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Politik Inland
10/28/2020

Epidemiologe: "Berechnungen der AGES dürften nicht funktionieren"

Der Epidemiologe Gerald Gartlehner ist Mitglied der Corona-Ampel-Kommission. Er hält die Situation noch für bewältigbar.

von Ida Metzger

KURIER: Herr Gartlehner, Wien, Oberösterreich und Tirol verschieben nicht lebensnotwendige OPs. Auf den Covid-19-Dashboards kann man keinen Engpass erkennen. Wie erklären Sie sich die Differenz?

Gerald Gartlehner: Diese Differenz lässt mich auch ratlos zurück. Die Berechnungen der AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) dürften nicht ganz funktionieren. Im Zweifelsfall sind daher die Meldungen von der Basis verlässlicher.

Stimmen dann die Entscheidungen der Corona-Ampel-Kommission auch nicht, wenn die Berechnungen offenbar Mängel haben?

Die Kommission bekommt anders aufbereitete Zahlen und: Die Infektionszahl ist nicht der einzige Indikator für die Entscheidung der Ampel-Kommission.

Franz Allerberger, Chef der Abteilung für öffentliche Gesundheit meint, die Corona-Sterblichkeit liegt laut einer Studie nur bei 0,23 Prozent. Warum braucht es dann die strengen Maßnahmen?

Die Zahlen, die anfangs aus China kamen, waren sehr hoch und lagen bei 20 bis 30 Prozent. Es gibt eine neue Studie, die weist einen Wert von 0,5 bis 0,8 Prozent aus. Es stimmt: Das Virus ist nicht so tödlich, wie wir gedacht haben. Aber es trifft auf eine Population, die nicht dagegen immun ist. Die, die wirklich gefährdet sind, sind die Personen über 65. Zehn Prozent der über 65-Jährigen versterben an Covid-19. Bei den über 80-Jährigen sind es 20 Prozent.

In Deutschland ist ein zweiter Lockdown angekündigt. Wann wird er auch bei uns kommen?

Ein Lockdown ist die absolut letzte Ressource, wenn überhaupt keine Maßnahme mehr greift. Derzeit gibt es noch genug Möglichkeiten, die wir besser um- oder einsetzen können. Ein zweiter Lockdown ist jetzt nicht gerechtfertigt.

Welche Maßnahmen?

Eine wichtige Waffe gegen das Virus wäre effektives Contact-Tracing (Rückverfolgen der Kontakte). Mein Sohn lag vor drei Wochen mit einer Corona-Infektion im Bett. Niemand hat sich bei ihm gemeldet, um ein Contact-Tracing durchzuführen.

Ist es nicht schlicht unmöglich, allen Kontakten eines Infizierten nachzugehen?

Dass es möglich ist, das zeigt uns erfolgreich Südkorea. Laut WHO sollte eine Zwei-Millionen-Stadt wie Wien 700 Personen für das Contact-Tracing einsetzen. Wien hat jetzt knapp 500 Menschen dafür im Einsatz.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober bleibt dabei, dass es im Jänner einen Impfstoff geben soll. Sind Sie auch so optimistisch?

Ich bin weniger optimistisch als der Gesundheitsminister. Im Moment sind zehn Impfungen in der letzten Testphase. Die erste Studie wird erst im Frühjahr fertig. Dann muss der Impfstoff produziert werden. Vor dem Frühsommer werden wir keine Impfung haben – und das tritt auch nur dann ein, wenn bei den Studien alles gut geht.

Die ÖVP fordert, dass es ein Freitesten nach fünf Tagen geben sollte. Eine sinnvolle Maßnahme?

Fünf Tage, das ist die mittlere Inkubationszeit von der Infektion bis zum Auftreten der Symptome bei circa der Hälfte der Infizierten. Dazu kommt: Die Tests sind nicht perfekt. Man müsste die Tests mehrfach machen. Mit dem Freitesten würden wir ein sehr hohes Risiko eingehen.

Der Mediziner (Jg. 1969) ist Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation (Donau-Uni Krems).  Seit September  ist Gartlehner Mitglied der Corona-Ampel-Kommission, des zentralen Beratungsgremiums der Regierung

 

 

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