Österreich sucht die Top-Flugabwehr: Was das kostet und wer die besten Chancen hat

Das Verteidigungsministerium hat die Analyse für neue Flugabwehrsysteme mittlerer Reichweite abgeschlossen, bis Ende des Jahres soll das System feststehen. Unternehmen aus sechs Staaten haben Chancen.
France Paris Air Show

Während die Politik über die Sinnhaftigkeit einer Volksbefragung zur Wiedereinführung verpflichtender Milizübungen diskutiert, steht im Verteidigungsministerium (BMLV) bereits das nächste Großprojekt an: Bis Jahresende will man sich für ein System der Flugabwehr mittlerer Reichweite entscheiden – also für Fähigkeiten, die bis rund 50 Kilometer weit und bis etwa 25 Kilometer hoch wirken können.

„Dieses System ist ein wichtiger Baustein in unserer Luftverteidigung. Bisher sind wir bei der Flugabwehr auf sehr kurze und kurze Reichweite gut unterwegs“, sagt Generalleutnant Harald Vodosek, Rüstungsdirektor des BMLV, zum KURIER.

Modernisierungen

Beschafft wurde etwa das mobile Flugabwehrsystem Skyranger; die leichte Fliegerabwehrlenkwaffe Mistral wurde modernisiert und in den Skyranger integriert. Auch die 35-mm-Fliegerabwehrkanonen wurden modernisiert und mit einem neuen Feuerleitsystem ausgestattet: „Mit diesen Systemen wurden die ersten Schritte auch in Richtung Drohnenabwehr gesetzt“, so Vodosek.

Rund um den Jahreswechsel sandte das Verteidigungsministerium einen Request for Information (RFI) an Unternehmen in sechs Nationen aus: Deutschland, USA, Großbritannien, Frankreich, Italien und Israel. „Wir suchen nicht nur geeignete Unternehmen, sondern Partnernationen, mit denen wir eine tiefer gehende Kooperation eingehen können“, sagt Vodosek. Damit eröffnen sich mehrere Optionen.

Luftverteidigung Distanzen

Gegengeschäfte

So plant etwa der italienische Rüstungskonzern Leonardo den sogenannten „Michelangelo-Dome“ – ein System, das verschiedene Flugabwehrkomponenten kombinieren und bis 2028 einsatzbereit sein soll.

Leonardo beliefert Österreich bereits mit dem Mehrzweckhubschrauber AW-169 und künftig mit dem M-346FA. Zu Letzterem wurde mit der italienischen Regierung eine industrielle Kooperation (Gegengeschäfte) vereinbart. Fiele die Wahl auf Italien, könnte auch das Rüstungsunternehmen MBDA eine Rolle spielen – Leonardo hält daran 25 Prozent.

Auf diesem Weg wäre ebenso eine vertiefte Kooperation mit dem französischen oder britischen MBDA-Zweig denkbar. In diesem Fall lägen Lösungen wie SAMP/T oder CAMM/CAMM-ER-basierte Systeme nahe.

Analysen abgeschlossen

Laut Vodosek hat seine Direktion 5 Rüstung die Leistungsbeschreibung und die ersten Marktanalysen abgeschlossen und ist auf dem Weg den Einleitungsakt zu erstellen. Darin werden unter anderem Stückzahl, Finanzrahmen und Ausstattung festgelegt „Verfügbarkeit und Produktionskapazität sind auch ein wichtiges Kriterium“, sagt Vodosek.

Auf einem derart nachgefragten Markt ist das nicht selbstverständlich.

Die Anzahl der Feuereinheiten dürfte sich auf eine niedrige zweistellige Zahl belaufen.

Kosten noch unklar

Wie hoch die Kosten für die Systeme sein werden – dazu kann Vodosek aus Verhandlungsgründen keine Auskunft geben. Am ehesten lässt eine Anfragebeantwortung von Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) aus dem Herbst 2023 darauf schließen: Damals sagte sie, die budgetäre Grundlage für Abwehrsysteme kurzer und mittlerer Reichweite solle bis 2032 bei 2,5 Milliarden Euro liegen. Das deutsche Unternehmen Diehl Defence etwa, das unter anderem IRIS-T SLM und IRIS-T SLX fertigt, will seine Produktion massiv ausbauen – die Nachfrage ist jedoch hoch.

Ab 2028 will das Unternehmen in der Lage sein, bis zu 16 Feuereinheiten pro Jahr zu produzieren.

Für Anbieter wie Diehl Defence oder MBDA spricht aus Sicht des BMLV zudem, dass es sich um europäische Unternehmen handelt. Auch die französische Firma MBDA geht vermutlich mit dem einsatzerprobten Flugabwehrsystem MICA und umfassenden nationalen Kooperationsoptionen ins Rennen. Gleichzeitig drängt Israel verstärkt in den europäischen Markt: Mit den Unternehmen IAI und Rafael werden bewährte Flugabwehrsysteme wie SPYDER oder Barak angeboten – auch im Bereich größerer Reichweiten.

2029 erster Zulauf

Deutschland nahm im vergangenen Jahr etwa das System Arrow 3 aus Israel in Betrieb. Ebenfalls infrage käme NASAMS, das von Raytheon und Kongsberg entwickelt und gefertigt wird.

Bei einer Bestellung dieser Größenordnung will die Regierung erneut auf industrielle Kooperationen setzen – hier ist auch das Wirtschaftsministerium gefragt. „Wir haben den Auftrag, das beste Gerät zu beschaffen – mit der bestmöglichen Perspektive für eine vertiefte Zusammenarbeit mit einer Partnernation“, sagt Vodosek. Läuft alles nach Plan, sollen die ersten Feuereinheiten ab 2029 zulaufen.

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