Ex-Grüne Faika El-Nagashi: "Wir können unser Geschlecht nicht ändern"
Die frühere Grünen-Abgeordnete Faika El-Nagashi (49) über sechs Geschlechter im Eltern-Kind-Pass, das Binnen-I und warum Österreich bei Hormonbehandlungen ein neues Schutzalter braucht.
KURIER: Was sagen Sie dazu, dass der Eltern-Kind-Pass sechs Möglichkeiten des Geschlechts vorsieht?
Faika El-Nagashi: Die sechs Möglichkeiten sind nicht zur freien Wahl. Sie sind die gut gemeinte Fortführung von etwas, das zu einem Durcheinander und dem falschen Gefühl führt, dass etwas frei wählbar wäre. Aber das ist nicht so. Rein rechtlich geht es darum, dass Personen, die mit einer großen Uneindeutigkeit geboren worden sind, einen anderen Eintrag wählen können. Aber das bezieht sich auf einen verschwindend geringen Prozentsatz an Neugeborenen. Und es ist nichts, was Eltern, Hebamme oder Arzt frei bestimmen können. Dazu ist ein Gutachten nötig.
Sie waren früher Nationalratsabgeordnete. Ist es klug, dass der Gesetzgeber so viele Varianten vorsieht, wenn wir von einer Handvoll Betroffenen reden? Überfordert das nicht die Eltern?
Ich glaube nicht, dass Eltern überfordert sind, weil für die meisten klar ist, welches Geschlecht ihr Kind hat. Ich glaube, sie sind eher vor den Kopf gestoßen, warum hier andere Kategorien vorgesehen sind. Das hört ja nicht beim Mutter-Kind-Pass auf, es ist in allen Bereichen Thema: Bei der Geburtsurkunde, beim Meldezettel, auch in den Schulen. Es war keine gute politische Entscheidung, das derart offenzulassen.
Faika El-Nagashi: Die Politikwissenschafterin mit ungarisch-ägyptischen Wurzeln wuchs in Simmering auf und engagierte sich ab 2013 für die Grünen, für die sie bis 2024 im Nationalrat saß. Die bekennende Lesbe war Bereichssprecherin für Integrations- und Diversitätspolitik.
Kontroverse: Im Juni 2025 kam es zum endgültigen Bruch mit ihrer Partei. Grund dafür sind Differenzen bei der Transgender-Politik. El-Nagashi vertritt den Standpunkt, dass das Geschlecht biologisch gegeben und nicht frei wählbar ist. Für sie vertreten die Grünen heute Positionen, die Anliegen des Feminismus gefährden.
Wenn ein erwachsener Mensch zwischen 72 Geschlechtsdefinitionen – von trans über binär bis hin zu fluid – wählen kann, ist das nicht einfach nur Ausdruck einer freien Gesellschaft?
Nein. Es ist das Zeichen einer völlig entgrenzten Gesellschaft und Politik, die die Vorstellung hat, es wäre möglich, das Geschlecht zu ändern, bzw. es wäre ein Menschenrecht, das Geschlecht frei zu wählen. Es gibt keine bestimmte Art, wie man sich als Mann oder als Frau fühlt. Die Körperlichkeit bestimmt, ob wir Männer oder Frauen sind, das kann nicht überwunden werden. Natürlich können wir der Illusion anhängen, eine freie Wahl darüber ins Recht zu schreiben. Das hat aber reale Konsequenzen.
Bei Ihnen war eine Konsequenz, dass Sie den Grünen nicht mehr angehören. Trifft es zu, dass da vieles sehr apodiktisch diskutiert wird?
Die zentrale Frage ist: Was sollen wir als Gesellschaft tun? Aufgabe des Staates ist nicht, die Gesellschaft so zu gestalten, dass jede Person mit ihrem individuellen Wollen gesetzlich anerkannt wird. Das können wir nicht leisten. Wir müssen Grenzen setzen, und diese sind in vielen Bereichen durch die biologische Realität gegeben. Die Körperlichkeit, Mann oder Frau zu sein, ist eine fundamentale Tatsache, und als Gesellschaft versuchen wir darauf Rücksicht zu nehmen – etwa dort, wo eine hohe Vulnerabilität existiert. Deshalb gibt es Räume, in denen Frauen geschützt sind oder ihre Privatsphäre gewahrt wissen. Denken Sie an ein Krankenhaus, wo wir nach Geschlecht getrennte Räume haben. Das hat natürlich einen Sinn – etwa in der Vorbereitung auf eine Operation.
Und dennoch gibt es NGOs, die fordern, den Betroffenen empathisch zu begegnen.
