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Politik Inland
09/11/2019

Häupl zu Ibiza: "Ich mag keine Whistleblower"

Im Interview spricht der Wiener Altbürgermeister über den "demokratiepolitischen Wahnsinn" von Ibiza, wünscht sich die SPÖ zurück in die Regierung - und erzählt, was er bereut.

von Christoph Schwarz

KURIER: Herr Bürgermeister, Herr Altbürgermeister, Dr. Häupl - welche Anrede bevorzugen Sie jetzt in der Pension?

Michael Häupl: Mir persönlich ist das wurscht. Aber ich kenne den Brauch in unserer Stadt. Einmal Bürgermeister, immer Bürgermeister. Ich nehme also zur Kenntnis, dass viele "Herr Bürgermeister" sagen.

Vielleicht liegt es daran, dass es schwierig ist,  sich Sie als Pensionisten vorzustellen. Sitzt Michael Häupl zu Hause auf der Couch und schaut sich im Fernsehen an, wie die Ibiza-Affäre ihren Lauf nimmt?

Ich sitze nicht auf der Couch. Ich bin keine Couch-Potato. Ich habe immer viel zu tun.

Fehlt Ihnen die Tagespolitik?

Naja. Sagen wir's freundlich: Nicht wirklich. Natürlich fällt es mir schwer, mich zurückzuhalten, wenn ich Dinge wie dieses Ibiza-Video sehe. Ich dachte zuerst, das ist ein Fake. So dumme Menschen, dachte ich, kann es ja gar nicht geben. Und so angesoffen kann man auch nicht sein. Aber ich wurde eines Schlechteren belehrt. Beeindruckend dabei ist, wie es der FPÖ gelungen ist, Ibiza umzudeuten - hin zu der Frage, wer das Video gemacht hat, und weg von der Frage, was da gesagt wurde. Dabei war das nicht nur strafrechtlich, sondern demokratiepolitisch ein Wahnsinn. Die FPÖ lässt jeden Anstand vermissen.

Zuletzt haben Sie die Methoden der Video-Macher dennoch "zweifelhaft" genannt. Das klingt nach unerwartetem Verständnis für die FPÖ.

Ich habe überhaupt kein Verständnis für die FPÖ. Aber ich mag keine Whistleblower. Wenn jemand einem anderen etwas vorwerfen will, dann soll er zu ihm hingehen und ihm das ins Gesicht sagen. Dann kann sich der andere wehren. In einer Demokratie braucht sich niemand vor einer Auseinandersetzung fürchten. Aber diese Whistleblower erinnern mich ein bisschen an die Kästen, die im Mittelalter vor den Kirchen hingen. Da hat dann jemand einen Zettel eingeworfen, auf dem stand, dass die Nachbarin eine Hexe ist - und dann wurde die arme Frau verbrannt.

Demnach dürfte Ihnen auch der Daten-Diebstahl bei der ÖVP missfallen.

Naja. Wenn sogar so seriöse Politikwissenschafter wie Thomas Hofer die Vermutung aussprechen, die ganze Sache könnte eine Eigenproduktion der ÖVP selbst sein, dann ist das schon bemerkenswert. Ich bin gespannt, was da noch alles kommt.

Wie kann es passieren, dass nach einem Skandal wie Ibiza die SPÖ bei einer Nationalratswahl auf den dritten Platz hinter die FPÖ abzurutschen droht?

Das sind Zahlen, die von den konservativen, reaktionären Parteien in die Welt gesetzt werden. Wenn ich immer allen Umfragen geglaubt hätte, dann wäre ich schon 2015 in Wien nicht mehr Bürgermeister geworden.

Sie glauben an den zweiten Platz für die SPÖ?

Schau ma mal. Ich habe schon große Aufholjagden erlebt. Ich sehe, dass es für die Sozialdemokratie derzeit eine günstige Dynamik gibt. Das liegt auch daran, dass die öffentliche Präsentation von Pamela Rendi-Wagner zuletzt eine sehr viel bessere geworden ist.

In einem Ihrer berühmten Sager haben Sie einst bedauert, dass es immer weniger Entertainer in der Politik gibt - und immer mehr Manager.

