Politik | Inland
06.06.2018

Deutschkurse: Streit eskaliert zum Streik

Direktoren für Widerstand, auch ÖVP-Lehrergewerkschaft schließt Kampfmaßnahmen nicht aus

An sich sind die Deutschklassen für Kinder, die keine ausreichenden Sprachkenntnisse haben, ja schon seit einiger Zeit beschlossene Sache.

An sich.

Wäre da nicht eine Gruppe Wiener Pflichtschul- und NMS-Lehrer, Direktoren und Wissenschaftler, die nun lapidar sagt: Der Plan, die Kinder für ein bis zwei Jahren in separaten Klassen zu unterrichten, sei schlecht organisiert, unausgegoren, generell nicht zielführend.

Wenn die Regierung das nicht überdenke, werde man über „eine Umgehung“ nachdenken. Sprich: Plötzlich steht ein Boykott im Raum.

Ideologiefrage

Dass das für Streit sorgt, ist nur logisch. Während von Neos und SPÖ Applaus kommt, spricht die ÖVP, seit Jahren Verfechterin separater Klassen, von „linken Ideologen“, die sich besser um die Zukunft der Kinder kümmern sollten, so Generalsekretär Karl Nehammer. Wiens FPÖ-Landeschef Johann Gudenus nennt das Ganze „skandalös“ – und fordert Konsequenzen.

Nur: Ist das ganze wirklich eine Ideologiefrage? „Nein“, sagt Erika Tiefenbacher, Direktorin der Wiener NMS Schopenhauerstraße und Mitglied der Lehrerplattform. Für sie sind es Erfahrungswerte, die zählen: Sie hat zu Beginn der Flüchtlingskrise eine eigene Klasse für geflüchtete Kinder installieren müssen, „einfach, weil es zu viele waren.“ Die Lehre daraus? „Diese Kinder können deutlich schlechter deutsch als jene Flüchtlingskinder, die gemeinsam mit den anderen Kindern unterrichtet wurden“, sagt sie.

Gefahr Gettoklasse

Problematisch ist für sie, dass „wirklich jede Schule das selbe System haben soll. Wir haben ja seit Jahren mit dem Problem zu tun, darum hat auch jede Schule ihr eigenes, erfolgreiches Modell entwickelt.“ Sie fordert darum, dass die Schulen Deutschkurse im Rahmen ihrer Autonomie umsetzen dürfen – nur so könne man Schullaufbahn-Verluste – also Sitzenbleiben und Schulabbruch – vermeiden. „Mit dem jetzigen Modell besteht die Gefahr, dass es zu noch mehr Gettoklassen kommt.“ Und damit zu hohen Folgekosten.

Dass da nicht jeder zustimmt, ist freilich auch klar. Im Ministerium verweist man gern auf die positiven Erfahrungen aus Berlin – und darauf, dass vor allem in Wien andere Gesetze gelten. Das bestätigt auch Walter Gusterer, ehemals Bezirksschulinspektor im 20. Bezirk: „Dass Kinder von anderen Kindern Deutsch lernen, stimmt nicht immer. Gerade in Wien, wo wir oft Klassen mit mehr als 90 Prozent Migranten haben, funktioniert das oft nicht.“

Bleibt die Frage: Was passiert, wenn die Lehrer ihre Drohung wahr machen – und das Gesetz im Herbst boykottieren? Das empfehlen selbst jene nicht, die die Lehrer inhaltlich unterstützen: Wiens SPÖ-Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky äußerte für den Protest „großes Verständnis“, erinnerte die Lehrer aber daran, sich an Gesetze zu halten. Ähnlich die Reaktion von Lehrergewerkschafter Paul Kimberger: „Das würde ich niemandem raten. Ein vorsätzlicher Gesetzesbruch hätte eine disziplinäre Ahndung zur Folge.“

Runder Tisch kommt

Die Kritik verstehe er aber „in weiten Teilen durchaus“, wie er zum KURIER sagt – und er wird sie weitertragen: Für kommenden Mittwoch hat er, der schwarze Gewerkschafter, einen Termin mit ÖVP-Bildungsminister Heinz Faßmann erkämpft. Würden dort nicht alle offenen Fragen positiv beantwortet – darunter auch die Beibehaltung der Autonomie bei Deutschkursen –, „werden wir den gewerkschaftlichen Druck erhöhen.“ Ob das auch Kampfmaßnahmen beinhaltet? „Ich schließe nie etwas aus.“