt wurde, völlig harmlos ist.
Sie hatten sich auf Social Media eine zweite Identität als „Kalif“ zugelegt und damit erstaunlich viele Fans gewonnen.
Das war als Satire gemeint. Darüber habe ich auch ein Buch geschrieben. Natürlich gab es Moslems, die meinten, man mache keine Witze über Religion. Auch im Christentum war die Aufklärung ein langer, blutiger Kampf. Wobei ich schon finde, dass man mit Religion respektvoll umgehen soll. Als Chefredakteur wäre ich mit Mohammed-Karikaturen zurückhaltend, weil das viele verletzt. Wenn aber gewaltvoll eingefordert wird, dass man das nicht darf, dann würde ich vielleicht doch eine bringen. Ich habe überhaupt kein Problem mit mehrheitlich muslimischen Schulklassen. Aber sobald ein Bursch einer Klassenkameradin das Tragen kurzer Röcke verbietet oder ein Kopftuch befiehlt, sage ich: „Das geht nicht.“
Gab es zu viel Wegschauen gegenüber solchen Tendenzen bei uns?
Wir sind zu naiv und zu nachlässig. Wir müssen nicht nur gegenüber Rechtsextremen, sondern auch gegenüber religiösen Extremisten intolerant sein. In Ländern wie Pakistan ist die Religion Opium fürs Volk. Für alles, was schiefläuft, gibt es die Erklärung: „Du bist nicht fromm genug.“
Das ging im Iran nicht mehr.
Ja, das hängt einerseits mit Bildung, andererseits mit dem Internet zusammen. Das hat das Fenster in die Welt geöffnet und Fluchtbewegungen gefördert.
Umgekehrt beeinflussen über TikTok islamische Fundamentalisten westliche Junge.
Es gibt Retro-Bewegungen: So ist es schick geworden, ein Kopftuch zu tragen und dem Westen den Mittelfinger zu zeigen. Das kommt bei Leuten, die sich unterdrückt oder nicht wahrgenommen fühlen, gut an – eine bedrohliche Entwicklung. In manchen Londoner Stadtteilen werden Frauen mit legerer Kleidung darauf hingewiesen, dass sich das in diesem islamischen Stadtteil nicht gehöre. Ich halte das Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren daher für völlig richtig. Später können sie leichter frei entscheiden.
Wie geht Ihre norddeutsche Frau mit Ihrer Geschichte um?
Sie kennt mich schon lange und hat mit mir auch in Pakistan gelebt. Sie ist blond und weiß, da war sie diejenige, die auffiel. Sie hat sich an die dortigen Regeln gehalten und ist nicht ärmellos gegangen. Umgekehrt möchte ich auch, dass man sich hier unseren Regeln anpasst.
Wieso leben Sie nun in Wien?
Ich musste 2016 die Türkei verlassen, weil mir als Journalist Präsidentenbeleidigung und anderes vorgeworfen worden war. Meine Frau und ich sehnten uns nach der deutschen Sprache: Das macht für mich am meisten Heimat aus. Wir kannten Wien nicht, hatten darüber gelesen und verliebten uns in die Stadt.
Sie lieben das Kochen, haben das auch in Büchern verarbeitet. Was essen und kochen Sie gerne?
Ich experimentiere gerne mit Fusion-Küche und schaue dann, wie ich ein südasiatisches Curry mit steirischem Kürbiskernöl verbinden kann. Das macht Spaß, auch wenn es bei Familie und Gästen nicht immer gut ankommt.
Der Journalist und Autor Hasnain Kazim wuchs in einem Dorf unweit von Hamburg auf, arbeitete jahrelang als Spiegel-Korrespondent, ist nun aber hauptberuflich Autor. Er hat unter anderem über Pakistan und über den Umgang mit
Hassmails geschrieben.
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