Das bedauere ich nicht. Ein steirischer Freund hat einmal gesagt: "Neue G'sichter, neue Leut - pfiat di Gott, du alte Zeit." Das ist doch gut so. Es müssen nicht alle sein wie ich. Manager-Typen sind in der Politik durchaus erfolgreich. Etwa Johanna Mikl-Leitner, die ich zwar nicht wählen würde, die aber gute Arbeit leistet.

Hat die SPÖ auch erfolgreiche Manager-Typen?

Ja, Peter Kaiser zum Beispiel. Den würde ich wählen.

Sie feiern Ihren 70. Geburtstag mit Wegbegleitern - auch aus anderen Lagern und Parteien. Das Verbindende scheint in der Politik derzeit zu kurz zu kommen.

Man wird sich dessen schon wieder besinnen. So wie man sich wieder darauf besinnen wird, dass die Sozialpartnerschaft eine wichtige Einrichtung für unsere Gesellschaft ist. Dieses österreichische Miteinander werden wir wieder brauchen. Nicht zuletzt in einer Phase, in der es Europa und der Welt wegen der Rechtspopulisten nicht so gut geht. Es gibt ja derzeit genug Leute, die der EU schaden wollen. Der eine sitzt zum Beispiel an der Spitze der USA, der andere an der Spitze Russlands.

Altbürgermeister Michael Häupl steht am 14. September der 70. Geburstag ins Haus. Dazu laden Bürgermeister Michael Ludwig und das Bruno Kreisky Forum zwei Tage zuvor, am Donnerstag, „zu einem Spätsommerabend mit Freunden und Weggefährten“, wie es in der Ankündigung der Veranstaltung hieß.

Gefeiert wird unter dem Motto „Mei Wien is ned deppat“ im Bruno Kreisky Forum für internationalen Dialog in Döbling. Das Motto kommt nicht von ungefähr - handelt es sich doch um einen der bekanntesten Sager Häupls, der es sogar zum Spruch des Jahres 2017 schaffte. Nach der Nationalratswahl, bei der die SPÖ Platz eins und den Kanzler verlor, aber zumindest in Wien zulegen konnte, meinte Häupl: „Mei Wien is ned deppat.“

Details zum Festprogramm und zu den erwarteten Gästen gab es seitens der SPÖ auf APA-Anfrage wenige: „Das Geburtstagskind soll überrascht werden.“ Eines ist jedoch fix: Gastgeber Ludwig wird eine Rede halten. Mehrere Hundert Personen hätten bereits ihr Kommen zugesagt, darunter auch Bundesparteichefin Pamela Rendi-Wagner, hieß es außerdem.

Zwischen ÖVP und SPÖ scheint es derzeit keine Gesprächsbasis zu geben. Sehen Sie Türkis-Rot als Koalitionsvariante nach der Wahl?

Über Koalitionen habe ich mein Leben lang immer nach Wahlen und nie vor Wahlen geredet. Sie werden bis zum 29. September von mir also nur eines hören: Dass die SPÖ so gut abschneiden soll, dass es keine Koalition ohne sie geben kann.

Das ist nun aber indirekt doch ein Signal in Richtung Türkis-Rot. Ein Plädoyer für Rot-Blau aus Ihrem Mund wäre eher unwahrscheinlich, oder?

Mit Letzterem haben Sie Recht. Zur Zusammenarbeit mit der ÖVP müssen Sie Sebastian Kurz befragen. Ich höre eine Menge Stimmen im bürgerlichen Lager, die andere Präferenzen haben als Kurz, der schon immer alles dafür getan hat, um Rot-Schwarz zu hintertreiben. Diese Stimmen wird man nicht laut hören, solange Kurz Erfolg hat. Aber schauen wir mal, wie lange der Erfolg anhält.

Mitte der 1990er-Jahre haben Sie gesagt, Wien dürfe nicht mit dem Zentralfriedhof verwechselbar werden. Seit Ihrem Abgang gibt es ein Alkoholverbot am Praterstern, ein Essverbot in der U-Bahn, und der Life Ball steht vor dem Aus. Ist das noch Ihr Wien?

