Politik | Inland
22.04.2018

Blecha & Kostelka: Späte Vaterschaft legitim? „Sie fesselt neu“

Karl Blecha übergibt Senioren-Chefposten an Peter Kostelka: Beide Politiker machten in der Kreisky-Ära Karriere. Beide wurden im Opa-Alter wieder Väter.

KURIER: Herr Blecha und Herr Kostelka, die Regierung hat diese Woche das neue Mindestpensionspaket vorgestellt. Sind zufrieden damit?

Peter Kostelka: Das ist ein sehr zaghafter Schritt in die richtige Richtung. Denn es sind kaum Pensionisten von der Maßnahme betroffen. Nämlich nur rund 10.000 von den ungefähr 2,2 Millionen Pensionisten im Land. Für mich ist das eine reine Placebo-Droge. Sie soll schöner ausschauen, als sie tatsächlich ist.

Karl Blecha: Wir sehen es nur als eine Aktion der Öffentlichkeitsarbeit. Mehr ist es nicht.

Wo liegt der Fehler?

Kostelka: Jene Personen, die über 40 Beitragsjahre zustande bringen, werden immer weniger. Das ist ein Faktum. Denn bei 900.000 Kündigungen im Jahr geht sich ein derart hohes Beitragskonto nicht mehr aus. Die Frauen haben nach wie vor die Kindererziehungszeiten, die nicht als Beitragszeiten zählen. Besser wäre es, die Ausgleichszulagen auf 1000 Euro anzuheben. Das ist eine Maßnahme, die auch die Frauen spüren würden und die auch durchaus finanzierbar ist.

Blecha: Dazu kommt noch, dass bei den Frauen die zehn schlechtesten Verdienstjahre bei der Durchrechnung der Arbeitszeit nicht berücksichtigt werden sollen.

Vizekanzler Strache lässt nun prüfen, ob der Staat sich bei 30 Beitragsjahren eine Erhöhung der Mindestpension von bis zu 50 Euro im Monat leisten kann. Davon sollen vor allem die Frauen profitieren. Wäre dieser Schritt mutig genug?

Kostelka: Seit 2009 sind durch die diversen Pensionsreformen insgesamt 7,5 Milliarden gespart worden. Bis 2020 werden es sogar zehn Milliarden sein. Unter diesen Voraussetzungen schauen vernünftige Schritte zumindest etwas größer aus. Die möglicherweise 50 Euro mehr Pension pro Monat nach 30 Beitragsjahren muss man auch erst einmal erreichen. Es ist immer die Frage: Was leistet sich die Regierung? Für 17.000 Hoteliers hat man die Mehrwertsteuer von 13 wieder auf zehn Prozent gesenkt. Allein das kostet 120 Millionen Euro im Jahr und bringt den Hoteliers einen Gewinn von drei Prozent.

Herr Blecha, nach 18 Jahren treten Sie als Präsident ab. Wie viel Wehmut empfinden Sie?

Blecha: Der Ehrenvorsitzende des Pensionistenverbandes zu sein, ist ja mehr als nur einen Titel auf der Visitenkarte stehen zu haben. Ich stehe mit Rat und Tat gerne zur Seite. Es wäre aber gelogen, wenn ich sage, dass ich nicht wehmütig bin. Es wird für mich nicht leicht werden, von einer Position, die einem zum Handeln zwingt, in die beratende Funktion zu wechseln.

Sie haben bei Ihrem Abschied unzählige Bücher signieren dürfen. Politiker, die nach 60 Jahren so beliebt sind, gibt es kaum mehr. Sind sie der letzte Mohikaner einer ganz anderen Politikergeneration?

Blecha: Das weiß ich nicht. Das können andere besser beurteilen.

Kostelka: Der Name Karl Blecha ist mit der goldenen Kreisky-Zeit verbunden. Insofern ist er eine lebende Ikone. Die Zahl derer, die mit Kreisky zusammen gearbeitet haben, wird natürlich kleiner. Einer davon, wenn auch in wesentlich unwichtigeren Positionen, bin ja auch ich. Diese Tatsache ist etwas, was sich jüngere Generationen gar nicht mehr vorstellen können. Das erfüllt mich dann immer mit großem Amüsement.

Erfüllt es Sie mit Wehmut, wenn die Sozialdemokratie in ganz Europa am absteigenden Ast ist?

