Die Annahme, Branche, Studium und Erfahrung sind für den Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen verantwortlich, ist nur zum Teil richtig.

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Perspektivenwechsel
04/06/2015

Diskriminierung: "Ein unerklärter Rest bleibt"

Forscherin Weichselbaumer: Berufs- und Studienwahl erklären nur teilweise Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen.

von Jürgen Klatzer

Rund 24 Prozent, so viel beträgt der Lohnunterschied zwischen vollzeitbeschäftigten Männern und Frauen in Österreich. In Tagen gemessen, müssen Frauen noch weitere 62 Tage arbeiten, um gleich viel zu verdienen wie die männliche Bevölkerung. Diese Kluft werde sich zwar schließen, aber vor 2095 sei mit einer Gleichbehandlung nicht zu rechnen, heißt es im Global Gender Gap Report 2014 des Weltwirtschaftsforums.

Angesichts dieser Zahlen nehmen sich viele Organisationen und Politiker den Equal Pay Day (jener Tag, bis zu dem Frauen ins nächste Jahr hineinarbeiten müssen, damit sie so viel verdienen wie Männer 2014) zum Anlass, gegen die Lohnungleichheiten zwischen Männern und Frauen aufzutreten. SPÖ-Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek forderte eine Verringerung der Einkommensunterschiede und ÖVP-Frauenchefin Dorothea Schittenhlem pochte auf eine Neubewertung der Arbeit.

Unerklärter Rest

Wie der KURIER berichtete, schlug der Wirtschaftspublizist Michael Hörl in einer Aussendung einen ganz anderen Weg ein. Ganz nach dem Motto, Lohndifferenzen fallen nicht einfach vom Himmel, schob der Salzburger den schwarzen Peter den Frauen selbst zu. Denn diese würden Berufssparten präferieren, die zumeist weniger produktiv seien als die der Männer und deshalb würden sie auch "zu Recht weniger verdienen". Auch wegen ihrer Wahl des Studiums würden sich solche Unterschiede ergeben, so Hörl.

Für Doris Weichselbaumer, Professorin für Gender und Ökonomie an der Johannes Kepler Universität Linz, kann der "Ausstattungseffekt" (Berufserfahrung, Ausbildung, Branche, etc.) nur zum Teil die gravierende Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern erklären. So betrug der Lohnunterschied 2007 19,1 Prozent (Studie 2013; Daten: Mikrozenus, Lohnsteuerdaten, Sozialversicherungsdaten 2007; siehe unten). Aber wenn man Branche/Beruf (1,11 Prozent), Ausbildung/Berufserfahrung (2,71 Prozent) und firmenspezifischen Eigenschaften (4,39 Prozent) herausrechnet, ergibt sich trotzdem eine Lohndifferenz von 10,89 Prozent. "Dieser unerklärte Rest wird in der Ökonomie oft als unmittelbare Lohndiskriminierung interpretiert. Er illustriert, dass eine Frau selbst wenn sie die gleiche Ausbildung wie ein Mann aufweist und vollzeitbeschäftigt in demselben Beruf tätig ist wie dieser etwa 11 Prozent weniger verdient" , so Weichselbaumer gegenüber demKURIER.

Gesellschaftliche Strukturen

Hörls Argument, Frauen würden zu Recht weniger verdienen, kann Weichselbaumer nicht nachvollziehen. "Man muss sich auch mit der gesellschaftlichen Struktur beschäftigen", erklärt die Wissenschaftlerin. Frauen hätten zum Teil nur zu Berufssparten Zugang, in denen der Verdienst generell niedriger sei. "Zahlreiche Studien beweisen, dass Bewerberinnen trotz hoher Qualifikationen geringere Chancen haben in typische Männerberufe einzusteigen." Bei Männern, die sich für typische Frauenberufe bewerben, sei es zwar ähnlich, aber weil Männerberufe üblicherweise besser bezahlt werden als Frauenberufe, können Frauen auch seltener höhere Einkommen erwirtschaften.

Das bedeutet, auch wenn Berufserfahrung, Wahl des Studiums und Branche verschiedene Gründe für ungleiche Löhne identifizieren, "reicht es noch lange nicht, um Lohnungleichheiten zwischen Männern und Frauen vollständig zu erklären." Umso wichtiger sei es, auf Lohndifferenzen hinzuweisen und die aktuelle Situation zu hinterfragen. "Der Equal Pay Day und der unerklärte Rest sollen vor allem zum Nachdenken über geschlechtsspezifische Strukturen und unterschiedliche wirtschaftliche Möglichkeiten von Männern und Frauen anregen", so Weichselbaumer.

Studie: Lohnunterschied 2007

Die 2013 veröffentlichte Studie "The gender wage gap in Austria" ist die umfassendste, die sich mit dieser Thematik in Österreich beschäftigt. Die Autoren untersuchten anhand von Mikrozensus, Lohnsteuer- und Sozialversicherungsdaten (inkludiert: Ausbildung, tatsächliche Berufserfahrng, Karriereunterbrechungen, Jobcharakteristika, Unternehmensgröße, Industrie, etc.) aus dem Jahr 2007 die Bruttostundenlöhne von vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmer (11.698) und Arbeitnehmerinnen (6.064)im privaten und öffentlichen Sektor.

Im Jahr 2007 verdienten Frauen 19,1 Prozent weniger als Männer (3,3 Euro/Stunde). Zurückzuführen ist dieser Prozentsatz auf die erklärenden Faktoren - Ausbildung/Berufserfahrung (2,71 Prozent) , Beruf/Branche (1,11 Prozent) und firmenspezifische Eigenschaften (4, 39 Prozent) - und den unerklärten Rest (10,89 Prozent).

Interpretation

Die erklärenden Faktoren identifizieren Gründe für die Lohnungleichheit und deren Bedeutung, sind jedoch selbst von ökonomischer oder kultureller Diskriminierung beeinflusst. Zum Beispiel haben Frauen früher einen schlechteren Zugang zu Bildung gehabt.

Autoren der Studie: Rene Böheim, Christine Zulehner, Helmut Mahringer, Klemens Himpele