Politik | Inland
11.11.2018

Fabian Eder: "88 - Ein österreichisches Gedenkjahr"

Gedanken zum Gedenken. Der Autor ist Filmemacher, Regisseur und Kameramann.

Es ist ein merkwürdiges Gedenkjahr, das sich dem Ende zuneigt, wenn wir uns in diesen Tagen an die Novemberpogrome des Jahres 1938 erinnern, an jene Nacht, in der schon wenige Monate nach dem frenetisch bejubelten Eintritts Österreichs in das Deutsche Reich die Auslöschung der Juden besiegelt wurde – eine lange gepflegte Polarisierung durch Worte schuf eine schreckliche Realität. Dabei hat das Gedenkjahr 2018 mit den Reden von André Heller, Josef Winkler und Michael Köhlmeier würdig-angemessen begonnen, bedenkt man, wie viele deutschnational gesinnte Burschenschafter heute im  Parlament sitzen, und dass wir Österreicher in unserer Bequemlichkeit übereingekommen sind, zu glauben, dass es bloß jugendliche Torheit unseres Vizekanzlers war, in Uniform an Gottfried Küssels Wehrsportübungen teilgenommen zu haben. 2018 wird im Gedenken an die historisch bedeutenden Jahren 1918 und 1938 begangen. Dabei hätte es sich angeboten, 1988 in diese Feierlichkeiten mit einzubeziehen, war dieses doch auch schon ein denkwürdiges Gedenkjahr, oder sollte ich sagen: Bedenkjahr?
 Um die Bedeutung von 1988 richtig verstehen zu können, muss man  die bedeutsamen Eckdaten des Jahres 1986 kennen: Der ehemalige UNO-Generalsekretär und ÖVP-Kandidat Waldheim wird Bundespräsident und erhält wegen seines fragwürdigen Umgangs mit der eigenen Vergangenheit im Nationalsozialismus Einreiseverbot in die USA; Vranitzky folgt Sinowatz als Bundeskanzler nach, der zur Kenntnis nehmen musste, dass Waldheims Pferd ohne seinen Reiter Zeuge der Gräueltaten am Balkan war; Haider kapert die FPÖ und holt die von einem ehemaligen SS-Offizier und Regierungsmitglied der Hitler Administration in Wien gegründete Partei zurück zu ihren deutschnationalen Wurzeln, ein Fundament, auf dem sich der neue Rechtspopulismus in Europa gründen wird und das mutmaßlich auch die bereits angekündigte Historikerkommission noch eingehend beschäftigen dürfte; Vranitzky jedenfalls zieht eine klare rote Linie zu dieser FPÖ, die Haider sofort überschreitet und damit die ÖVP in die Regierung hievt; wer wie unser heutiger Bundeskanzler 1986 geboren wurde, kennt nichts anderes, als ein von der ÖVP zumindest mitregiertes Österreich.

Bedenklicher Paarlauf

In diesen bemerkenswerten Weichenstellungen wird aber gern ein den genannten Ereignissen zumindest ebenbürtiges Detail von 1986 übersehen: Claus Peymann übernimmt das Burgtheater. Und das führt geradewegs ins Jahr ’88.

1988 ist das bedeutendste Jahr der österreichischen Kulturgeschichte in der Nachkriegszeit. Thomas Bernhards „Heldenplatz“ wird unter Peymann am Burgtheater uraufgeführt. Noch ehe sich der Vorhang hebt, wetteifern in einem höchst bedenklichen Paarlauf die Medien stichhaltigen Gerüchten folgend um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und echauffieren sich über einen Text, den zu diesem Zeitpunkt noch niemand kennt. Die Neue Kronenzeitung montiert auf ihrem Titelbild sogar Flammen ums Burgtheater. Eine polarisierte und hochgepeitschte Debatte spaltet die Gesellschaft, ein lange entzündeter Nerv wird punktgenau getroffen. Und dann ist es soweit.
Am 4. November 1988, wenige Tage bevor sich die Novemberpogrome zum 50. Mal jähren, bringen Wolfgang Gasser, Kirsten Dene, Elisabeth Rath, Karlheinz Hackl, Marianne Hoppe, Frank Hofmann, Bibiana Zeller und Detlev Eckstein das Stück  unter der Regie von Peymann auf die Bühne. Eine lange Schlacht aus Applaus und Buhgegröhle entbrennt, als der Vorhang fällt. Und oben auf dem Balkon buht lauthals ein junger Wehrsportübender, von dem sich mancher fragen mag, ob ihn wirklich die Sehnsucht nach Kunst oder doch eher   politischer Aktivismus ins Theater getrieben hab mag, und der 30 Jahre später Vizekanzler der auf der Bühne sezierten Nation werden wird.
Bernhard tritt in diesem Schlussapplaus zum letzten Mal öffentlich auf, wenige Monate später stirbt er. Heldenplatz zählt bis heute zu den erfolgreichsten Burgtheater-Aufführungen. 20 Tage später, am 24. November 1988, wird das „Mahnmal gegen Krieg und Faschismus“ von Alfred Hrdlicka enthüllt, dessen Teilstück „Stein der Republik“ aus tonnenschwerem Mauthausner Granit besteht.

Bernhard und Hrdlicka mussten einander nicht absprechen, beide hatten den Nationalsozialismus überlebt, und so entstand dieser Werkzyklus nicht aus einem Plan, sondern aus einer Selbstverständlichkeit, die auch heute noch kein Konsens ist  – nicht etwa, weil die Gesellschaft dazu nicht fähig wäre, sondern weil jede Partei, die den Anspruch einer breiten Volkspartei erhebt, von der Unschärfe am rechten Rand zu profitieren glaubt und dabei in Kauf nimmt, damit den Dissens in die Mitte der Gesellschaft zu tragen, von dem aber bei Wahlen ausschließlich die FPÖ als Nutzniesser hervorgeht.

2018 hätte der  Bundesregierung  die Möglichkeit gegeben, auch jener Künstler und ihrer Vermächtnisse zu gedenken, und damit ein Bekenntnis zum dem Einzigen abzulegen, was wir mit Fug und Recht – und bitte ohne jeden Stolz – als unsere Identität bezeichnen dürfen. Hätte. In Zeiten, in denen Politik wieder mit Polarisierung verwechselt wird, ist es eine auffällige Terminkollision, welche die Anwesenheit des Kanzlers beim Redevortrag von Michael Köhlmeier verhindert. Die anschließende Kritik am Inhalt der Rede kann diesen großen Text nicht größer machen, und es war wohl auch nicht ihre Absicht. Einstweilen setzt sein Stellvertreter den „Trümmerfrauen“ ein Denkmal, statt der Opfer zu gedenken, und bekommt die „ Jörg Haider Medaille“ für seine Verdienste verliehen. Österreichisches Gedenken, 30 Jahre nach „Heldenplatz“.