Drei Wochen ohne Smartphone: So geht's Schülern und Lehrern damit

Wie geht es den Schülern im Liesinger GRG23 zur Halbzeit des Handyverzichts? Der KURIER zieht eine Zwischenbilanz.
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Geschafft? Nun ja, geschafft haben es die Schülerinnen und Schüler der 4C im GRG23 in Wien-Liesing noch nicht. Aber immerhin ist "Halbzeit". 

Noch bis 25. März verzichtet die 4C geschlossen auf das Smartphone. Manche Schüler sind telefonisch gar nicht erreichbar, andere haben sich ein Klapp-Handy besorgt, mit dem man zumindest SMS verschicken und telefonieren kann. Aber Soziale Medien und Apps sind für alle passé. 

Der KURIER begleitet die 4C bei ihrem "Handy-Entzug", den derzeit österreichweit mehr als 70.000 Schülerinnen und Schüler im Zuge des sogenannten Handyexperiments versuchen. 

Wie sind bislang die Erfahrungen? Welche Ängste und Sorgen haben sich bewahrheitet? Und vor allem: Sind die drei Wochen ohne Smartphone schaffbar?

Im Gespräch mit dem KURIER ziehen Direktor Markus Michelitsch, und Klassenvorständin Franziska Besin eine auffallend positive Zwischenbilanz. 

"Ich habe das Gefühl, mehr Energie zu haben", sagt Michelitsch, der am Feldversuch selbst teilnimmt und drei Wochen lang nur per Tastenhandy kommuniziert.

Direktor des GRG23: Markus Michelitsch

Nachrichten überprüft er nicht stündlich oder minütlich, sondern nur noch einmal am Tag. "Und ich habe das Gefühl, viel mehr Zeit zu haben."

Das Beispiel des Smartphone-Verzichts scheint Schule zu machen. So hat sich ein Lehrerkollege spontan selbst auf das Experiment eingelassen. "Und er überlegt schon jetzt, ob er nicht grundsätzlich und für immer beim Klapphandy bleibt."

Eine bemerkenswerte Beobachtung hat Klassenvorständin Besin: "Grundsätzlich geht es den Jugendlichen gut, niemand hat abgebrochen."

Gleichwohl sei bei Einzelnen eine Verschiebung zu beobachten: "Ein Schüler, der viel Zeit am Smartphone verbrachte, verzichtet jetzt aufs Handy, verbringt aber dieselbe Zeit vor dem Computer oder vor dem Fernseher. Die Bildschirmzeit hat sich unterm Strich also nicht verändert."

Oliver Scheibenbogen

Für Oliver Scheibenbogen ist diese Beobachtung nicht überraschend. Scheibenbogen ist Suchtexperte, arbeitet an der Sigmund-Freud-Universität und am Anton-Proksch-Institut, und begleitet als Wissenschafter professionell das Handy-Experiment.

"Das Ausweich-Phänomen, also dass die Bildschirmzeit vom Smartphone auf den Laptop wechselt, ist nichts Ungewöhnliches. Allerdings sehen wir auch in diesen Fällen mitunter eine Verbesserung des psychischen Wohlbefindens." Warum? "Weil die ständigen Unterbrechungen, die das Smartphone in der Hosentasche oder am Tisch liegend verursacht, wegfallen und die Konzentrationsfähigkeit nicht ganz so stark leidet."

Wie berichtet, besteht die "Macht" des Smartphones nicht allein in dessen technischen Finessen oder Apps. Sie beginnt schon bei der physischen Präsenz des Geräts. Allein der Umstand, dass ein Smartphone in der Hosentasche steckt und läuten oder eine Nachricht bzw. Neuigkeit schicken könnte, erzeugt bei den Besitzern Stress.

Scheibenbogen bezeichnet den Wechsel auf den Laptop als ersten Schritt in ein anderes Verhalten bzw. als Bewältigungsstrategie: "Wenn Schüler die Social Media Apps am Handy de-installieren und nur noch am PC oder Notebook konsumieren, ist das ein Kontrollschritt in die richtige Richtung. Das Kind plant, wie es Social Media konsumieren will - und ist tagsüber weniger abgelenkt."

Damit der Smartphone-Verzicht über längere Zeit gelingen kann, muss freilich das Freizeitverhalten gesteuert werden, sprich: Die Jugendlichen brauchen Hilfe, Sport oder andere Tätigkeiten zu finden, mit denen sie die frei gewordene Zeit füllen.  "Diese Aufgabe bleibt sehr oft an den Lehrkräften hängen", sagt Scheibenbogen. Aber so viel, also die Freizeit allumfassend zu regeln, könne Schule nicht leisten. "Das ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung."

*Anm. : Der Autor ist Vater einer Schülerin der 4C

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