Als ich 1969 nach Wien kam, wurden um zehn Uhr am Abend die Gehsteige hochgeklappt. Und wenn wir feiern wollten, mussten wir nach München fahren. Heute kommen die Münchner zu uns. Dass man in einer Stadt auch halbwegs Ordnung halten muss, ist trotzdem klar. Ein Essverbot hat es in der Straßenbahn bereits in meiner Jugend gegeben, darin sehe ich kein Problem. Der Life Ball ist eine andere Sache.

Inwiefern?

Ich kenne Gery Keszler gut und verstehe, dass ihm nach so vielen Jahren mal der Schmäh ausgeht, und er eine kreative Pause braucht. Das wichtige an einer Pause ist, dass es nachher wieder weiter geht. Einen so unfassbaren Erfolg, ein solches Aushängeschild für Wien, das sollten wir nicht aufgeben. Dass Keszler zuletzt Sponsoren verloren hat, ist vielleicht ein Zeichen, dass man etwas anders machen muss. Das ist wie mit Fußballtrainern im Sport.

Ein Blick zurück: Worauf sind Sie politisch besonders stolz?

Wie es uns gelungen ist, Wien in die EU zu führen und zugleich seine Bedeutung als Leuchtturm für die Länder im Osten und Südosten zu erhalten. Und ich bin stolz, wie es uns gelungen ist, die Wirtschaftskrise 2008 zu bewältigen. Wir wurden viel gescholten für unser keynesianisches Modell. Aber es hat funktioniert. Wien hat sich aus der Krise herausinvestiert. Am wichtigsten ist, dass wir Wien zur Wissensstadt gemacht haben. Heute gibt es in Wien wenige rauchende Schornsteine und viele rauchende Köpfe. Die sind viel zukunftsmächtiger als die Schornsteine.

Nicht genannt haben Sie bisher ihr politisches Experiment, die rot-grüne Stadtregierung. Ist das Experiment aufgegangen?

Naja, über den Verkehr hätten wir ein bissl weniger diskutieren können. Heute ist das Klima global zu Recht ein sehr wichtiges Thema. In einer Stadt geht es dann aber darum, konkrete Maßnahmen zu setzen. Und das ist nicht immer leicht, weil man möglichst viele Menschen mitnehmen muss. Wir leben nicht in einer Diktatur. Wenn ich eine reine Autofahrer-Vergraul-Politik mache, werden das die Leute nicht akzeptieren.

Bis heute ist die Aufregung groß, wenn - wie derzeit - an der Linken Wienzeile ein Radweg fertiggestellt wird.

Die Wiener sind sehr gerne aufgeregt. Und dann gibt es Parteien, die diese Aufregung noch befördern. Wenn ich im Rathauspark früher einen Strauch gepflanzt habe, hat sich eine Bürgerinitiative dagegen gegründet. Diesen Alarmismus mag ich nicht. Klar ist aber, dass der Naschmarkt an der Linken Wienzeile viel mehr ist als ein Markt. Er ist ein Ort der Begegnung mit hervorragender Gastronomie. Und da muss man sich bemühen, möglichst viele Interessen unter einen Hut zu bringen. Ich hoffe, dass sich die Aufregung rund um die Wienzeile bald legt. Fakt ist: Als ich ins Amt kam, lag der Anteil des Öffi-Verkehrs bei 20 Prozent - jetzt liegt er bei 40 Prozent. Das ist konkrete Klimapolitik. Wovon ich wenig halte, ist bloße Symbolpolitik.

Haben Sie ein Beispiel?

Ja, etwa die Klimakrise auszurufen. Das kann man tun, aber es bringt nichts. Es wäre wichtig, dass die USA und China die Klimakrise ausrufen, nicht Wien.

Ab Donnerstag laufen die Feierlichkeiten zu Ihrem 70. Geburtstag. Freuen Sie sich darauf?

Ja. Aber ein bisschen anstrengend sind die ganzen Termine schon. Meine Frau hat schon gesagt: "Da hättest du gleich in deinem alten Job bleiben können." Wie man sieht, hat auch sie einen Schmäh. Einen sehr guten noch dazu.

Sie waren bekannt für Ihre Sager. Gibt es einen, den Sie bereuen?

Ja. Der Sager von den mieselsüchtigen Koffern. Das war keine meiner Sternstunden. Zu allen anderen Aussagen stehe ich.