Ich versuche, sehr empathisch mit Menschen zu sein, die sich schwertun akzeptieren, wer sie biologisch sind. Dafür soll es viel Hilfe geben. Therapeutische Unterstützung und auch soziale Räume. Aber das ist heute nicht die Diskussion.
Jedenfalls eine Diskussion sind die Binnen-Is, die *. Verstehen Sie, dass das viele überfordert?
Es ist schwer, hier zu folgen, die Zeichen verändern sich schnell. Viele, die das (die Zeichen, Anm.) sehen, kennen die ideologischen Diskussionen dahinter nicht, sie sehen nur die Zeichen. Und die Frage ist dann: Was passiert, wenn sie die Zeichen nicht machen, weil sie es nicht können oder wollen oder weil es sie nicht interessiert? Wird dann daraus konstruiert, dass sie politisch rückständig oder antifeministisch oder rechtsextrem sind?
Sie sagen, Sie sind Feministin. Was verstehen Sie unter Feminismus?
Sich für die Rechte und Interessen von Frauen einzusetzen – und nicht für die von Männern. Für mich wird ein Mann durch den Sprech-Akt nicht zur Frau. Für mich wird ein Mann auch durch Hormonbehandlungen nicht zu einer Frau. Und ein Mann wird auch durch medizinische Eingriffe nicht zu einer Frau.
...und er sollte keinen Zutritt zu Frauen-Toiletten haben?
Nein, denn es gibt einen Grund dafür, warum es diese getrennten Räume gibt. Das heißt ja nicht, dass Männer, die sich als Frauen identifizieren, völlig ausgeschlossen werden. Sie werden nur aus Frauenräumen ausgeschlossen.
Viele überfordert der Trans-Diskurs, sie haben ein schlechtes Gewissen – oder äußern sich zu der Frage des Geschlechts gar nicht mehr.
Man muss überhaupt kein schlechtes Gewissen haben. Was die Begriffe auf alle Fälle sind: ein Machtinstrument. Sie dienen – auch – dazu, Macht auszuüben. Gerade die Schule ist ein Bereich, wo viele verunsichert sind. Ich habe viel mit Eltern gesprochen, deren Kinder sich als trans identifizieren. Die Eltern sagen, dass die Schule ihnen vermittelt, ihr Kind könne das natürlich machen, ihr Kind ist 14. Aber es gibt kein Recht, mit 14 das Geschlecht selbst zu entscheiden! Dieses Problem muss die Politik lösen. Sie kann sich da nicht rausziehen, es braucht klare Vorgaben für die Schulleitung. Die Frage ist auch: Was macht es mit einer Schulklasse, wenn ein Kind, sagen wir ein 14-jähriger Junge, nach den Schulferien in die Klasse kommt, und die Klasse informiert wird: Das ist jetzt ein Mädchen! Es ist immer noch derselbe Junge, der vor den Ferien da war. Eventuell hat er sich die Haare wachsen lassen. Aber die ganze Klasse soll so tun, als ob er jetzt ein Mädchen wäre.
Wie oft kommt das vor?
Wir haben wahrscheinlich in fast jeder Schule quer durch Österreich solche Fälle.
Eltern von betroffenen Jugendlichen klagen sehr über den „affirmativen“ Zugang, also die Haltung, dass Therapeuten die Selbsteinschätzung von Jugendlichen, im falschen Körper zu sein, sofort akzeptieren, anstatt diese ausreichend zu hinterfragen.
Es ist niemand im falschen Körper. Wenn es so wäre, dann könnte es auch sein, das jemand im falschen Alter ist. Oder dass er der falschen Ethnie angehört. Aber woran mache ich fest, dass der Patient tatsächlich im falschen Körper ist? Natürlich an der Selbstaussage der Person. Und hier ist die Frage, ob ich das als Gesellschaft bei Jugendlichen zulassen kann – oder nicht. Gäbe es so etwas wie im falschen Geschlecht zu sein, dann gibt es für mich zwei Vorbedingungen: Die erste: Als Mensch fertig gereift zu sein. Die zweite: Die eigene Sexualität zu kennen.
Gibt es etwas, dem sich die Dreierkoalition 2026 widmen sollte?
Es gibt einiges. Zuallererst die Richtlinien im Bildungsbereich zu der sogenannten sozialen Transition in der Schule. Was passiert, wenn Schülerinnen und Schüler plötzlich sagen, sie sind eigentlich im anderen Geschlecht? Hier Klarheit zu schaffen, nämlich dass das nicht möglich ist, wäre wichtig. Abgesehen davon finde ich es richtig, das Alter für hormonelle oder operative Behandlungen auf 25 Jahre hochzusetzen, wie es Familienministerin Plakolm bereits vorgeschlagen hat.
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