Expertin Hahn: "Wir sind da irgendwo schon auch selber schuld"

Sylvia Hahn
Foto: Uni Salzburg Sylvia Hahn.

Die Historikerin Sylvia Hahn hat sich auf die Geschichte der Arbeit und historische Migrationsforschung spezialisiert. Im Gespräch mit kurier.at spricht sie über die türkischen Gastarbeiter, die sich nach Wien und Österreich aufgemacht haben.

Kurier.at: Wie kam es eigentlich zum Anwerbeabkommen mit der Türkei?

Sylvia Hahn: Viele - vor allem Männer - sind nicht aus dem Krieg zurückgekehrt und zahlreiche Menschen sind auch ausgewandert. Es wird heute oft vergessen, dass Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg auch aufgrund der prekären Wirtschaftslage ein großes Auswanderungsland war. Mit dem Wirtschaftsaufschwung kam es dann zu einem Arbeitskräftemangel. Den wollte man durch gezielte Abwerbung ausgleichen. Das erste Abkommen wurde mit Spanien getroffen, aber es sind keine Spanier zu uns gekommen. Also hat man sich nach Südosten gewandt, in die Gebiete, die uns eigentlich ein bisschen näher liegen und hat ein Abkommen mit der Türkei und Jugoslawien getroffen.

Wer hat das vorangetrieben?

Die Wirtschaftskammer hatte ein großes Interesse daran, sie hat auch eine Anwerbestelle in Istanbul eröffnet. Die Anwerbungen sind zunächst nur schleppend voran gegangen. Es kamen nur einige hundert Menschen. Erst in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre begann die Zuwanderung langsam zu boomen. Interessanterweise kam ein Großteil der „Gastarbeiter“ nicht in die Hauptstädte, sondern eher aufs Land. Die „Gastarbeiter“ mussten vielfach als Platzhalter in Industrien herhalten, die schon am absterbenden Ast waren  --in den Textilfabriken in Niederösterreich und Vorarlberg zum Beispiel. Sie sehen in diesen Orten einen Bevölkerungszuwachs im 19. Jahrhundert, als die Betriebe gegründet wurden und dann noch einmal in den 60er-Jahren, als die Gastarbeiter kamen. Das war das letzte Aufflackern der Textilbetriebe, getragen von türkischen Gastarbeitern, bevor das die Produktion nach China ausgelagert oder die Betriebe ganz geschlossen wurde.

Wo haben die Leute in Wien gearbeitet?

Hauptsächlich im Baugewerbe und industriellen Produktionsprozessen - auch in den Betrieben, die sich im Speckgürtel rund um Wien angesiedelt haben. Viele haben auch im Gastgewerbe, etwa als Abwäscher in Restaurants gearbeitet, oder Frauen als Reinigungskräfte gearbeitet.

Haben Sie häufig unterhalb ihrer Qualifikation gearbeitet?

Wenn Sie Interviews mit solchen Leuten machen, hören Sie, dass viele verzweifelt waren. Ein Teil hatte doch eine gute Ausbildung und war nicht sehr glücklich dann am Bau zu landen. In der zweiten Welle kamen dann auch sehr viele Unqualifizierte, vor allem als sich das Rekrutierungsgebiet nach Osten und nach Anatolien verschoben hat. Als dann der Ölpreisschock der 70er, der Niedergang der Textilindustrie und die Öffnung der staatlichen Industrie zusammenfielen, gab es eine starke Binnenmigration der Gastarbeiter innerhalb Österreichs. Sie zogen stärker in die Städte nach Wien und Linz. Aber auch kleine Unternehmen begannen allmählich diese Kräfte anzufordern. Viele Handwerksbetriebe, die unter den zunehmend gebildeten Österreichern keine Arbeitskräfte mehr gefunden haben, begannen Arbeitskräfte aus der Türkei über die Wirtschaftskammer anzufordern.

Gibt es Erkenntnisse, ob diese türkischen Gastarbeiter Jobs machten, die sonst brach gelegen wären, oder gab es einen Verdrängungseffekt?

Diese Arbeitskräfte haben immer Tätigkeiten übernommen, die von Österreichern verlassen worden sind. Das machen normalerweise vor allem Männer, die in besser bezahlte Berufe gehen und diese dann durch Frauen oder Migranten ersetzt werden. Die Baubranche, das Gastgewerbe und Handwerksbetriebe waren typisch männliche Erwerbssparten, in denen Gastarbeiter nachrückten.

Warum konnten die Kontingente für Gastarbeiter so lange nicht gefüllt werden?

Man musste die Leute in der Türkei rekrutieren, das war nicht ganz so einfach. Es gab auch strenge Prüfungen - Gesundheitschecks und so weiter. Die mussten gute Zähne haben und fit sein! Es kam also nur eine bestimmte Gruppe in Frage. Auch die Sprachbarriere war ein Problem, Flüge waren wahnsinnig teuer, man konnte nur mit dem Zug fahren. Diese Menschen haben sich ja auch auf etwas eingelassen und die Migration war keine für sie keine einfache Geschichte.

