Politik | Inland
08.05.2017

Deutsche Polizei will Schaulustige bloßstellen

Bald soll es Strafen hageln: Nach einem schweren Unfall standen in Nürnberg 80 Gaffer im Weg.

Montagfrüh auf der Autobahn nahe Nürnberg: Nach mehreren Lkw-Auffahrunfällen mit einem Schwerverletzten blockierten rund 80 Schaulustige die Arbeit der Rettungskräfte. Ein Polizeisprecher berichtete: "Die Leute standen in mehreren Reihen mit ihren Kameras da und fotografierten und filmten." Das besondere Motiv: Ein Getränkelaster hatte seine Dosen verloren, die über die Fahrbahn rollten. Die Autobahn in Richtung Heilbronn war mehrere Stunden lang gesperrt, der schwer verletzte Fahrer eines Kleintransporters wurde mit dem Hubschrauber in eine Klinik gebracht. Die Polizei musste schließlich mit Absperrungen die Schaulustigen zurückdrängen. "Das hat eine große Zahl Einsatzkräfte gebunden, die eigentlich dazu da sind, Leben zu retten", sagte der Polizeisprecher.

Solche Szenen von Rücksichtslosigkeit sollen bald hart bestraft werden – mit Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr und hohen Geldstrafen. Polizisten sollen den Schaulustigen auch die Handys wegnehmen dürfen, wenn Verletzte gefilmt werden.

Unfall auf YouTube

Im Vorjahr sorgte der Fall einer Frau in der Mainzer Innenstadt für Empörung: Eine Straßenbahn hatte ihr das Bein abgetrennt. "Die Frau war schneller auf YouTube als auf dem OP-Tisch", beschrieb Polizist Achim Hansen das Geschehen.

Der Gesetzesvorstoß sei im Interesse der Opfer. Künftig soll auch das Herstellen und Verbreiten von bloßstellenden Bildern verstorbener Personen unter Strafe stehen.

Einige Polizeistationen haben mit Gegenstrategien Erfolg. Sie stellen peinliche Gaffer bei Facebook oder Twitter an den Pranger. "Schämt euch, ihr Gaffer", schrieb etwa die Polizei Hagen nach einem Unfall, als ein kleines Mädchen angefahren wurde. "Polizisten in der Absperrung habt ihr gefragt, ob sie mal an die Seite gehen können, damit ihr besser filmen könnt. Unfassbar!" 1,3 Millionen Rückmeldungen gab es, fast durchwegs waren sie positiv.

Besonders schlimm: Eltern mussten den tödlichen Unfall ihres Kindes fast in Echtzeit auf Facebook mitansehen, noch bevor die Polizei sie von dem Unglück verständigen konnte.