Blecha: Das trifft mich sehr. Gerade in dieser Phase unserer gesellschaftlichen Entwicklung müssten die sozialdemokratischen Antworten sehr gefragt sein.

Warum sind Sie es dann nicht?

Blecha: Es ist zum Teil ein Problem der Öffentlichkeitsarbeit. Die Sozialdemokratie schaffte es nicht, ihre Themen an den Mann zu bringen.

Kostelka: Das politische System beginnt sich in allen europäischen Ländern zu ändern. Schauen wir nach Frankreich oder Italien. In Österreich sind wir in einer neokonservativen Phase mit zwei Parteien, die rechts der Mitte stehen. Sie werden eine Politik machen, die ein Zurückschwingen des Pendels bringen wird. Da bin ich mir ganz sicher.

Neben der gemeinsamen Zeit mit Bruno Kreisky gibt es noch ein Faktum, das in Ihren beiden Lebensläufen ähnlich ist. Als Karl Blecha Präsident des Pensionistenverbandes wurde, wurde er nochmals Vater. Auch Sie. Herr Kostelka, haben mit 71 Jahren eine 16 Monate alte Tochter. Warum dieses Abenteuer der doch sehr späten Vaterschaft?

Blecha: Als ich Präsident wurde, begann auch ein neuer Lebensabschnitt für mich. Ich habe Töchter aus der ersten Ehe, die Jahrzehnte älter sind als meine Jüngste. Aber das war ein gewollter Prozess. Das ist mir nicht passiert und es ist eine spannende Aufgabe.

Kostelka: Vor neun Jahren wurde ich Witwer. Dass ich nochmals eine neue Beziehung eingehen werde, damit habe ich eigentlich nicht mehr gerechnet. Dass sich die Dinge so entwickelt haben, finde ich sehr schön.

Wo liegt der Unterschied: Wie agiert man als junger Vater im Vergleich zum späten Vater, der eigentlich schon im Großvater-Alter ist?

Blecha: Die junge und später Vaterschaft ist völlig unterschiedlich. Das kann man nicht vergleichen. Man sieht die Aufgaben und die Verantwortung der Vaterschaft aus einem anderen Blickwinkel. Bei meiner jüngsten Tochter habe ich die Verantwortung viel mehr wahrgenommen als bei meinen älteren Töchtern. Die Frage der Begleitung des jungen Menschen beschäftigen dich mehr. Sie nehmen dich fast gefangen. Man denkt eben nach: Jetzt bin ich Mitte 60, was wird passieren, wenn die Tochter 20 ist? Kann ich den Weg der Entwicklung mitgehen und fördern?

Und geht es?

Blecha: Ja, es geht. Es baut mich sogar auf, wie sehr mich meine 18-jährige Tochter braucht. Wir sprechen fast täglich über Themen, die die Menschen berühren sollten. Das geht von Politik, über Gesundheit, Social Media bis zu gesellschaftspolitischen Veränderungen. Kostelka: Ein wesentlicher Unterschied ist, wenn man älter wird, ist man sich der eigenen Relativität bewusst. Dadurch steht man dem jungen Leben viel offener gegenüber. Anders formuliert: Bei meiner ersten Tochter war es so, dass ich gerade in die Bundesregierung eingetreten bin. Vier Jahre später übernahm ich den Parlamentsklub. Da war ich mit mir und meinen beruflichen Problemen sehr ausgelastet. Das lenkte mich von der Familie ab. Heute ist man sich bewusst, dass dieses Zusammenleben unendlich wichtig ist und man sich dem neuen Menschenleben zuwenden muss. Die eigenen Probleme treten in den Hintergrund. Momentan erlebe ich eine erfülltere Vaterschaft, weil ich in jungen Jahren, noch viel mehr mit mir selber zu kämpfen hatte.

Was antworten Sie Menschen, die meinen, mit 70 darf man nicht mehr Vater werden. Die Kritiker meinen, nur weil es biologisch möglich ist, muss es noch nicht legitim sein...

Kostelka: Das ist eine Frage der höchstpersönlichen Lebensplanung. Das soll und muss jeder Mensch für sich selbst entscheiden.

Fordern Ihre Lebenspartnerinnen heute mehr Engagement bei der Erziehung als das Ihre früheren Ehefrauen taten?

Blecha: Das tut meine Frau nicht, weil ich mich ohnehin sehr engagiere. Würde ich das aber nicht tun, würde meine Frau mich darauf aufmerksam machen. Da hat es sicherlich einen positiven Wandel gegeben.