In Österreich stellt man sich das heute wohl oft so vor, dass da eine Tür geöffnet wurde und die Leute dann reinströmten. So war es also nicht?

Nein, es war eigentlich ein relativ langsamer und schwieriger Prozess. Einfacher wurde es, als die Betriebe dann nach einigen Jahren dazu übergingen, Leute mit denen sie zufrieden waren, zu fragen, ob sie nicht noch Freunde oder Bekannte kennen, die das auch machen wollen. Das war zuerst nicht wirklich legal. Der Prozess wurde als nicht mehr über die Wirtschaftskammer gemacht - das hat die Betriebe ja auch etwas gekostet.

Zuerst waren diese Aufenthalte auch wirkllich nur kurz, über ein Jahr. Die Betriebe haben dann aber geschaut, dass sie diese Leute behalten. Die Skifirmen in Salzburg waren zum Beispiel hochzufrieden mit diesen Kräften.

Eigentlich war im Abkommen vorgesehen, dass die Gastarbeiter rotieren. Es sollte sehr schwierig sein, nach einem Jahr wieder zu kommen.

Dazu gibt es in der Geschichte viele Beispiele - nicht nur bei uns - dass das nie funktioniert. Die Amerikaner hatten das mit den Mexikanern in den 1930er und 40er-Jahren so praktiziert. Diese haben sie als saisonale Arbeitskräfte im Krieg geholt und dachten, dass sie die mexikanischen Arbeitskräfte danach wieder zurückschicken könnten.

Ab wann haben diese Menschen begonnen, ihre Familien nachzuholen?

Die ersten haben das schon in den 70ern gemacht, aber das geschah hauptsächlich in den 80ern. Viele mussten aber trotzdem ihre Kinder bei den Großeltern zurücklassen. Der Unsicherheitsfaktor, ob man dableiben kann und seine Kinder nachholen soll, war einfach immer sehr groß, weil alles auf Rotation ausgelegt war und Arbeitsverhältnisse immer wieder verlängert werden mussten. Wir sind da irgendwo schon auch selber schuld, weil wir diesen Menschen lange vermittelt haben, dass sie eigentlich nicht gewollt sind.

Das wirkt nach...

Wir haben heute die Diskussionen um türkische Vereine, die aus der Türkei finanziert werden. Da muss man halt schon auch die andere Seite sehen, dass wir diese Vereine nicht unterstützt haben. Österreich hat sich sehr wenig um diese türkischen Migranten gekümmert. Ob die jetzt Kommunikationsräume haben, Vereine gründen, Unterstützung brauchen. Ein sehr engagierter Priester in Oberösterreich hat darauf schon in den 70ern hingwiesen, dass wir uns darum zu wenig kümmern und hat damals schon gesehen, das darin ein Konfliktpotential stecken könnte.

Vor dem Abkommen gab es ziemlich wenige Türken in Österreich. War man da einfach nicht vorbereitet, dass da auch etwas an anderer Infrastruktur nötig ist?

Darum hat man sich überhaupt nicht gekümmert. Man ist an das einfach völlig blauäugig herangegangen. Man wollte Arbeitskräfte holen und Menschen aus einem anderen Kulturkreis sind gekommen, mit ihren Bedürfnissen und anderen Erfahrungen. Man hat zum Beispiel überhaupt nicht gerechnet, dass diese Leute auch eine andere Essenskultur und Religion haben. In Vorarlberg etwa haben Unternehmer, die engagiert waren, haben dann geschaut, dass sie diverse Produkte wie Bulgur, Oliven, türkisches Joghurt etc. etwa aus München besorgen.

Das ist heute ja schwer vorstellbar, wo es in Wien viele türkische Supermärkte und Läden gibt. Wann entwickelte sich das?

Das ist erst eine Entwicklung der letzten zwanzig Jahre. Ende der 80er hat es zwei türkische Restaurants am Brunnenmarkt gegeben. Erst Ende der 90er hat das enorm zugenommen. Das ist auch eine Sache der zweiten Generation, die nicht mehr nur unselbstständige Arbeitnehmer waren, sondern sich auch selbstständig gemacht haben.

Wo haben die Türken in Wien gewohnt?

Das Wohnen ist für Migranten ein ganz wichtiger Aspekt und war oft traumatisch für die Gastarbeiter. Die Situation war entweder an die Betriebe gekoppelt. Vor allem Männer am Bau haben in Baracken gelebt. Das ergibt aber auch eine große Abhängigkeit vom Unternehmer. Das war fast wie im 19. Jahrhundert. In den 60ern und 70ern war Wien außerdem voll von Substandard-Wohnungen, wo die “Gastarbeiter“ aufgrund der billigen Mieten wohnen konnten. Ohne Wasser, mit Bad und Klo am Gang. Man vergisst, dass enorm viele Altbauwohnungen in Wien von Gastarbeitern saniert wurden, die Wasser in die Wohnungen einleiteten, Duschen und Heizungen und ordentliche Küchen einbauten. Sie haben auch hier oft Funktionen übernommen, die wir in Österreich eigentlich nicht sehen und anerkennen wollen.

(kurier / tsc) Erstellt am
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