© Joachim Bergauer

Interview
04/29/2021

Streit um Drosten-Dissertation: "Ich bin ein Bauernopfer"

Plagiatsjäger Stefan Weber über Drostens Dissertation, die Causa Aschbacher und eine gemeinsame Plagiatsstudie mit dem IHS.

von Johanna Hager

KURIER: Sie sind wegen eines Rechtsstreits in die Schlagzeilen geraten, der nicht einer gewissen Skurrilität entbehrt. Im Sommer 2020, inmitten der Corona-Pandemie, untersuchten sowohl Sie als auch der deutsche Journalist und Chemiker Markus Kühbacher die Dissertation von Christian Drosten. Sie kamen zum Ergebnis, dass Drosten kein wissenschaftliches Fehlverhalten unterstellt werden kann. Kühbacher ist anderer Meinung und klagt sie nun. Was konkret wirft Kühbacher Ihnen vor?

Stefan Weber: Zunächst einmal: Herr Kühbacher wird in den Medien als "Journalist“, als "Experte für Wissenschaftsbetrug“ oder gar als "Plagiatsjäger“ bezeichnet. Mir ist er in diesen Berufsrollen jedenfalls nie untergekommen. Nachweislich ist, dass er promovierter Chemiker ist, dass er auf seinem Twitter-Profil seit vielen Monaten gegen mehrere bekannte Wissenschaftler in Deutschland polemisiert und dass er etwa auch die Mediziner Hendrik Streeck und Robert Nitsch juristisch verfolgt. Aber weder Streeck noch Nitsch noch Drosten tun ihm den Gefallen, zu klagen. Also klagte Kühbacher mich, weil ich geschrieben habe, er – Kühbacher – habe "Fake News“ behauptet, nämlich, dass Herr Drosten seinen Doktortitel zu Unrecht führe und die Universität Frankfurt, die ihn promoviert hat, diese "Straftat“ vereitle. Ich bin da nur ein Bauernopfer.

Hatten Sie Kontakt mit Dr. Drosten, der selbst als Zeuge im Juli geladen werden soll – ebenso wie Gesundheitsminister Jens Spahn?

Ich habe ein einziges E-Mail von Christian Drosten erhalten. In diesem schrieb er: "Ich habe mitbekommen, dass im Internet zu meiner Dissertation Unsinn gestreut wird. Bitte wenden Sie sich doch bei Fragen dazu direkt an die Uni Frankfurt.“ Das habe ich getan. Alles spricht derzeit dafür, dass die Promotion entsprechend der damaligen Promotionsordnung verlaufen ist. Übrigens hat natürlich nicht das Gericht Herrn Drosten und Herrn Spahn geladen, sondern Herr Kühbacher hat diese via Twitter zum Prozess "eingeladen“, wie auch Herrn Lauterbach.

Nachdem Sie Plagiatsvorwürfe gegen Christine Aschbacher erhoben haben, ist die Arbeitsministerin von ihrem Amt zurückgetreten. Ob Aschbacher bei Magister- und Doktorarbeit plagiiert hat, das sollen Gutachten klären. Kennen Sie schon Details oder das Datum der Bekanntgabe?

Nein, ein solches Verfahren unterliegt ja der Amtsverschwiegenheit. Ich habe der FH Wiener Neustadt meine Mithilfe bei der Erstellung eines Komplettgutachtens angeboten. Das bezog sich nur auf die Text-Konkordanzen, wäre also hundertprozentig objektivierbar gewesen. Das wurde abgelehnt. Stattdessen hat man dann den Fall der ÖAWI (Österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität) übertragen.

Ich habe deren Praxis, nur Gutachter des jeweiligen Fachs, in dem der Studienabschluss erworben wurde, aber nie Fachgutachter für Fragen von Zitat und Plagiat einzuschalten, oft kritisiert. Wie im Fall Roščić kann das Ergebnis der "Methode ÖAWI“ dann sein, dass sich die Gutachten zweier bundesdeutscher Wissenschaftler aus dem Fach, in diesem Fall Philosophie, diametral widersprechen. Die Uni darf sich dann die für sie angenehmere Version aussuchen. Mit wissenschaftlicher Aufklärung hat das allerdings nichts zu tun. Und die TU Bratislava habe ich zweimal per E-Mail kontaktiert. Ich habe nicht einmal eine Antwort erhalten.

Die Causa-Aschbacher brachte Ihnen Ungemach. Ihre Tätigkeit gleicht laut Wirtschaftskammer, wie Sie in Ihrem Blog schreiben, der eines Detektivs. Sie müssten eine entsprechende Ausbildung machen, um weiter Gutachten erstellen zu können. Ist der Plagiatsjäger mittlerweile Detektiv?

Ja, mit eingeschränkter Berechtigung für Plagiats- und Titelprüfungen. Es ist eine Peinlichkeit ersten Ranges für die WKO, was hier geschehen ist beziehungsweise wozu sie sich instrumentalisieren ließ. Wenn die Gewerbeordnung dazu missbraucht wird, um Aufklärungen wie die meinen abzuwürgen und eine über 13 Jahre aufgebaute Expertise herabzuwürdigen, dann sollten wir uns fragen, was hier falsch läuft in der Interessensvertretung und in der Politik. Man hat mir erklärt, ich müsse ein Jahr bei einem Detektiv "mitlaufen“ und könne dann allenfalls zu einer Prüfung antreten. Ich erhielt aufgrund meiner Expertise sofort die Gewerbeberechtigung und bilde nun Detektive aus. Die Sache ist also genau das Gegenteil geworden. Ich stehe mittlerweile generell, in Sachen Kühbacher und WKO, vor dem Problem, dass man mich mundtot machen will: Schweige ich, bekomme ich keinen Ärger mehr mit sinnlosen Klagen und der Gewerbeordnung. So ticke ich nicht. Ich werde nicht die Wahrheit nicht mehr aussprechen wegen solcher Repressalien.

Sehen Sie sich durch Aschbachers Rücktritt in Ihrer Arbeit bestärkt und bestätigt oder tragen der Prozess und die geforderte Detektiv-Ausbildung zum Gegenteil bei?

Nein, weder Herr Kühbacher noch die WKO können verhindern, dass ich weitermache. Es gibt nun so viele spannende Projekte, die aus der Aschbacher-Aufdeckung zumindest indirekt resultieren, etwa eine Studie zum Thema Plagiat zusammen mit dem IHS oder ein Wiki für Studierende zum Thema Zitieren. Ich will die Zitats- und Plagiatsforschung als Wissenschaftsdisziplin verankern. Meine Lehrveranstaltung zu "guter wissenschaftlicher Praxis“ an der TU Wien ist mir jedes Semester eine intellektuelle Freude. Spürhunde sollten in ehestmöglicher Zeit meine kürzlich eingeschulten Nachfolger sein. Die Wandlung vom Jäger zum Wissenschaftler sollte gelingen.

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