Kostelka: Wir sind beide mit emanzipierten und selbstbestimmten Frauen verheiratet. Aber ganz abgesehen davon: Jeder Vater, der sich nicht engagiert, wird sein Kind nie richtig verstehen lernen. Nur mit der Übernahme der Aufgaben und der Verantwortung kann auch die Beziehung zwischen Vater und Kind wachsen.

Die älteren Geschwister könnten die die Mütter Ihrer Nachzügler sein. Wie war deren Reaktion, dass ihre Väter im Pensionsalter nochmals eine neue Familie gründen?

Blecha: Als ich meinen Töchtern erklärt habe, dass sie noch ein Geschwisterchen bekommen, war das ein besonders erfreuliches Erlebnis für mich.

Kostelka: Bei mir war es so: Zuerst großes Erstaunen und dann Akzeptanz.

Hält eine späte Vaterschaft jung?

Kostelka: Natürlich ist es so, dass man in so einer Situation weniger daran denkt, wo es einen gerade wieder einmal zwickt.

Blecha: Was die nervliche Belastung betrifft, hat es ein Mann leichter. Denn die Beziehung zwischen Kind und Mutter ist immer die stärkere, deswegen ist die Belastung auch automatisch eine größere.

Kostelka: Das sehe ich nicht so. Wir teilen uns die Aufgaben sehr partnerschaftlich. Ich bin auch um drei Uhr in der Früh aufgestanden, um zu wickeln und das Flascherl zu geben.

Blecha: Der Unterschied ist folgender: In der ersten Phase habe ich mich auch durch das Babygeschrei vom Schlafen abhalten lassen und mitgewickelt. Aber in den späteren Jahren war die Hauptlast bei der Mutter. Wenn das Kind aus dem Volksschulalter kommt, dann wandelt sich das Blatt und es ist es geradezu der Stolz des Vaters, sich um das Kind zu kümmern. So habe ich es empfunden. Mit meiner Tochter über die Welt zu sprechen, erfüllt mich mit viel Freude. Es ist schön zu sehen, wie wissbegierig die jungen Menschen sind. Wie man als junger Mensch vielleicht selber einmal war, hat man in meinem Alter schon vergessen. Das Interesse eines Teenager fesselt einen neu als Vater.

Herr Kostelka, Christian Kern war seinerzeit Ihr Pressesprecher. Als er im Mai 2017 die SPÖ übernommen hat, wurde er als roter Messias gefeiert. Hätten Sie sich gedacht, dass das der Wahlkampf dann so schief läuft?

Kostelka: Das hätte ich mir sicher nicht gedacht und haben auch viele nicht erwartet. Denn die Werte von Christian Kern waren vor dem Machtwechsel in der ÖVP noch wesentlich höher. Das Ergebnis der SPÖ war für mich eine bedauerliche Momentaufnahme. Aber auch damit wird man leben müssen. Die Sozialdemokratie hat in ihren 130 Jahren schon viel erlebt und wird auch das überleben.

Herr Blecha, wenn Sie politische Bilanz ziehen. Sie hatten viele Hochs, aber auch einige Tiefs wie Lucona oder Noricum. Was würden Sie heute anders machen?

Blecha: Mein Highlight war selbstverständlich die Kreisky-Zeit. Wir haben es verstanden, die Aufbruchstimmung der 68er-Jahre zu nützen. Diesen Schwung der späten 60er-Jahre haben wir für den Wahlerfolg 1970 und die absolute Mehrheit 1971 mitgenommen. Ich war damals für die Wahlkampagne verantwortlich. Dadurch habe ich die Wahlforschung in Österreich zu einem sehr großen Teil mitbestimmt. Das war eine großartige Erfahrung, die ich machen durfte und das noch dazu an der Seite eines Volkstribunen wie Kreisky. Und die Tiefs? Denen kann man gar nicht ausweichen. In einem Leben, wo es Höhen gibt, kommen auch Tiefen. Man darf sich durch Tiefs nur nicht vom Weg abbringen lassen.

Sebastian Kurz residiert im Bundeskanzleramt im Kreisky-Zimmer. Ist das ein Affront für Sie?

Blecha: Affront ist es keiner. Ich sage nur soviel: Wenn man sich die Schuhe des Vaters anzieht, dann merkt man schnell, ob sie passen oder ob sie zu groß sind.