Politik | Inland
25.01.2018

Großbaustelle Kindergarten: Zu große Gruppen, zu wenig Personal

Der Kindergarten ist die erste außerfamiliäre Bildungseinrichtung. Auf den neuen Minister Faßmann warten hier viele offene Punkte.

Heinz Faßmann ist der erste Bildungsminister, der auch für Kindergärten zuständig ist – zumindest für die Ausbildung der Pädagogen. Wie in der Schule gibt es auch bei der frühkindlichen Bildung viele Baustellen wie beim gestrigen Tag der Elementarbildung betont wurde. Ins Leben gerufen wurde er vom ÖDKH (Österreichischer Berufsverband der Kindergarten- und HortpädagogInnen).

Doch was müsste sich konkret im Kindergarten ändern? Was soll dort vermittelt werden? Das sagen Pädagogen, Eltern und Minister Heinz Faßmann.

Integral-Studie

Eine Umfrage im Auftrag des ÖDKH hat ergeben, dass fast alle Österreicher (95 Prozent) vom Kindergarten erwarten, dass er soziale Kompetenzen wie Teamfähigkeit oder Frustrationstoleranz vermittelt. Für gut 76 Prozent ist auch die Wissensvermittlung von Bedeutung – dazu gehören Sprache, Alltagstätigkeiten wie Schuhe binden, aber auch Umgang mit digitalen Medien. Interessant: 60 Prozent befürworten, dass der Mutter-Kind-Pass den Besuch von Elternkursen vorsieht.

Gruppengröße und Betreuungsschlüssel

Laut der ÖDKH-Vorsitzenden Raphaela Keller gebe es aus wissenschaftlicher Sicht klare Vorgaben. So sollte in der Krippe das Verhältnis von Kind zu Pädagogin maximal 1:4, im Kindergarten maximal 1:7 sein. Die optimale Gruppengröße liegt bei maximal 12 (Krippe) bzw. 20 (Kindergarten) Kindern.

Bundeskompetenz

Der Betreuungsschlüssel ist einer von vielen Punkten, die bundeseinheitlich geregelt werden müssen, so Keller: "Die Elementarbildung muss in die Kompetenz des Bundes. Derzeit entscheiden noch immer die Länder und Kommunen über Gruppengröße oder Öffnungszeiten." Susanna Haas ist pädagogische Leiterin der St. Nikolausstiftung und für die Wiener Pfarrkindergärten zuständig. Ihr Wunsch: Auch Dinge wie die Vor- und Nachbereitungszeit der Pädagogen sowie deren Ausbildung sollen bundeseinheitlich geregelt werden. Bundesminister Faßmann will, dass im Zuge von 15-a-Vereinbarungen mit den Ländern über gemeinsame Standards geredet wird.

Pädagogenausbildung

Derzeit werden die meisten Kindergärtnerinnen in Bildungsanstalten für Elementarpädaogik, kurz BAFEP, ausgebildet – diese ist fünfjährig und führt zur Matura. Laut Haas bildet diese zwar eine gute Grundbildung: "Es ist aber herausfordernd als junge Pädagogin Verantwortung für bis zu 25 Kinder zu übernehmen." Sie schlägt eine modulare Ausbildung vor, die auf die BAFEP aufbaut. Berufsbegleitend könnten an den Pädagogischen Hochschulen die Kenntnisse vertieft werden. Faßmann hält zwar eine tertiäre Ausbildung "für wichtig", gibt aber zu bedenken, dass dies durch die Träger finanziert werden muss.

Personalmangel

Nur ein kleiner Anteil der BAFEP-Absolventen arbeitet später im Kindergarten. Und wenn doch, dann sind es oftmals nur zwei, drei Jahre. Neben kleineren Gruppen wünscht sich Keller Umstiegsmöglichkeiten. "Den Beruf macht man nicht bis 63."Betreuung oder Bildung? Für Elmar Walter, Geschäftsführer der Nikolausstiftung müsse einmal grundsätzlich über den Kindergarten gesprochen werden. Sieht die Politik darin eine Bildungs- oder Betreuungseinrichtung? "Das ist noch nicht so klar. Ist er eine Bildungseinrichtung, müsste die Frage der Finanzierung nicht mehr so gestellt werden." Für ihn ist "der Kindergarten eine Bildungseinrichtung. Er ist ein Ort, wo nicht nur die deutsche Sprache gelernt wird, die derzeit im Fokus steht. Auch soziales Lernen ist essenziell." Zudem müsste man gute Rahmenbedingungen schaffen: Pädagogen sollten schnell erkennen können, in welchen Bereichen ein Kind Entwicklungsbedarf hat – sprachlich, sozial, motorisch etc. – und dann entsprechend fördern. "

Regierungsprogramm

Das Programm hat viel Spielraum offengelassen, wie es mit dem Kindergarten weitergeht. Meist wird er zwar als "Betreuungseinrichtung", die das Familienleben erleichtern soll, tituliert. Einige Bildungsziele werden aber definiert: Besonderer Schwerpunkt wird auf Deutsch vor Schuleintritt gelegt, dazu gehört ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr für Kinder mit Sprachdefiziten. Auch soll ein bundesweit geltender Qualitätsrahmen erarbeitet werden. Faßmann stellt im KURIER jedenfalls fest: "Der Kindergarten ist eine Bildungseinrichtung."