Politik | Inland
04/15/2019

Das Jahr 1919 ist „noch immer Ende, aber mehr schon Beginn“

Das Jahr Eins nach der Monarchie. Gerhard Jelinek zeichnet in seinem Buch akribisch den Übergang in ein neues Zeitalter auf.

Man kann die „Neue Zeit“ in wenigen Worten beschreiben: 1919 beginnt „ein rasanter sozialer Wandel: Das gleiche Wahlrecht für alle, endlich auch für Frauen. Die vornehmlich in der Sozialdemokratie organisierte Arbeiterschaft steigt zur bestimmenden Kraft auf. Im neuen Kleinstaat, der Deutsch-Österreich heißt, ist das verarmte Wien noch immer ein kulturelles und wissenschaftliches Gravitationszentrum“, in dem Freud und andere Große wirken.

Man kann die „Neue Zeit“ aber auch auf 250 Seiten beschreiben. Mit spannenden und oft kaum bekannten Details. Und das tut Gerhard Jelinek in seinem Buch „Neue Zeit 1919“, in der „Zukunftsängste das anfangs so freudig begrüßte Ende des Regimes überlagern“. Dennoch: 1919 ist „noch immer Ende, aber mehr schon Beginn“.

Bürgerwehr im Cottage

Gleich zu Silvester 1918/19 empfängt Arthur Schnitzler in seiner Villa in der Sternwartestraße einige Freunde, unter ihnen Felix Salten. Ein Gast hat eine Bürgerwehr gegründet, mit der besorgte Anrainer im noblen „Cottage“ selbst für ihre Sicherheit sorgen wollen. Arthur Schnitzler tritt der Bürgerwehr noch am Silvesterabend bei.

„Die neue Zeit beginnt unter schlechten Vorzeichen“, schreibt Jelinek. „Kein Krieg mehr, aber auch noch kein Friede. Ein Staat schon, aber ohne Freiheit. Eine Notgemeinschaft, aber keine Nation. Ein Land ohne feste Grenzen.“

 

Die Ernährungslage ist katastrophal, Volkswehrsoldaten schießen auf Gendarmen. Der Zorn entlassener Soldaten richtet sich gegen wohlhabende Bauern, vor allem aber gegen die katholische Kirche. Den Geistlichen wird unterstellt, Lebensmittel zu horten und die Bevölkerung hungern zu lassen. Am 9. und am 10. Jänner 1919 plündern Demonstranten den Pfarrhof in Steyr, ein Arbeiter und ein Gendarm kommen bei der Schießerei ums Leben.

All das und noch viel mehr geschieht am Rande des Jahres 1919: Der Klavierfabrikant Ludwig Bösendorfer stirbt 94-jährig, nachdem er sich am Abend davor noch des Essens erfreute, das seine Haushälterin für ihn gekocht hatte, und er zu Scherzen aufgelegt war.

 

Im Juli marschieren Arbeiter vom Ybbstal nach Waidhofen, um gegen Juden zu demonstrieren – sogar Arbeiter der Rothschildschen Forstverwaltung – und das, obwohl diese Hunderten Arbeitern Brot gibt und sie gut bezahlt. „Dennoch durchzieht ein radikaler Antisemitismus die industriell geprägte Region.“

Tanzinstitut

Protestiert wird auch gegen den Rittmeister a. D. Willy Elmayer, der am 1. Oktober 1919 in der Wiener Innenstadt ein „Tanzinstitut“ eröffnet, das sich bald sehr großer Beliebtheit erfreuen sollte. Doch seine früheren Kriegskameraden erklären, dass der Berufswechsel dem „Ehrenkodex des Offizierskorps“ widerspreche. Der Walzer ist übrigens der einzige Tanz, den Tanzmeister Elmayer beherrscht.

Die bevorstehende Ernennung Sigmund Freuds zum Ordentlichen Universitätsprofessor ist es mehreren Zeitungen wert, die Meldung am letzten Tag des Jahres 1919 auf die Titelseite zu heben.

„1919“ ist die logische und informative Fortsetzung der Bücher, die Gerhard Jelinek bereits über „1914“, „1938“ und über die „Sternstunden Österreichs“ verfasst hat.